Salt Lake Tempel
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Unser Vater im Himmel, der du die Himmel und die Erde erschaffen hast und alles, was darin ist, du Herrlichster.... Wir, deine Kinder, treten heute vor dich in diesem Haus, das wir deinem allerheiligsten Namen gebaut haben, und rufen demütig das sühnende Blut deines einziggezeugten Sohnes an, auf dass unserer Sünden auf ewig nicht mehr gedacht werde, sondern dass unser Gebet zu dir emporsteige und vor deinen heiligen Thron gelange und wir in deiner heiligen Wohnstätte Gehör fänden. Möge es dir wohlgefällig sein, unsere Bitten zu hören und sie in deiner unendlichen Weisheit und Liebe zu beantworten. Gewähre uns die Segnungen, die wir erflehen; ja, gewähre sie uns hundertfältig, denn wir wollen mit reinem Herzen und festem Vorsatz deinen Willen tun und deinen Namen verherrlichen." (James E. Talmage, Das Haus des Herrn, Seite 129.)
Diese Worte sprach Präsident Wilford Woodruff bei der Weihung des Salt-Lake-Tempels am 6. April 1893. Die Eröffnungszeilen des bemerkenswerten Weihungsgebets sind an sich schon eine Predigt. In diesen wenigen Worten, die den Anfang eines langen und beeindruckenden Bittgebets darstellen, erkannte der Prophet jener Tage den Schöpfer des Himmels und der Erde dankbar an. Er erkannte die Vaterschaft Gottes und den Segen an, der allen seinen Söhnen und Töchtern darin zuteil wird, dass sie sich im Gebet an ihn wenden können. Er erkannte den Einziggezeugten des Vaters an, den Erretter und Erlöser der Welt, dessen sühnendes Blut für einen jeden von uns vergossen worden ist. Und er verlieh der Bitte Ausdruck, dass wir so leben, dass wir der Segnungen des Allmächtigen würdig seien und von dem Wunsch erfüllt seien, seinen Namen zu verherrlichen.
Das Weihungsgebet ist von Danksagung für die Segnungen erfüllt, die der Herr seinem Volk zuteil werden lässt. Der Anlass war das bedeutendste Ereignis in der Geschichte der Heiligen der Letzten Tage im Salzseetal.
Es ist bemerkenswert, dass 1847 Wilford Woodruff derjenige gewesen war, der den Pflock eingetrieben hatte, mit dem vier Tage nach der Ankunft der Pioniere der Bauplatz für den Tempel markiert worden war. Damals hatte Präsident Brigham Young verkündet: „Hier werden wir unserem Gott einen Tempel bauen.”
Präsident Woodruff sah mit eigenen Augen, wie vierzig Jahre lang an diesem erhabenen Haus des Herrn gebaut wurde. Als der Tempel geweiht wurde, war er sechsundachtzig Jahre alt. Er war vier Jahre zuvor als Präsident der Kirche bestätigt worden. Er hatte alle Tempel der Letzten Tage gekannt, die vor diesem errichtet worden waren – in Kirtland, Nauvon, St. George, Logan und Mami. In St. George war er von der Weihung im Jahre 1877 bis zum Jahre 1884 Tempelpräsident gewesen.
Wohl kaum jemandem war eindringlicher bewusst, zu welchem Zweck diese Gebäude errichtet werden. Er hatte bereitwillig erkannt, wie wichtig die heiligen Handlungen sind, die im Haus des Herrn vollzogen werden, und dies auch deutlich gelehrt – vor allem die Gültigkeit der Arbeit für die Verstorbenen, wie die Familien in einer großen patriarchalischen Kette miteinander verbunden werden.
Die Arbeit ist in jedem Tempel gleich und auch gleich wirksam. Der Salt-Lake-Tempel war zwar der erste, der im Westen der Vereinigten Staaten begonnen wurde, aber er wurde dann als vierter vollendet und geweiht. Allerdings ist er heute der bekannteste. Seit einem Jahrhundert schmückt sein Bild die Veröffentlichungen der Kirche. Die Heiligen der Letzten Tage in aller Welt sowie Menschen anderen Glaubens kennen ihn.
Ich kann ihn ansehen, und ich kann hineingehen. Um ihn von außen zu bewundern, braucht man keine besonderen Bedingungen zu erfüllen. Um aber hineingehen zu können, muss man bestimmten Maßstäben genügen.
- Er ist ein Bild der Schönheit – ein Symbol der Stärke, eine Stätte des Friedens, ein Heiligtum des Dienens, eine Schule der Unterweisung,
- ein Ort der Offenbarung, eine Quelle der Wahrheit, ein Haus der Bündnisse, ein Tempel Gottes.
Es wurde kein traditionelles Schema der Architektur verfolgt. An dem Tempel wurde vierzig Jahre lang gebaut. Ich bin sicher, dass in diesen Jahren viele bauliche Einzelheiten verändert wurden. Und doch ist eine fließende Harmonie zu erkennen. Der Tempel steht fest auf der Erde und richtet sich doch zum Himmel auf. Er weist eine solide Symmetrie auf. Sechs große Türme erheben sich von den Mauern. Und auf jedem dieser Türme ruhen vier kleinere Türme.
Die Linien verlaufen so, dass jeder der Türme unabhängig vom Boden her aufzusteigen scheint, und doch sind alle miteinander verbunden und schaffen ein harmonisches Ganzes. Jeder Turm ist mit Zinnen versehen. Zähne und Mauerkappen aus Granit verstärken noch den herrlichen Eindruck.
Die Verschiedenartigkeit der Fenster ist interessant. Manche sind rund, andere oval, manche haben einen Rundbogen, andere sind schmal und rechteckig. Bis auf Glas und Eisen standen ihnen nur einheimische Materialien zur Verfügung. Seine Granitmauern vermitteln einem ein Gefühl von Solidität und Stärke. Die meisten Arbeiter, die die Steine behauten und mauerten, hatten ihr Handwerk in England gelernt. Sie hatten sich zur Kirche bekehrt und waren daraufhin nach Utah gekommen. Sie waren sehr tüchtig, und das sieht man auch jetzt noch, nach hundert Jahren.
James Moyle, der Aufseher über die Steinmetze, schrieb: •
- Um manche der Steine zu behauen, waren nicht nur Tage, sondern Wochen erforderlich.... Viele Steine an dem Bau verlangten dem Arbeiter hohe Fertigkeiten ab, denn die feinen Kanten sind sehr schnell beschädigt. Vom Boden aus sieht man das an den großen runden Fenstern. Der Granit reißt sehr leicht, da die kleinen Stücke Quarz:, Feldspat und Glimmer darin bei Erschütterungen leicht auseinanderbrechen. Deshalb wurde die feine Kante immer zum Schluss geschnitten. Schon bei einem falschen oder zu harten Schlag mit dem Hammer war die Arbeit vergebens gewesen, und es konnten Wochen verloren sein.” (Gordon B. Hinckley, James Henry Moyle, Salt Lake City, 1951, Seite 80.) Der massive Granit dieses heiligen Bauwerks strahlt eine gewisse Stärke und Solidität und gleichzeitig eine gewisse Zerbrechlichkeit aus.
Als der Tempel vollendet war, wurde um den heutigen Tempelplatz eine Mauer gezogen. Außerhalb dieser Mauer herrscht heute oft starker, sehr lauter Verkehr. Innerhalb der Mauer ist es friedlich und schön. Die Anlagen mit den kunstvoll angelegten Wegen, den großen Rasenflächen, den stattlichen Bäumen und den farbenprächtigen Blumen bilden eine eigene Welt, die sich von der Außenwelt abhebt. Die Besucher von nah und fern, die mittlerweile zu Millionen kommen, sprechen davon.
Im Tempel ist dieses Gefühl des Friedens noch weiter ausgeprägt. Die Welt mit ihrem Lärm und ihrer Hektik bleibt draußen. Wer hier dient, weiß, dass es um Belange geht, die sich in die Ewigkeit erstrecken. Alle sind weißgekleidet. Es wird leise gesprochen. Die Gedanken wenden sich Höherem zu.
Es ist ein Heiligtum, das dem Dienen geweiht ist. Die meiste Arbeit, die in diesem heiligen Haus verrichtet wird, wird stellvertretend für diejenigen vollzogen, die sich schon auf der anderen Seite des Schleiers des Todes befinden. Diese Arbeit kommt dem stellvertretenden Opfer des Gottessohns für die ganze Menschheit näher als irgendeine andere Arbeit. Von denen, denen im Jenseits dieser engagierte Dienst zugute kommt, wird kein Dank erwartet. Es ist ein Dienst, den die Lebenden für die Toten verrichten. Es ist ein Dienst, der von wahrer Selbstlosigkeit geprägt ist.
Dieses heilige Gebäude wird zur Schule der Unterweisung in den erhabenen und heiligen Belangen Gottes. Hier wird uns der Plan des liebenden Vaters für seine Söhne und Töchter aus allen Generationen dargelegt. Hier wird die ewige Reise des Menschen – ausgehend vom vorirdischen Dasein – durch dieses Leben bis ins Jenseits dargestellt. Erhabene, grundlegende Wahrheiten werden klar und einfach gelehrt, so dass jeder, der sie hört, sie verstehen kann.
Es ist dies ein Ort der Offenbarung. Seit der Weihung kommen hier fast jede Woche die Erste Präsidentschaft der Kirche und der Rat der Zwölf Apostel zusammen. Hier wird aufrichtig uni Erleuchtung und Einsicht gebetet. Hier in dieser heiligen Umgebung finden leise und beherrschte Erörterungen statt. Und hier wird die Inspiration empfangen, die denen zuteil wird, die mit der höchsten Vollmacht des ewigen Priesterrums ausgestattet sind und sich miteinander beraten und den Willen des Herrn zu ergründen suchen.
Ich habe mich in jenem heiligen Raum in jenem Kreis befunden, als Präsident Spencer W. Kimball an einem Junitag des Jahres 1978 in einer Angelegenheit von gewaltiger Tragweite den Herrn um Weisung anflehte. Es ging darum, ob alle würdigen Männer das Priesterrum empfangen sollten.
Der Tempel ist auch ein Ort für persönliche Inspiration und Offenbarung. Unzählige Menschen sind schon in schweren Zeiten, wenn schwierige Entscheidungen anstanden und dringliche Probleme zu lösen waren, im Geist des Fastens und Betens hergekommen, um sich um göttliche Weisung zu bemühen. Viele haben bezeugt, dass sie zwar keine Stimme der Offenbarung gehört haben, dass sie aber zu diesem Zeitpunkt oder auch später ein Gefühl dafür hatten, welchen Weg sie gehen sollten, und dass das die Erhörung ihrer Gebete war.
Dieser Tempel ist eine Quelle ewiger Wahrheit. ,Wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm gehen werde, wird niemals mehr Durst haben." (Johannes 4:14.) Hier werden solche Wahrheiten gelehrt, die göttlicher Natur und von ewiger Bedeutung sind.
Für diejenigen, die hier eintreten, wird das Haus zum Haus der Bündnisse. Hier versprechen wir feierlich und heilig, voll und ganz nach dein Evangelium Jesu Christi zu leben. Wir geloben Gott, dem ewigen Vater, nach den Grundsätzen zu leben, die die Grundlage aller wahren Religion sind.
Dies ist ein Tempel Gottes. Die Inschrift über dem Eingang verkündet: „Heilig dem Herrn – das Baus des Herrn.” Im ersten Teil dieser Aussage wird der Allmächtige anerkannt und werden ihm Heiligkeit und Ehrfurcht gelobt. Im zweiten Teil kommt zum Ausdruck, wem das Haus gehört. Es gehört ihm und wurde dank der Hingabe der Mitglieder erbaut und ihm in Liebe und Opferbereitschaft dargebracht.
In diesem heiligen Haus habe ich als junger Mann die Begabung empfangen, ehe ich zu meiner Mission aufbrach. Hier habe ich später geheiratet, und die Zeremonie wurde kraft der Vollmacht des heiligen Priestertums vollzogen – für eine Beziehung, die der Tod nicht lösen und die Zeit nicht zerstören kann. Und ich komme hierher, um das zu tun, wofür dieses Haus erhaut worden ist, und wenn ich es verlasse, bin ich ein besserer Mensch als vorher.
So ergeht es Tausenden, die in diesen Tempel kommen, in dem die Liebe des Erretters der Welt zu spüren ist.
Jeder Tempel in der Kirche vermittelt die gleichen Segnungen, auch wenn jeder Tempel seine bauliche Eigenart hat. Wir sprechen heute besonders vom Salt-Lake-Tempel, weil er vor genau hundert Jahren von einem Propheten Gottes geweiht worden ist. An ihm wurde länger gebaut als an irgendeinem anderen Tempel, nämlich vierzig Jahre. Was die Räumlichkeiten betrifft, ist er der größte Tempel, den wir je gebaut haben.
Mir ihm gehen wahrhaftig diese Worte Jesajas in Erfüllung:
- „Am Ende der Tage wird es geschehen: Der Berg mit dem Haus des Herrn steht fest gegründet als höchster der Berge; er überragt alle Hügel. Zu ihm strömen alle Völker.
- Viele Nationen machen sich auf den Weg. Sie sagen: Kommt, wir ziehen hinauf zum Berg des Herrn und zum Haus des Gottes Jakobs.” (Jesaja 2:2,3.)
Dank sei Gott für sein heiliges Haus. Möge es noch im Milleunium, das ja bevorsteht und für das es auch gebaut wurde, hier stehen und den Kindern unseres Vaters zur Verfügung stehen – denen in der Sterblichkeit und denen, die dieses Leben schon verlassen haben. Mögen seine Türen den Glaubenstreuen immer offenstehen, so dass sie herkommen und am göttlichen Wesen Anteil haben können.
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Als der Tempel geweiht wurde, verlieh der Herr den Heiligen geistige Segnungen.
Am Morgen des 6. April 1893 betrat Wilford Woodruff den Salt-Lake-Tempel durch den Südwesteingang und begab sich in den dritten Stock. Um zehn Uhr begann die erste der einundvierzig Weihungsgottesdienste — mit zweitausendfünfhundert Anwesenden
„Die himmlischen Scharen waren beim ersten Weihungsgottesdienst dabei”, erklärte Präsident Woodruff den Versammelten in einem der anschließenden Weihungsgottesdienste. „Wenn den Anwesenden die Augen aufgegangen wären, hätten sie Joseph und Hyrum Smith, Brigham Young, John Taylor und all die anderen guten Menschen mit uns versammelt gesehen, die in dieser Evangeliumszeit gelebt haben, desgleichen Jesaja, Jeremia und all die heiligen Propheten und Apostel, die vom Werk der Letzten Tage prophezeit haben. ... Sie freuten sich mit uns in diesem Gebäude, das der Herr angenommen hat, und als der Hosannaruf zum Thron des Allmächtigen drang”, hatten sie in den Freudenruf mit eingestimmt.
Elder George Q. Cannon hatte 1871 prophezeit, wenn der Tempel vollendet sei, werde sich „die Macht der Güte Gottes diesem Volk kundtun, und zwar so, wie es das noch nie zuvor erlebt hat”. Und so war es dann auch.
Die erste Versammlung
Der erste Weihungstag war stürmisch. „Es war vorhergesagt worden, der Teufel werde heulen”, schrieb Lucy Flake. „Und das tat er dann auch, denn Salt Lake City hatte niemals einen solchen Sturm, Wind, Regen und Schnee erlebt; viele Häuser und Bäume wurden umgeworfen. ... Hunderte von Menschen standen stundenlang im Schnee und warteten darauf, dass die Tempeltore aufgingen.”
Draußen tobte der Sturm den ganzen Tag lang. Aber im Tempel erfüllten Frieden und Ruhe den Versammlungssaal, wo die Erste Präsidentschaft — Wilford Woodruff, George Q. Cannon und Joseph F. Smith — und das Kollegium der Zwölf auf den Beginn der Weihungsgottesdienste warteten. Die Schönheit und Erhabenheit dieses Saals im dritten Stock war beeindruckend: Die Decke in elf Metern Höhe, die geschnitzten Holzarbeiten, die weiß und golden gestrichen waren, und die Wendeltreppen in den vier Ecken. Die Rednerpulte an beiden Seiten, die in mehreren Reihen hintereinander angebracht und mit rotem Samt ausgeschlagen sind, beherrschten die beiden Seiten des fast 37 Meter langen Saals. Die Rednerpulte am Ostende symbolisierten das Melchisedekische Priestertum und die Rednerpulte am Westende das Aaronische Priesterrum. Die Priestertumsführer saßen in diesen Reihen auf weißen Holzbänken, die mit rotem Stoff bezogen waren. Die übrigen Mitglieder saßen auf Stühlen in dem weiten, offenen Raum zwischen diesen Reihen.
Der Geist war stark, schon ehe die Versammlung begann. Die Mitglieder waren aufgefordert worden, am 25. März 1893 gemeinsam einen besonderen Fasttag zu begehen, „um ein neues Gefühl der Einigkeit und geistigen Reinheit zu schaffen”. Alle waren angehalten worden umzukehren, nicht mehr zu nörgeln, ihre Sünden zu bekennen und einander zu vergeben. „Noch nie hat es in den führenden Räten des Priestertums eine so völlige Einigkeit gegeben”, sagte Francis M. Lyman vom Kollegium der Zwölf. Und die Mitglieder spürten die gleiche Einigkeit, denn „alle Augen waren auf den Salt-Lake-Tempel gerichtet und alle Herzen auf die Weihung.”
Eine Labsal für die Seele
Die Musik lud den Geist des Herrn in jedes Herz ein. Begleitet von einer große Pfeifenorgel, die speziell für die Weihung hergebracht worden war, sang ein Chor aus dreihundert Mitgliedern, die Männer im dunklen Anzug und die Frauen im weißen Kleid, Loblieder, die Komponisten der Kirche eigens für diesen Anlass geschrieben hatten. ,Wusste überhaupt einer von uns vorher, welches Talent unsere Musiker besitzen?" schrieh Annie Wells Cannon.
- „Die Worte allein, so passend und innig, die Melodien so zart und erhaben und die herrliche Darbietung machten sie zur Labsal für die Seele.”
Chormitglied Bardella S. Curtis sah, „wie der Schleier zwischen der Sterblichkeit und dem hohen Himmel beiseitegezogen wurde”. Charles R. Savage, ein weiteres Chormitglied, schrieb: „Meine Seele war von Frieden erfüllt, und ich war im tiefsten Innern völlig erfüllt.... Ich habe mich den unsichtbaren Mächten niemals näher gefühlt als im Tempel.”
Susa Young Gates, die offizielle Stenographin für die Weihungsgottesdienste, nahm an der ersten Versammlung teil. „Ich saß unten bei den östlichen Rednerpulten, am Tisch des Berichtsführers”, schrieb sie. „Fast unmittelbar nachdem Präsident Joseph F. Smith begonnen hatte, zu den Heiligen zu sprechen, war sein Angesicht von einem strahlenden Leuchten erfüllt, das mir ein ganz merkwürdiges Gefühl vermittelte. Ich dachte, die Wolken hätten sich verzogen und ein Sonnenstrahl habe dem Präsidenten auf den Kopf geschienen.... Ich sah aus den Fenstern, und zu meiner Überraschung ... waren die schweren, schwarzen Wolken über der Stadt so dicht wie zuvor; nirgendwo war der kleinste Sonnenstrahl zu sehen. ... Woher kam dann das Licht, das auf dem Angesicht von Präsident Smith leuchtete? Ich war sicher, dass ich wirklich die Erscheinung des Heiligen Geistes gesehen hatte, die sich im Angesicht unseres geliebten Führers kundtat. ... Ich halte dieses Erlebnis als eins der heiligsten in meinem Leben in Ehren.”
Gates war nicht die einzige, die das Licht sah, das Präsident Smith umgab. Ein Ältester, der am gegenüberliegenden Ende des Saals saß, sah ein Licht „von gelblicher beziehungsweise goldener Färbung, das außerordentlich hell war” um Präsident Smith, während dieser sprach.
Nachdem alle drei Mitglieder der Ersten Präsidentschaft gesprochen hatten, kniete Präsident Wilford Woodruff auf einem plüschbezogenen Schemel nieder und sprach das Weihungsgebet. „Er sprach das Gebet mit der Kraft eines Fünfzigjährigen”, schrieb David John über den sechsundachtzig Jahre alten Propheten, der das fünfunddreißig Minuten dauernde Weihungsgehet „ohne Zögern und ohne Brille verlas.
Fast fünfzig Jahre zuvor hatte Präsident Woodruff geträumt, Brigham Young habe ihm die Schlüssel zum Tempel gegeben und ihm gesagt, er solle hineingehen und ihn weihen. Jetzt ging jener Traum in Erfüllung.
Im Anschluss an das Weihungsgebct gab Lorenzo Snow, der Präsident des Kollegiums der Zwölf, das Zeichen für den allgemeinen „Hosannaruf”, zu dem alle aufstanden und dreimal „Hosanna” riefen, wobei sie weiße Taschentücher über dem Kopf schwenkten. Emtnehne B. Wells schrieb:
- „Dieser Hosannaruf drang der großen Menschenmenge ins Herz und hallte in dem prächtigen Gebäude wider. So freudig frohlockten die Heiligen, dass sie vor Freude nur so strahlten, und der ganze Ort schien an diesem unvergesslichen Tag verherrlicht und geheiligt.”
Die Menschen, die noch immer in dem Versammlungssaal standen, sangen das Lied „Der Geist aus den Höhen gleich Feuer und Flammen, entzündet die Herzen zu heiliger Glut; sie fühlen mit Freuden und Jauchzen zusammen, dass Kraft des Allmächtigen auf ihnen ruht.” (Gesangbuch, Nr. 2.) Viele weinten ungehemmt und konnten das Lied nicht bis zum Ende mitsingen.
Die Himmlischen Kundgebungen reißen nicht ab
Dieser Geist herrschte auch in den übrigen Weihungsgottesdiensten. Einundvierzig Versammlungen fanden in den nächsten zwei Wochen statt, damit möglichst viele würdige Mitglieder daran teilnehmen konnten. Insgesamt nahmen über 75.000 Menschen an den Zeremonien teil, und viele dachten später noch lange an die gewaltigen geistigen Gefühle zuück, die sie dabei erlebt hatten.
Am Montag, den 17. April 1893, öffnete Bruder Andrew Smith jun., ein Mirglied des Tabernakelchors, beispielsweise die Augen, während Präsident Cannon das Weihungsgebet verlas. Er sagte darüber: „Ich sah, wie ein helles Licht über seinem [Präsident Cannons] Kopf erschien – auch hinter ihm von den Schultern aufwärts. Dieses Licht blieb ein paar Augenblicke lang so stehen und stieg dann auf, bis ich mitten darin ein Gesicht sah. Es war das Gesicht von Präsident Brigham Young. Ich wandte einen Augenblick lang den Blick ab, ... und dann sah ich Präsident John Taylor. . Ich sah noch jemanden, den ich für [[Hyrum Smith] hielt, ... dann Orson Pratt, den ich sofort erkannte.... Als das Gebet beendet war, bemerkte ich sowohl direkt vor dem Hosannaruf als auch während des Rufs einen hellen Lichtschein um mehrere der Führer der Kirche. ... Ich war überwältigt und weinte vor Freude. Ich neigte den Kopf und sah ein paar Augenblicke lang nichts mehr. Als ich wieder aufblickte, sah ich ein helles Licht über dem Kopf eines jeden Mitglieds der Ersten Präsidentschaft, die dort auf dem Podium saß. Wohin sich die Sprecher auch wandten, während sie zu den Anwesenden sprachen, das Licht folgte jeder ihrer Bewegungen.”
Der elfjährige George Monk nahm zusammen mit seiner Mutter und seiner Großmutter an der Tempelweihung teil. Er sah „einen Mann am südöstlichen Rundfenster des Versammlungssaals des Tempels erscheinen". Als er das seiner Mutter sagte, konnte sie ihn zu seiner Überraschung nicht sehen. Die Versammlung ging weiter, und er sah „zwei weitere Engel, die sich am oberen Ende des Saals von Süden nach Norden bewegten, ... urtd fünf weitere, die den großen Saal betreten hatten und auf dem breiten Sims standen, der unter der Reihe der Rundfenster an der Wand angebracht ist”. Er beschrieb sie als die „schönsten Männer”, die er je gesehen habe. Direkt vor dem Schlussgebet sagte er: „Mama, schau den unter der Uhr an, er ist der Schönste von allen. Schau: Er hält beide Hände so hoch.” Dann hielt George die Hände hoch, um es seiner Mutter zu zeigen. Insgesamt sah er acht Engel und beschrieb sie als in „lose, fließende weiße Gewänder gekleidet”. „Die meisten, wenn nicht alle, hatten langes, etwas welliges Haar.” Hans Jensen Hals sah eine ähnliche himmlische Kundgebung und hielt sie in seinem Tagebuch fest.
- „Ich und meine Familie sowie zweihundert Mitglieder unserer Gemeinde durften am Weihungsgottesdienst teilnehmen. Es war herrlich. Die Führer der Kirche ließen uns kostbare Belehrungen zuteil werden. Engel Gottes waren zu sehen, die durch das südöstliche Fenster kamen und an den Ecken saßen. Zwei von ihnen bewegten sich über die Menschen hinweg durch den großen Saal und gingen durch das nördliche Fenster wieder hinaus."
Andere, die draußen standen, sahen „ein herrlich strahlendes Licht, das den Tempel umgab wie eine erkennbare Erscheinung.”
„Als ob man vom Himmel auf die Erde käme”
Für viele Mitglieder war das Verlassen des Tempels nach den Weihungsgottesdiensten so, „als oh man vom Himmel auf die Erde herabkäme”. Thomas Sleight schrieb, er hoffe, „das himmlische Gefühl möge mich nicht völlig verlassen”. Viele Mitglieder empfanden genauso; und als sie wieder nach Hause kamen, gaben sie anderen Zeugnis und füllten die Seiten ihres Tagebuchs mit Berichten von ihren Erlebnissen.
Bruder Sleight berichtet, während des Weihungsgebets am 7. April habe „sich jeder geistig mit [Präsident Joseph F Smith, der das Gebet verlas] vereint und dem erhabenen Elohim im Namen Jesu Christi sein demütiges Gehet und Flehen dargebracht. Ich hatte das Gefühl, ich stände in der Gegenwart Gottes, und ein Gefühl der Ehrfurcht kam über mich, wie ich es noch nie erlebt harre.”
Elder Rudger Clawson vorn Kollegium der Zwölf Apostel schrieb in sein Tagebuch, während er und seine Frau Lydia am Abend des B. April dagesessen und darauf gewartet hätten, dass der Weihungsgottesdienst begann, habe Lydia „einen wunderschönen Gesang gehört, der von der südöstlichen Ecke des Saals zu kommen schien. Zuerst dachte sie, dort müsse ein Chor sein, aber natürlich war das nicht der Fall. Sie hörte den Gesang zweimal.”
Die achtjährige Alice Minerva Richards berichtet, während der Versammlung am 7. April habe sie „wunderschöne Musik gehört, die schöner war als alles, das [sie] jemals irgendwo anders gehört hatte.” Sie berichtet außerdem, sie habe Engel gesehen. Als sie nach Hause kam, erzählte sie ihren jüngeren Geschwistern von diesem Erlebnis.
Andere Mitglieder kamen von der Tempelweihung mit dem erneuten Entschluss zurück, Umkehr zu üben. Ein Junge, der für sein rüpelhaftes Benehmen bekannt war, sah „einen hellen Lichtschein um den Kopf von Präsident Woodruff”. Er sagte, „der Geist des Tempels habe so stark auf ihn eingewirkt, dass er nach Hause gegangen sei und hei seinen Kameraden eine Besserung ins Iahen gerufen habe”.
„Für mich ist dies eine wahrhaft pfingstliche Zeit”, schrieb Elder B. H. Roberts vom Ersten Siebzigerkollegium. „Der Herr hat mir mein Innerstes, mein wahres Wesen gezeigt; und dort habe ich solche rauhen und verdrehten Stellen gefunden, dass ich mich zu Demut und aufrichtiger Umkehr veranlasst fühle.”
Ein Ort, so wunderschön, so keusch
Die Weihung des Salt-Lake-Tempels im April 1893 war wirklich eine Zeit der Heiligung. Viele Menschen änderten sich. Für den großen Tempel, der so solide gebaut war, dass er das Millennium überdauern sollte, harren viele Heilige in den vierzig Jahren Bauzeit ihre Zeit, ihr Geld und ihre Talente eingesetzt. Der Vater im Himmel goss über die damaligen Mitglieder der Kirche für ihre Opferbereitschaft großen Segen aus.
„Manche sagen, ein Ort, so schön, so keusch, so heilig sei der passende Wohnort für Engel”, schrieb Annie Wells Cannon während der Weihungswoche über den Tempel.
siehe auch:
verwendete Quellen
der Stern November 1993

