Lehi

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Das Buch Mormon handelt am Anfang von Lehi — seiner Vision von der Zerstörung Jerusalems, der Flucht seiner Familie in die Wildnis und ihrer Reise nach Amerika. Da der Bericht darüber aber von seinem Sohn, Nephi, niedergeschrieben wurde, wird uns oft nicht bewusst, was für eine dominierende Rolle Lehi als Prophet und Patriarch bei dem von Gott angeordneten Auszug aus Jerusalem gespielt hat. Nephi berichtet nämlich über sein eigenes geistliches Wirken (1. Ne. 10:1). Dadurch bleibt Lehi, der Mann, durch dessen Handeln die großartige Geschichte von den Menschen des Buches Mormon begonnen hat, im Hintergrund, und über ihn persönlich wird weitaus weniger ausgesagt als über Nephi, Jakob oder andere wichtige Gestalten in dieser heiligen Schrift.

Lehi war ein bedeutender Prophet. Was er im Zusammenhang mit seinem göttlichen Auftrag erlebt hat, entspricht den Erlebnissen anderer Propheten. Er hat Eigenschaften an den Tag gelegt, nach denen wir im Ideal eines Propheten suchen: Hingabe, völlige Unterordnung unter den Willen des Herrn und die Entschlossenheit, die Weisungen Gottes auszuführen. Sein inbrünstiges Beten wurde dergestalt erhört, dass er auf dramatische Weise — er schaute eine Vision in einer Feuersäule — berufen wurde zu prophezeien. Ebenso wie Zephanja und Jeremia war er ein Prophet, der seinem Volk den Untergang voraussagte, und wie viele Propheten des Alten Testaments prophezeite er das Kommen des Messias. Das Volk nahm sein Zeugnis jedoch nicht an, und sein Leben geriet in Gefahr. So verließ er wie Abraham und Mose seine Heimat, um eine neue Nation zu gründen.

Lehi war jedoch mehr als ein „typischer” Prophet. Obwohl wir nicht viel über ihn wissen, können wir uns zumindest ein bruchstückhaftes Bild über ihn persönlich machen. Einen Hinweis dazu hat er uns selbst gegeben: Als Sariah annahm, ihre Söhne seien „in der Wildnis umgekommen”, beschuldigte sie Lehi, dass er ein Mann sei, „der Gesichte habe”. Dem stimmte Lehi zu: „Ich weiß, dass ich ein Mann mit Visionen bin; denn wenn ich das, was von Gott ist, nicht in einer Vision gesehen hätte, dann hätte ich nicht Gottes Güte erfahren, sondern wäre zu Jerusalem geblieben und mit meinen Brüdern zugrunde gegangen. (1. Ne. 5:2, 4).”

Lehis Leben war von Träumen und Visionen beherrscht. In einer Vision, worin er Christus und die zwölf Apostel schaute (1. Ne. 1:6-14), wurde er vom Herrn berufen. In einer Prophezeiung sagte er die babylonische Gefangenschaft, das irdische Wirken des Messias und die Verkündigung des Evangeliums unter allen Völkern voraus (1. Ne. 10:3-14). Sogar der Aufbruch in die Wüste wurde ihm in einem Traum geboten (1. Ne. 3:2-4). In anderen Träumen wurde er aufgefordert, seine Söhne zurück nach Jerusalem zu schicken, damit sie Labans Platten holten und später auch Ishmael mit seinen Söhnen und Töchtern überzeugten, sich seiner Familie anzuschließen (1. Ne. 3:2-4, 7:1, 2.).

Lehi machte keinen Unterschied zwischen Träumen und Visionen: Zu Beginn der Schilderung jener Offenbarung vom Baum des Lebens sagte er: „Siehe, ich habe einen Traum geträumt oder, mit anderen Worten, ich habe eine Vision gesehen. (1. Ne. 8:2).” Er war in der Tat ein Mann, „der Gesichte hatte”.

Lehi war nicht der einzige Prophet seiner Zeit, dessen Namen das Alte Testament vergessen hat. Nephi hat gesagt, dass kurz vor der Berufung seines Vaters viele Propheten gekommen seien, „und prophezeiten dem Volk, es müsse umkehren, sonst werde die große Stadt Jerusalem zerstört werden müssen. (1. Ne. 1:4)”. Dies waren die Boten Gottes, von denen es in der Bibel heißt, dass man sie verspottete, ihre Worte verachtete und sie verhöhnte (2. Chr. 36:15,16). Kein Prophet, der über die Gegenwart hinaussieht und den Untergang seiner Nation erahnt, ist jemals bei seinem Volk beliebt. Unglücklicherweise beachtet man ihn meistens gar nicht.

Von den vielen Propheten, die in jener Zeit im Namen des Herrn redeten, wurden die meisten wie die anderen Juden gefangengenommen oder einigten sich irgendwie mit den Babyloniern. Lehi wurde jedoch mitten in seiner prophetischen Laufbahn in Jerusalem vom Herrn aufgefordert, diese zu unterbrechen und die Stadt zu verlassen. Offenbar ist er in diesem Entschluss, dem Befehl des Herrn zu gehorchen, niemals wankend geworden. Er verließ sich allein auf den Herrn und wandte sich von einer gefahrvollen und wichtigen Aufgabe ab, um eine noch gefährlichere und wichtigere Aufgabe zu erfüllen. Er würde nun nicht länger versuchen, ein Volk zu ändern, sondern eine neue Nation schaffen. Er würde dem Herrn ein rechtschaffenes Volk erwecken.

Für Lehi war seine Familie stets von großer Bedeutung gewesen, doch konzentrierte sich nun seine ganze Berufung auf seine Kinder und Kindeskinder. Seine ganze Sendung bezog sich auf seine Söhne und Töchter, und es gab nichts, was ihn davon ablenken sollte. So vereinigten sich in ihm plötzlich die Rolle eines Patriarchen und eines Propheten. Dass ihm geboten wurde, seine Söhne Labans Platten holen zu lassen, geschah um seiner Nachkommen willen (1. Ne. 5:19), und als er Ishmael und seine Familie bat, sich zu ihm zu gesellen, wählte er die Mütter aus, die mithelfen würden, ihm rechtschaffene Abkömmlinge heranzubilden (1. Ne. 7:1, 2). Am Ende seines Lebens, als er durch eine Vision erfuhr, dass Jerusalem zerstört worden war, trauerte er nicht um die Stadt, die er so sehr geliebt und der er so eifrig gedient hatte. Statt dessen erinnerte er seine Kinder daran, dass sie in einem „Land der Verheißung” lebten, einem „Land, das vor allen andern Ländern erwählt ist (2. Ne. 1:5)”. Nun war er seiner Familie ein Prophet gewesen, und er war zufrieden (2. Ne. 1:14, 15).

Ein „Mann, der Visionen hat”, erscheint uns als jemand, der für den Alltag des Lebens nicht geeignet ist. Ein Träumer erscheint unfähig, all die Aufgaben zu meistern, die Entschlossenheit, Stärke und Geradlinigkeit verlangen. Lehis Träume waren jedoch keine Phantasien. Sie waren die Worte des Herrn, die dieser an einen der wenigen unter seinen Kindern richtete, welche treu und stark genug sind, ihm in allem zu gehorchen. Es war kein Schwächling, der seine durch Streitigkeiten zerrissene Familie durch die Wildnis führte. Nephi hat klar ausgesprochen, dass die Offenbarungen darüber, wohin die Familie ziehen sollte, Lehi zuteil wurden, mochte er selbst, Nephi, dem Herrn auch noch so nahekommen. Der Herr sprach zu Lehi in der Nacht und gebot ihm, seine Reise in die Wildnis am nächsten Tag fortzusetzen (1. Ne. 16 :9)". Die „seltsam gefertigte Kugel”, die sie auf ihrem Weg leitete, erschien vor Lehis Zelt (1. Ne. 16:10). Als Nephis Bogen entzweibrach und Nephi einen neuen Bogen fertigte, damit die Schar nicht vor Hunger umkam, ging er zu seinem Vater, um herauszufinden, wo er jagen sollte, um,Fleisch zu beschaffen (1. Ne. 16:23-26, 30, 31). Wenn der Herr Nephi auch gebot, ein Schiff zu bauen (1. Ne. 17:8), so erging die Weisung des Herrn, in das Schiff zu gehen und die Reise zu beginnen, doch an Lehi (1. Ne. 18:5).

Lehi war zu rechtschaffen, als dass er Nephi seinen Aufstieg als Führer verübeln konnte. Statt dessen war er glücklich darüber, dass einer seiner Söhne dem Herrn so treu gehorchte. Nephi genoss das uneingeschränkte Vertrauen seines Vaters, als dieser und Sariah auf dem Krankenbett lagen. Sie waren nun schon bejahrt und hatten „Wegen ihres Kummers und vieler Sorgen um ihre Kinder waren sie nahe daran, aus diesem Leben zu scheiden und vor ihren Gott zu treten; (1. Ne.18:17,18).” Für Lehi muss es tröstlich gewesen sein, dass sein frommer Sohn das Schiff auf dem Rest des Weges zum Land der Verheißung lenkte, und als er sah, wie Nephi dem Sturm Einhalt gebot, wusste er, dass der Herr einen Führer für die nächste Generation auserwählt hatte (1. Ne.18: 21, 22). Seinen anderen Söhnen legte er ans Herz: „Lehnt euch nicht mehr gegen euren Bruder auf, denn was er gesehen hat, ist herrlich, und er hat die Gebote gehalten. . . ich weiß, dass er weder nach Macht noch Gewalt über euch getrachtet hat, sondern er hat nach der Herrlichkeit Gottes getrachtet und eurem eigenen ewigen Wohlergehen.. . . Und es muss notwendigerweise so sein, dass die Macht Gottes in ihm sein muss, selbst so sehr, dass er euch befiehlt, und ihr müsst gehorchen (2. Ne.1:24, 25, 27).”

Zwar ging die Führung allmählich auf Nephi über, doch blieb Lehi bis zu seinem Tod der Patriarch. Trotz allen Zanks in der Familie kam es erst nach Lehis Tod zur Spaltung (13; 5:5).

Ebenso wie Abraham, Isaak und Jakob war auch Lehi ein Prophet, der als solcher nur seinen Kindern bekannt war, doch hat er durch sie für Tausende von Jahren Einfluss auf ganze Völker ausgeübt. In den an seine Kinder gerichteten Worte des Herrn redet er auch zu uns: „Insofern ihr meine Gebote haltet, wird es euch wohl ergehen im Land; aber insofern ihr meine Gebote nicht haltet, werdet ihr von meiner Gegenwart abgeschnitten werden.; (2. Ne. 1:20).” Er hat uns ein Grundprinzip des Fortschritts erklärt, nämlich, dass alles „notwendigerweise seinen Gegensatz haben (2. Ne. 2:11)” muss. Diesen Grundsatz hat er auf den Fall des Menschen angewendet: „Hätte nun Adam nicht übertreten, dann wäre er nicht gefallen, sondern im Garten von Eden geblieben . . . Und sie hätten keine Kinder gehabt; darum wären sie in einem Zustand der Unschuld verblieben und hätten nicht Freude gehabt, denn sie kannten kein Elend, und hätten nicht Gutes getan, denn sie kannten keine Sünde. (2. Ne. 2:22, 23).”

Lehi war nicht deshalb so stark, weil er sich auf seinen Reichtum, seine Macht oder seine Fähigkeiten verließ, sondern weil er rückhaltlos auf den Herrn vertraute. Von seiner ersten Vision bis zum Ende seines Lebens bekundete er immer wieder dieses Vertrauen. Die größte Freude in seinem Leben fand er in den Werken Gottes, und er rief aus: „Groß und wunderbar sind deine Werke, o Herr, Allmächtiger Gott! Dein Thron ist hoch in den Himmeln, und deine Macht und Güte und Barmherzigkeit sind über allen Bewohnern der Erde; und weil du barmherzig bist, wirst du nicht zulassen, dass die zugrunde gehen, die zu dir kommen! (1. Ne. 1:14).”

Lehi musste manches Leid auf sich nehmen, weil er dem Herrn nachfolgte, doch erlangte er dafür einen größeren Lohn als diejeningen, die äußerlich erfolgreicher und zufriedener zu sein scheinen. Kurz vor seinem Tod sagte er: „Aber siehe, der Herr hat meine Seele von der Hölle erlöst; ich habe seine Herrlichkeit geschaut, und ich bin auf ewig ringsum umschlossen von den Armen seiner Liebe. (2. Ne. 1:15).”

verwendete Quellen

Der Stern Februar 1977, Marshall R. Craig

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