Wunder

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Was sind Wunder?

Wunder betrachtet man gewöhnlich als Vorgänge, die im Gegensatz zu den Naturgesetzen stehen. Diese Ansicht ist aber offensichtlich falsch, denn die Gesetze der Natur sind unverletzlich. Nur weil das menschliche Verständnis für diese Gesetze auch im besten Falle unvollkommen ist, können Ereignisse, die mit den natürlichen Gesetzen streng übereinstimmen, als ihm widersprechend erscheinen. Die ganze Natur ist auf Planmäßigkeit und Ordnung angelegt. Aber wie die Gesetze der Menschen, so sind auch die Gesetze der Natur abgestuft. Dass in einem besonderen Fall ein höheres Gesetz angewendet wird, spricht doch nicht gegen das Vorhandensein eines niedrigeren. Ein Beispiel: die menschliche Gesellschaft hat ein Gesetz eingeführt, welches jedem bei schwerer Strafe verbietet, einem anderen sein Eigentum wegzunehmen; aber manchmal enteignen gerade die Vollstrecker dieses Gesetzes zwangsweise das Eigentum ihrer Mitmenschen, wenn gegen diese ein Urteil vorliegt: und zwar wird dies getan, um der Gerechtigkeit zu genügen, nicht um sie zu verletzen. Jehova hat geboten: „Du sollst nicht töten”, und auch die Menschheit hat dieses Gesetz anerkannt und Strafen auf seine Übertretung gesetzt. Die Heilige Schrift bezeugt aber, dass der Gesetzmacher in gewissen Fällen selber Seinen Dienern befohlen hat, die Gerechtigkeit zu rechtfertigen durch das Nehmen menschlichen Lebens. Der Richter, der einen Mörder zum Tode verurteilt, und der Henker, der das Urteil vollstreckt, handeln keineswegs im Widerspruch zu dem Gesetz „Du sollst nicht töten”, sondern gerade zum Schutze dieses Gebotes.

Mit einigen Gesetzen und Kräften der Natur sind wir mehr oder weniger bekannt, und bei ihrer Betrachtung staunen wir nicht mehr, obwohl tieferes Nachdenken zeigen würde, dass selbst der gewöhnlichste Vorfall im Grunde genommen wenig verstanden wird. Aber irgendeine außergewöhnliche Begebenheit kommt dem Oberflächlichen gleich wunderbar vor (siehe ein schseinbares Wunder). Als der Prophet Elisa die Axt auf dem Wasser schwimmen ließ (2. Könige 6:57), zog er eine der Schwerkraft überlegene Kraft zu Hilfe. Natürlich war das Eisen schwerer als das Wasser; aber durch jene höhere Kraft wurde es getragen, oder es hing oder wurde auf eine andere Weise, wie von einer menschlichen Hand, auf der Oberfläche des Wassers gehalten, oder es schien, als habe es durch anhängende Schwimmer genügende Schwimmkraft erhalten.

Ein scheinbares Wunder

Vor mehreren Jahren besuchte ein bekannter deutscher Gelehrter, Herr Werner Siemens, die Pyramide zu Gizeh; von zwei arabischen Führern begleitet, stieg er auf ihren Gipfel. Er bemerkte, dass die Luft und Witterungsverhältnisse für elektrische Vorführungen sehr günstig waren. Er befestigte einen großen Messingknopf an einer leeren Kürbisflasche in den Händen eines der Araber, dann stellte er seine Fingerknöchel in eine kurze Entfernung von dem Knopfe und zog eine Reihe leuchtender Funken davon, die natürlicherweise von dem krachenden, dem elektrischen Entladen eigentümlichen Knallen begleitet wurden. Die Führer sahen diese Äußerung übernatürlicher Kräfte mit Erstaunen und Schrecken an, die den Höhepunkt erreichte, als ihr Meister seinen Stab über seinen Kopf streckte und der Stock von schönem St. Elmsfeuer überdeckt würde. Dies war mehr, als die abergläubischen Beduinen ertragen konnten; sie zitterten vor einem Zauberer, der mit Blitz und Feuer spielen konnte wie mit einem Spielzeug und der den Donner im kleinen in seiner Rocktasche trug; so flohen sie mit gefährlicher Überstürzung die Treppen hinunter und verschwanden in der Wüste.

Die Verwandlung von Wasser in Wein und andere Wunder

Der Wein besteht gewöhnlich etwa zu vier Fünfteln aus Wasser; den Rest bilden verschiedene chemische Zusammensetzungen, deren Grundstoffe in der Luft und im Erdboden reichlich vorkommen. Die gewöhnliche Weise was wir so die gewöhnliche Weise nennen , um diese Elemente in die richtige Zusammensetzung zu bringen, ist, den Weinstock zu pflanzen und die Rebe zu pflegen, bis die Frucht so weit ist, dass sie ihren Saft der Weinpresse überlässt. Aber durch Ausübung einer nicht in menschlicher Macht stehenden Kraft rief der Heiland bei der Hochzeit zu Kana (Johannes 2:1-11) diese Stoffe zusammen und brachte eine chemische Wandlung in den Wasserkrügen zustande, deren Ergebnis reiner Wein war. So auch als Er die Volksmengen speiste: das Brot und die Fische vermehrten sich unter Seiner priesterlichen Hand und Seinem bevollmächtigten Segen an Gehalt, als wäre die Entwicklung von Monaten in einem Augenblick zusammengezogen worden. Beim Heilen der Aussätzigen, der Gichtbrüchigen und Gebrechlichen wurden die zerrütteten Körperteile wieder in ihren gesunden Zustand gebracht; die in den Zellgeweben als Gift wirkenden Unreinigkeiten wurden entfernt durch schnellere und wirksamere Mittel als die, welche von der Wirkung der Arzneien abhängig sind.

Kein ernster Beobachter, kein urteilsfähiger Geist kann das Vorhandensein von Intelligenzen und Organismen, welche die menschlichen Sinne nicht wahrnehmen können, bezweifeln. Diese Welt ist nur die zeitliche Verkörperung geistiger Dinge. Der Schöpfer hat uns gesagt, Er habe alle Dinge zuerst geistig erschaffen, ehe Er sie zeitlich schuf. Die Blumen, die auf Erden blühen und verwelken, sind vielleicht dort oben durch unverwelkliche Blüten von überirdischer Schönheit und erquickendem Duft dargestellt. Der Mensch ist im Ebenbild Gottes erschaffen; sein Geist, wenn auch infolge schädlicher Gewohnheiten verdunkelt und geschwächt, ist dennoch ein zwar gefallenes Urbild unsterblichen Denkens und göttlicher Vernunft. Und obwohl der Raum, der in Denken, Verlangen und Tun das Menschliche vom Göttlichen trennt, so weit ist wie der Raum zwischen Himmel und Erde – denn so hoch wie die Sterne über der Erde sind, so sind die Wege Gottes höher als die der Menschen , können wir doch eine Gleichartigkeit zwischen Geistigem und Zeitlichem wahrnehmen. Als dem Diener des Propheten Elisa die Augen geöffnet wurden, sah er die Heerscharen der himmlischen Streiter, welche die Berge um Dothan bedeckten, Fußsoldaten, Reiter und Kriegswagen, die zum Kampf gegen die Syrer gerüstet standen (2. Könige 6:13-18). Dürfen wir nicht glauben, dass, als Israel Jericho belagerte (Josua, Kap. 6), der Fürst über das Heer des Herrn (Josua 5:13,14) und Sein himmlisches Gefolge zur Stelle waren und die Mauern durch ihre überirdische Kraft umstürzten, allerdings unterstützt durch den Glauben und Gehorsam des irdischen Heeres?

Einige der neuesten und größten Errungenschaften der Menschen zur Nutzbarmachung der Naturkräfte gleichen der Wirkung der geistigen Gaben ziemlich stark. Auf eine Entfernung von tausend Meilen das Ticken der Uhr zu zählen; gewöhnlichem Tone zu sprechen und über das ganze weite Land gehört zu werden; von der einen Halbkugel aus zu funken und auf der anderen verstanden zu werden, obwohl dazwischen Meere rollen und brausen; den Blitz in unsere Häuser zu bringen und ihn als Feuer und Licht zu verwenden; in die Luft zu fliegen und unter dem Wasser zu fahren; chemische und atomare Kräfte uns dienstbar zu machen sind dies nicht Wunder? Ihre Möglichkeit ist bis kurz vor ihrer Vollendung bezweifelt worden. Nichtsdestoweniger werden diese und alle anderen Wunder durch die Kräfte und Gesetze der Natur vollbracht, die auch die Gesetze Gottes sind.

Wunder können nicht im Widerspruch zu Naturgesetzen stehen

Wunder können nicht im Widerspruch zu Naturgesetzen stehen, sondern sie werden durch die Anwendung von Gesetzen zustande gebracht, die nicht allgemein oder üblicherweise verstanden werden. Die Schwerkraft ist überall wirksam, aber durch die örtliche und besondere Anwendung anderer Kräfte kann sie scheinbar aufgehoben werden -; wenn etwa durch Muskelkraft oder mechanischen Impuls ein Stein vom Erdboden aufgehoben, hochgehalten oder in die Luft geworfen wird. In jedem Augenblick des Vorgangs ist jedoch die Schwerkraft voll im Spiel, obwohl ihre Auswirkung durch eine andere und örtlich stärkere Energie modifiziert wird. Der menschliche Sinn für das Wunderbare nimmt im selben Verhältnis ab, wie das Verständnis für den Vorgang des Geschehens zunimmt. Errungenschaften, wie sie durch die modernen Erfindungen des Telegrafen und des Telefons mit oder ohne Draht, die Umwandlung mechanischer Kraft in Elektrizität mit ihren vielfachen jetzigen und zukünftigen Anwendungsmöglichkeiten, die Entwicklung des Benzinmotors oder die gegenwärtige Leistung in der Luftschiffahrt möglich gemacht werden, sind in der Vorstellung der Menschen keine Wunder mehr, weil sie alle in gewissem Maße von ihnen verstanden und beherrscht werden und weil sie überdies fortwährend geschehen und keine Einzelerscheinungen sind. Wir stufen eigenmächtig nur solche Erscheinungen als Wunder ein, die ungewöhnlich, besonders und vorübergehend sind und durch eine Kraft zustande gebracht werden, die sich der menschlichen Kontrolle entzieht.

Im weitesten Sinn ist die ganze Natur ein Wunder. Der Mensch hat gelernt, dass man den Samen einer Weinbeere in ein geeignetes Erdreich legen und durch entsprechende Pflege das Wachstum einer Pflanze hervorrufen kann, die sich schließlich zu einem ausgereiften und fruchtbringenden Rebstock entwickelt; aber liegt etwa in dieser Entwicklung, selbst im Sinn eines unergründlichen Vorgangs, nicht auch ein Wunder? Ist etwa der sogenannte natürliche Verlauf der Pflanzenentwicklung; das Wachstum der Wurzel, des Stammes, der Blätter und der Frucht mit der schließlichen Entstehung des würzigen Traubensaftes; ein geringeres Wunder als das, was bei der Verwandlung von Wasser in Wein zu Kana so übernatürlich erschien?

Wenn wir die von Christus vollbrachten Wunder betrachten, müssen wir notwendigerweise die Wirkung einer Kraft erkennen, die unser gegenwärtiges menschliches Verständnis übersteigt. Auf diesem Gebiet ist die Wissenschaft noch nicht weit genug vorgedrungen, um analysieren und erklären zu können. Die Wunder abzuleugnen und die berichteten Ergebnisse als erdichtet anzusehen, weil wir die Mittel nicht verstehen können, hieße, den menschlichen Verstand als allwissend hinzustellen und den folgenden Schluss zu ziehen: Was der Mensch nicht begreifen kann, das kann nicht sein, und daher kann er alles begreifen, was ist. Die in den Evangelien berichteten Wunder sind durch Zeugen genauso erhärtet wie viele der geschichtlichen Ereignisse, bei denen auch niemand Einwand erhebt oder weitere Beweise verlangt. Wer an die Göttlichkeit Christi glaubt, für den sind die Wunder genugsam bewiesen; dem Ungläubigen erscheinen sie nur als Mythen und Fabeln.

Wer die Werke Christi begreifen will, muss Ihn als Sohn Gottes erkennen; für diejenigen aber, die noch nicht gelernt haben zu erkennen -; für die ehrlichen Seelen, die nach dem Herrn forschen - ist die Einladung bereit: „Kommt und sehet!”

Der Standpunkt der Wissenschaft gegenüber Wundern

Das ist das Thema einer wertvollen Abhandlung von Professor H. L. Orchard, die im „Journal of the Transactions of the Victoria Institute, or Philosophical Society of Great Britain” 1910, Bd. 42, S. 81-, veröffentlicht wurde. Dieser Artikel war 1909 mit dem Gunning-Preis ausgezeichnet worden. Nach einer längeren Analyse des Gegenstandes bringt der Verfasser folgende Zusammenfassung, der sich alle Teilnehmer an der Diskussion anschlossen: „Wir kommen zum Schluss unserer wissenschaftlichen Erforschung der biblischen Wunder. Sie befasste sich

  1. mit der Natur des Phänomens;
  2. mit den näheren Umständen, unter denen es angeblich erfolgte;
  3. mit dem Charakter des für das Geschehnis abgegebenen Zeugnisses.

Was die Frage betrifft: Waren die biblischen Wunder wahrscheinlich?, so wird sie von der Wissenschaft bejaht. Auf die nächste Frage: Sind sie tatsächlich geschehen? ist die Antwort der Wissenschaft wiederum, und zwar nachdrücklich, bejahend. Wenn wir sie mit Gold vergleichen, so hat die Wissenschaft die Probe vorgenommen und sagt: Das Gold ist rein. Man kann die biblischen Wunder auch mit einer Perlenkette vergleichen. Wenn die Wissenschaft wissen möchte, ob die Perlen echt sind, so kann sie chemische oder andere Proben vornehmen, um ihre Beschaffenheit zu prüfen; sie kann die Umstände und Verhältnisse prüfen, unter denen die angeblichen Perlen gefunden wurden. Wurden sie zuerst in einer Auster gefunden oder in irgendeinem Fabrikationslabor? Die Wissenschaft kann auch das Zeugnis der Fachleute untersuchen. Wenn sich in jeder dieser Prüfungen die Echtheit der Perlen herausstellt, so wird die Wissenschaft nicht leicht zur Ansicht gelangen, dass es sich um >Simili< handelt; wenn alle Prüfungsergebnisse die Echtheit bestätigen, dann wird die Wissenschaft ohne Zögern sagen, dass es echte Perlen sind. So verhält es sich, wie wir gesehen haben, auch mit den biblischen Wundern. Die Wissenschaft bestätigt daher, dass sie tatsächlich geschehen sind.”

verwendete Quellen

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