Kreuzigung

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Auf Golgatha angekommen, machten sich die offiziellen Kreuziger unverzüglich daran, das über Jesus und die zwei Verbrecher ausgesprochene schreckliche Urteil zu vollstrecken. Bevor man die Verurteilten an das Kreuz heftete, war es Brauch, jedem einen betäubenden Trunk aus saurem Wein oder Essig vermischt mit Myrrhe und möglicherweise anderen schmerzstillenden Bestandteilen zu reichen, mit der barmherzigen Absicht, das Empfindungsvermögen des Opfers herabzusetzen. Das war keine römische Gewohnheit, wurde aber geduldet, um dem jüdischen Gefühl entgegenzukommen. Als man Jesus den betäubenden Trunk reichte, setzte Er ihn an die Lippen; als Er aber merkte, welcher Art er sei, weigerte Er sich zu trinken und zeigte so Seine Entschlossenheit, dem Tod mit wachen Sinnen und klarem Geist entgegenzutreten. siehe Matthäus 27:34; Markus 15:23)

Dann kreuzigten sie Ihn auf das mittlere der drei Kreuze und setzten einen der verurteilten Missetäter an Seine rechte, den anderen an Seine linke Seite. So wurde die Vision Jesajas verwirklicht, dass der Messias den Übeltätern gleichgerechnet werden würde (siehe Jesaja 45:12); Johannes 19:18; Markus 15:27) Unser Herr wurde auf das Kreuz genagelt, indem man Ihm durch Hände und Füße nach römischer Methode Nägel trieb und Ihn nicht bloß mit Stricken anband. Der Tod am Kreuz war zugleich eine der langdauerndsten und schmerzhaftesten von allen Arten der Hinrichtung. Das Opfer lebte in ständig zunehmender Qual im allgemeinen noch viele Stunden, manchmal Tage. Die so grausam durch Hände und Füße getriebenen Nägel durchdrangen und zerquetschten empfindliche Nerven und zuckende Sehnen und verursachten dennoch keine tödliche Wunde. Die willkommene Erlösung durch den Tod trat durch Erschöpfung infolge heftiger, unaufhörlicher Schmerzen ein, durch örtliche Entzündung und schließlich durch Stauungen in den Organen infolge der angespannten und unnatürlichen Haltung des Körpers.

Als die Kreuziger mit ihrer schrecklichen Aufgabe fortfuhren — und es ist nicht unwahrscheinlich, dass sie mit Roheit und Spott zu Werke gingen denn das Töten war ihr Gewerbe und gegen Schmerzensszenen waren sie durch lange Gewohnheit unempfindlich geworden —, äußerte der gequälte Dulder ohne jeden Groll, aber voll Mitleid für ihre Herzlosigkeit und weil sie so grausam sein konnten, den ersten der sieben Aussprüche, die Er vom Kreuz herab tat. Im Geiste einer gottgleichen Barmherzigkeit betete Er: „Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun!” (Lukas 23:34) Lasst uns nicht versuchen, der Barmherzigkeit des Herrn Grenzen zu setzen; es ist eine ausreichende Tatsache, dass sie sich auf alle erstreckt, die in irgendeinem Ausmaß gerechterweise ihrer gesegneten Wohltat teilhaftig werden. Die Form. aber, in der diese barmherzige Segnung ausgesprochen wurde, ist von Bedeutung. Hätte der Herr gesagt: „Ich vergebe euch”, so wäre Seine gnädige Verzeihung so verstanden worden, als handele es sich um die Verzeihung des grausamen Vergehens gegen Ihn selbst als den, der unter ungerechter Verurteilung litt; die Anrufung der Vergebung des Vaters hingegen war eine Bitte für jene, die des Vaters geliebtem Sohn, dem Erlöser und Erretter der Welt, Leid und Tod brachten. Moses vergab Mirjam ihre Beleidigung gegen ihn als ihren Bruder; aber Gott allein konnte die Strafe erlassen und den Aussatz beseitigen, der über sie gekommen war, weil sie gegen den Hohenpriester Jehovas gesprochen hatte.

Es scheint, dass nach den Satzungen der Römer die Kleider, die der Verurteilte zur Zeit der Hinrichtung trug, den Henkern anheimfielen. Die vier Soldaten, die mit der Kreuzigung Christi beauftragt waren, verteilten Sein ganzes Gewand unter sich, es blieb aber Sein Rock übrig (Johannes 19:24), der ein gutes Kleidungsstück war und aus einem ganzen Stück ohne Naht bestand. Ihn zu zertrennen hätte geheißen, ihn zu ruinieren; so warfen die Soldaten das Los, um zu entscheiden, wer ihn haben sollte. In diesem Umstand sahen die Verfasser der Evangelien die Erfüllung einer Vorhersage des Psalmisten: „Sie haben meine Kleider unter sich geteilt und haben über meinen Rock das Los geworfen (siehe Psalm 22:19).”

Auf dem Kreuz wurde über dem Haupt Jesu eine Inschrift angebracht, was auf Anordnung des Pilatus und in Übereinstimmung mit dem Brauch geschah, den Namen des Gekreuzigten und die Art des Verbrechens, für das er zum Tode verurteilt worden war, anzugeben. In diesem Fall war die Überschrift in drei Sprachen abgefasst, nämlich griechisch, lateinisch und hebräisch, so dass jeder, der lesen konnte, eine oder mehr davon verstehen konnte. Die Inschrift lautete: „Dies ist Jesus, der Juden König”, oder in der ausführlichen Version bei Johannes: „Jesus von Nazareth, der Juden König.” Die Inschrift wurde von vielen gelesen, denn Golgatha befand sich an einer öffentlichen Durchzugstraße und aus Anlass dieses Feiertages gab es zweifellos zahlreiche Vorübergehende. Bemerkungen wurden laut, denn wenn man die Inschrift wörtlich nahm, so war sie eine offizielle Bestätigung, dass der gekreuzigte Jesus tatsächlich der König der Juden war. Als dieser Umstand den Hohenpriestern zur Kenntnis gebracht wurde, wandten sie sich aufgeregt an den Landpfleger und sagten: „Schreibe nicht: Der Juden König, sondern dass er gesagt habe: Ich bin der Juden König. Pilatus antwortete: Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben.” — die Inschrift steht in der Geschichte als Zeugnis für die Auffassung eines Heiden im Gegensatz zu der Unbarmherzigkeit, mit der Israel seinen König verwarf (Johannes 19:19-22); Matthäus 27:37; (Lukas 23:38; Markus 15:26)

Die Soldaten, deren Pflicht es war, die Kreuze zu bewachen, bis ein langsamer Tod die Gekreuzigten von ihrer wachsenden Pein befreite, machten untereinander Scherze, verhöhnten den Christus und tranken Ihm mit Bechern sauren Weines in unseliger Verspottung zu. Sie blickten auf die Inschrift über dem Haupt des Dulders und schrien ihre vom Teufel inspirierte Aufforderung heraus: „Bist du der Juden König, so hilf dir selber!” Die krankhafte Menge und die Vorübergehenden „lästerten ihn und schüttelten ihre Häupter und sprachen: Ha, der du den Tempel zerbrichst und baust ihn in drei Tagen, hilf dir nun selber und steig herab vom Kreuz!” Am schlimmsten von allen aber verhielten sich die Hohenpriester und Schriftgelehrten, die Ältesten des Volkes, die unehrwürdigen Mitglieder des Sanhedrins, die sich noch vor dem unmenschlichen Pöbel hervortaten, indem sie schadenfroh triumphierten und laut riefen: „Andern hat er geholfen und kann sich selber nicht helfen. Ist er der König Israels, so steige er nun vom Kreuz. Dann wollen wir an ihn glauben.” Die zwei Übeltäter, die mit Ihm am Kreuz hingen, stimmten in den allgemeinen Spott ein und „schmähten ihn auch”. Einer von ihnen, der ob des herannahenden Todes verzweifelte, wiederholte die Stichelei, die er von den Priestern und Leuten gehört hatte: „Bist du nicht der Christus? Hilf dir selbst und uns!” (Markus 15:30-32)

Dann wies einer der gekreuzigten Missetäter, der durch des Heilands geduldige Tapferkeit zur Bußfertigkeit erweicht worden war und im Verhalten des göttlichen Dulders etwas Übermenschliches erblickte, seinen lästernden Gesellen zurecht und sagte: „Fürchtest du dich auch nicht vor Gott, der du doch in gleicher Verdammnis bist? Und wir zwar sind mit Recht darin, denn wir empfangen, was unsere Taten wert sind; dieser aber hat nichts Unrechtes getan.” Sein Eingeständnis der Schuld und dass er die Gerechtigkeit in seiner eigenen Verurteilung anerkannte, führten ihn an den Anfang der Bekehrung und zum Glauben an den Herrn Jesus, seinen Gefährten im Todeskampf. „Und er sprach: Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst Lukas 23:40-42)!” Auf die Bitte des Bußfertigen antwortete der Herr mit einer Verheißung, wie Er allein sie machen konnte: „Wahrlich, ich sage dir, heute wirst du mit mir im Paradiese sein Lukas 23:42).”

Unter den Zuschauern bei dieser größten Tragödie in der Geschichte gab es einige, die in Mitgefühl und Trauer gekommen waren. Es findet sich nirgends eine Erwähnung, dass welche von den Zwölf anwesend gewesen seien, ausgenommen einer, nämlich der Jünger, „welchen Jesus liebhatte”, Johannes der Apostel, Evangelist und Offenbarer; hingegen werden einige Frauen ausdrücklich genannt, die zuerst in der Ferne und dann ganz nahe am Kreuz in Schmerzen der Liebe und Trauer weinten. „Bei dem Kreuz Jesu standen seine Mutter und die Schwester seiner Mutter, Maria, die Frau des Klopas, und Maria von Magdala. (Johannes 19:25).” Außer den genannten Frauen gab es da auch viele andere, von denen einige Jesus im Laufe Seiner Tätigkeit in Galiläa behilflich gewesen waren und die zu denen gehörten, welche mit Ihm nach Jerusalem heraufgekommen waren. Als erste von allen ist wohl Maria, die Mutter Jesu, zu erwähnen, durch deren Seele ein Schwert gedrungen war, wie es der gerechte Simeon pophezeit hatte(Lukas 2:35). Jesus blickte voll zartem Mitleid auf Seine weinende Mutter, als sie mit Johannes am Fuß des Kreuzes stand, und empfahl sie der Obhut und dem Schutz des geliebten Jüngers mit den Worten: „Frau, siehe, dein Sohn!” Dann sagte er zu dem Jünger: „Siehe, deine Mutter!” Und von jener Stunde an nahm sie der Jünger zu sich.”;(Johannes 19:26-27) er verwirklichte somit unverzüglich das neue Verwandtschaftsverhältnis, das sein sterbender Meister festgesetzt hatte.

Jesus wurde am Morgen jenes schicksalsschweren Freitags an das Kreuz genagelt, wahrscheinlich zwischen neun und zehn Uhr. Zur Mittagszeit wurde das Licht der Sonne verdunkelt, und eine schwarze Finsternis breitete sich über das ganze Land aus. Die schreckenerregende Düsternis hielt drei Stunden lang an. Die Wissenschaft hat für dieses bemerkenswerte Phänomen keine zufriedenstellende Erklärung. Es konnte sich nicht um eine Sonnenfinsternis gehandelt haben, wie in Unwissenheit vermutet wurde, denn es war zur Zeit des Vollmondes; ja, die Zeit des Passahfestes wurde durch den ersten Vollmond nach der Frühlings-Tagundnachtgleiche bestimmt. Die Finsternis wurde durch eine wunderbare Anwendung der Naturgesetze bewirkt, die durch göttliche Macht gelenkt wurden. Es war ein passendes Zeichen der tiefen Trauer der Erde über den bevorstehenden Tod ihres Schöpfers(Lukas 23:44-49). Über den Todeskampf, den der Herr am Kreuz durchlitt, bewahren die Evangelisten ein ehrfürchtiges Stillschweigen.

Um die neunte Stunde oder um etwa drei Uhr nachmittags erscholl vom mittleren Kreuz eine laute Stimme. Sie übertraf selbst den schmerzlichsten Aufschrei körperlichen Leidens und zerriss die schreckliche Finsternis. Es war die Stimme des Christus. „Eli, Eli, lama asabthani? das ist verdolmetscht: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?” (Markus 15:33-35) Welcher menschliche Sinn könnte wohl die Bedeutung dieses furchtbaren Aufschreies ermessen? Es scheint, als wäre zu dem entsetzlichen Leiden der Kreuzigung auch noch der Seelenkampf von Gethsemane wiedergekehrt, so stark, dass menschliche Kraft ihn nicht ertragen konnte. In dieser bittersten Stunde war der sterbende Christus allein — auf schreckliche Weise tatsächlich allein.

Damit das letzte Opfer des Sohnes in seiner ganzen Fülle vollendet würde, scheint der Vater den Beistand Seiner unmittelbaren Gegenwart zurückgezogen zu haben, damit dem Heiland der Menschen der Ruhm des vollständigen Sieges über die Mächte der Sünde und des Todes überlassen sei. Obwohl alle, die in der Nähe standen, den Schrei vom Kreuz hörten, verstanden nur wenige die Worte. Der erste Ausruf, Eli — was mein Gott bedeutet —, wurde fälschlich für einen Ruf nach Elia gehalten.

Die Zeit der Schwäche, das Gefühl der vollkommenen Verlassenheit, ging bald vorüber, und noch einmal verlangte der Körper sein natürliches Recht. Der rasende Durst, der eine der schlimmsten Qualen der Kreuzigung ausmachte, presste von den Lippen des Heilands die einzige berichtete Äußerung körperlichen Leidens. „Mich dürstet!” sagte Er. Einer von denen, die dabeistanden, tränkte eilends einen Schwamm mit Essig, wovon ein Gefäß voll vorhanden war; und nachdem er den Schwamm auf das Ende eines Ysopstengels gesteckt hatte, drückte er ihn an des Herrn fiebernde Lippen. Ein paar andere wollten diese einzige menschliche Handlung verhindern, denn sie sagten: „Halt, lasst sehen, ob Elia komme und ihn herabnehme!” Johannes bestätigt, dass Christus den Ausruf: „Mich dürstet!” erst äußerte, als Er wusste, „dass schon alles vollbracht war”; die Apostel sahen in dem Vorfall die Erfüllung einer Prophezeiung Psalm 69:22).

In der vollen Erkenntnis, dass Er nicht mehr verlassen sei, sondern dass Sein Sühnopfer vom Vater angenommen und Seine Mission im Fleische zu ihrer herrlichen Vollendung geführt worden war, rief Er mit der Stimme heiligen Triumphs laut aus: „Es ist vollbracht!” Voll Ehrerbietung, Entsagung und Erleichterung sprach Er zum Vater und sagte: „Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist (Lukas 23:46)!” Er neigte Sein Haupt und gab freiwillig Sein Leben auf.

Jesus der Christus war tot. Das Leben war Ihm nicht genommen worden, außer dass Er es zugelassen hatte. So angenehm und willkommen Ihm der erleichternde Tod in den Anfangsstadien Seines Leidens von Gethsemane bis zum Kreuz hätte scheinen mögen — Er lebte, bis alle Dinge so vollendet waren, wie es verordnet war. In diesen Letzten Tagen war die Stimme des Herrn Jesus zu hören und sie bestätigte, dass Sein Leiden und Tod und der ewige, dadurch erfüllte Zweck wirkliche Tatsachen sind. Hört und beherzigt Seine Worte: „Denn sehet, der Herr, euer Erlöser, erlitt den Tod im Fleisch; deshalb litt Er den Schmerz aller Menschen, damit alle umkehren und zu Ihm kommen möchten LuB 18:11); (LuB 19:16-19).”

Verwendete Quellen

Jesus der Christus von James E. Talmage

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