Joseph Smith' Chirurg
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von LeRoy S. Wirthlin
Die Mitglieder der Kirche sind immer wieder davon ergriffen, wenn sie erfahren, wie tapfer Joseph Smith schon als achtjähriger Junge gewesen ist. Damals hatte er eine Knocheninfektion im Bein, und eine, Amputation schien fast unausweichlich. Joseph Smith war bereit, die Schmerzen einer Operation tapfer in den Armen seines Vaters zu ertragen; und er lehnte es ab, sich vorher mit Alkohol zu betäuben. Da ich selbst Chirurg bin, habe ich mir immer über diese Operation und die Ärzte, die sie erfolgreich durchgeführt haben, Gedanken gemacht.
Diese Operation erfolgte 1813 in einer der entlegensten Gegenden New Hampshires. Die Infektion, die Medizin nennt sie Osteomyelitis, folgte einer Epidemie von Typhusfieber, die sämtliche Kinder der Smith' ergriffen hatte. Bis zur Entdeckung von Antibiotika in unserem Jahrhundert war die Osteomyelitis eine verheerende Krankheit. Die zur Zeit Joseph Smith' angewandte Behandlung mit heißen Breiumschlägen und Pflastern war schon zur Zeit des griechischen Arztes Hippokrates üblich — aber mit wenig Erfolg. War der Knochen infiziert, starben ganze Knochenpartien ab. Der Körper produzierte neue Knochensubstanz, und diese umgab die abgestorbenen Knochenteile mit einer neuen lebenden Schicht. Unvermeidlich, daß sich der tote Knochen absonderte und in der Mitte einer Abszeßhöhlung zu liegen kam.
Dort tropfte er aus, oder aber die Infektion griff auf andere Teile des Körpers über, was den Tod zur Folge hatte. Normalerweise mußte im letzten Stadium das Bein amputiert werden.
1874 wird zum erstenmal die Operationstechnik beschrieben, die heute als Sequestrektomie die Entfernung eines abgestorbenen Knochenstückes bekannt ist. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde sie zur üblichen Methode. Sie ermöglichte ein Austrocknen des Knochens.
Doch schon 1813 beschreibt Lucy Mack Smith diese Operation: „Die Chirurgen fuhren fort zu operieren. Sie bohrten den Knochen zuerst von der kranken und dann von der anderen Seite an und brachen ihn mit einer Pinzette oder Kneifzange ab. Auf diese Weise entfernten sie große Knochenteile."
Hier beschreibt Lucy Mack Smith also eine Operationstechnik, die erst 1874 bekanntwurde. Wie konnte eine solche Operation bereits 60 Jahre vorher in der winzigen Gemeinde Lebanon in New Hampshire erfolgen?
Heilige der Letzten Tage würden es schwerlich als Zufall bezeichnen. In einer wenig bekannten Anmerkung zur Geschichte der Kirche erwähnt Joseph Smith die Namen seiner Ärzte: Smith, Stone und Perkins von der medizinischen Schule in Hanover, New Hampshire — 8 km von seiner Farm entfernt. Es waren nicht gewöhnliche, schlecht ausgebildete Landärzte, wie man sie damals überall antraf. Nathan Smith, der an der medizinischen Fakultät von Harvard in Cambridge, Massachusetts promoviert hatte, war der alleinige Begründer der medizinischen Schule, und er gründete später drei weitere medizinische Schulen in Neuengland. Er war auch Präsident der medizinischen Gesellschaft von New Hampshire, und schon bevor er Joseph Smith behandelt hatte, war er Erster Professor für Medizin und Chirurgie in Yale in New Haven, Connecticut. Er hatte die Übersiedlung nach New Haven aufgeschoben, so daß er die Opfer der Typhusepidemie von 1813 in Hanover und den umliegenden Ortsohaften behandeln konnte.
Cyrus Perkins war ein ehemaliger Student Nathan Smith' und promovierte an der Medical School von Dartmouth. Er kehrte später zurück und wurde Professor der Anatomie und praktizierte zusammen mit seinem früheren Lehrmeister.
Stone war höchstwahrscheinlich auch ein ehemaliger Student Smith'. In den ersten Klassenregistern von Dartmouth erscheinen einige Stones.
Daß Nathan Smith einer der größten Ärzte Amerikas jener Zeit war, erscheint hier noch bedeutungsvoller. Er selbst hatte bereits 1798 die Operation und Behandlung der Osteomyelitis eingeführt und schrieb 1827 eine Abhandlung darüber. Diese wurde aber durch zwei Generationen hindurch nicht beachtet. Er, der seiner Zeit weit voraus war, war der einzige Mann in Amerika, der Joseph Smith das Bein erhalten konnte. Nathan Smith war drei Jahre lang Gehilfe eines Landarztes, ohne eine Hochschulausbildung genossen zu haben. Dann eröffnete er seine eigene Praxis in Cornish, New Hampshire. Mit seiner Schulbildung jedoch war er nicht zufrieden. Deshalb immatrikulierte er drei Jahre später an der neugegründeten Fakultät von Harvard in Cambridge, Massachusetts. Er promovierte als fünfter Doktor, den diese Schule hervorgebracht hatte. 1790 nahm er wieder seine Praxis als Landarzt auf.
Er betrachtete es als seine Aufgabe, sowohl den allgemeinen medizinischen Standard als auch die Kenntnisse seiner Kollegen zu heben. Er richtete ein Ansuchen an die Aufsichtsratmitglieder des Dartmouth College, eine medizinische Fakultät errichten zu dürfen. Er verbrachte ein Jahr in Edinburgh, Schottland, und sammelte dort klinische Erfahrung. Er hielt seine Eröffnungsvorlesung in Dartmouth 1797. Dreizehn Jahre lang unterrichtete er allein Anatomie, Chemie, Chirurgie, Heilmittelkunde und theoretische und praktische Medizin, bis ihm 1810 Perkins als Professor für Anatomie zur Seite gestellt wurde.
Für ihre Lehrtätigkeit erhielten beide kein Gehalt. Schulgelder und ihre gemeinsame Praxis waren ihr Einkommen. Dr. Smith wurde in vielen schwierigen Fällen konsultiert, da er in Neuengland einen guten Ruf hatte - er hatte viele Arzte dort ausgebildet. Oft mußte er über 150 Kilometer auf dem Rücken eines Pferdes über schlechte Landstraßen zurücklegen. Gewöhnlich nahm er 10 bis 20 seiner Medizinstudenten mit. Es war dies Teil ihrer Ausbildung.
Dasselbe ereignete sich bei Joseph Smith. Nachdem Dr. Stone zwei erfolglose Operationen an Josephs erkranktem Bein durchgeführt hatte, bestand seine Mutter darauf, die Meinung anderer Arzte einzuholen, und sie verlangte, daß sich ein Arztegremium damit befasse. Nathan Smith, sein Kollege Cvrus Perkins und Medizinstudenten aus Dartmouth kamen, um die notwendige Operation durchzuführen.
Zuerst schlug man eine Amputation vor. Lucy Mack Smith bat statt dessen, eine Operation zu versuchen, um damit den erkrankten Knochen zu entfernen. Ihre Beschreibung des Vorgangs ist genau und deckt sich mit jener, die man in den Aufzeichnungen der einstigen Medizinstudenten gefunden hat.
Die Operation war erfolgreich. Josephs Wunde heilte. Die Tatsache, daß eine Wunde mit einem freiliegenden Knochenschaft so rasch heilte, grenzt wahrhaftig an ein Wunder. Jedoch war Nathan Smith ein außergewöhnlich erfolgreicher Chirurg. Wir hören nie, daß er nach einer Operation amputieren mußte. Joseph mußte drei Jahre lang Krücken benutzen, aber sein Leben und sein Bein waren verschont geblieben. Nach der Epidemie und der Operation verließen Nathan Smith und Joseph Smith New Hampshire. Nathan Smith wurde Professor in Yale, und Joseph Smith kehrte auf drei Jahre nach Vermont zurück, bevor er nach Palmara, New York, übersiedelte, wo er schließlich sein großes Werk begann.
Man kann es schwerlich Zufall nennen: ein Junge, der trotz zweier erfolgloser Operationen den Mut hatte, die Amputation abzulehnen. Eine Mutter, die es nochmals mit einer Operation versuchen wollte, obwohl sie nicht wußte, daß Nathan Smith der einzige Chirurg in den Vereinigten Staaten war, der auf diese Weise erfolgreich Osteomyelitis behandelt hatte. Schließlich ergab sich noch die undramatische Verbindung zwischen dem richtigen Mann und der richtigen Zeit.
verwendete Quelle
- der Stern, November 1978
