John A. Widtsoe
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Am 2. Januar 1891 setzte sich ein 19jähriger Einwanderer aus Norwegen in seinem Haus in Logan City (Landkreis Cache, Utah-Territorium) hin und schrieb auf einige linierte Bogen die folgenden Zeilen :
„Ich habe klar erkannt, dass ich so schwach bin wie alle anderen Menschen, vielleicht schwächer als viele andere. Auch habe ich eingesehen, dass man nur dann glücklich werden kann, wenn man ein reines Herz und ein gutes Gewissen hat, den Herrn fürchtet und seine Gebote hält. Außerdem ist mir klargeworden, was den Menschen im Alter glücklich macht, nämlich die Möglichkeit, auf ein Leben zurückzublicken, das frei von schweren Sünden ist, und die Zufriedenheit darüber, dass man edle Wünsche beherzt in die Tat umgesetzt hat. Weiter habe ich festgestellt, dass mein Leben bisher nicht so verlaufen ist, wie ich es gerne sehen würde. Aus allen diesen Gründen lege ich die folgenden Grundsätze nieder, nach denen ich mich hinfort bemühen werde, mein Leben zu gestalten. Dabei mögt: mir mein Schöpfer, der allmächtige Gott heIfen,"
Sodann brachte er 17 Entschlüsse zu Papier. Fast acht Monate später, am Dienstag, dem 25. August 1891, übertrug g er sie in sein Tagebuch mit festem Einband. Hierin sollte er festhalten was er in den schwierigen Jahren erlebte, als er als fremder Student aus dem UtahTerritorium an der Harvard-Universität in Cambridge in Massachusetts studierte. Er begann damit, dass er die 17 Entschlüsse in sein Tagebuch eintrug, von denen er sich leiten lassen wollte.
Meine Entschlüsse:
- Die Religion soll mir als Wissenschaft aller Wissenschaften während meines ganzen Lebens das wichtigste Anliegen sein.
- Ich werde täglich im Verborgenen zu Gott beten.
- Ich werde täglich über Gott und seine Eigenschaften nachdenken und versuchen, ihm gleich zu werden.
- Ich werde Licht, Weisheit und Erkenntnis annehmen, wo auch immer und wie auch immer sie mir angeboten werden.
- Ich werde mich niemals schämen, mich zu meinen Grundsätzen, meinen Anschauungen und meiner Religion zu bekennen, sobald ich voll davon überzeugt bin, dass sie richtig sind.
- Ich werde keinen Augenblick meines Lebens verschwenden, sondern meine Zeit weise nutzen.
- Ich werde im Essen und Trinken strenge Mäßigkeit walten lassen.
- Ich werde nie etwas tun, was ich auch in der letzten Stunde meines Lebens nicht tun würde.
- Ich werde täglich das Wort Gottes lesen, damit ich seinen Willen lerne und daraus Trost, Kraft und Mut schöpfe.
- In allem, was ich sage, werde ich nichts als die reine und einfache Wahrheit reden.
- Stets werde ich tun, was ich für meine Pflicht halte und was meinen Mitmenschen zum Besten dient.
- Solange ich lebe, werde ich mein Leben mit ganzer Kraft führen, damit ich nicht eines lebendigen Todes sterbe.
- Ich werde niemals durch meine Worte oder durch mein Verhalten versuchen, anderen meine Meinung aufzuzwingen, sondern sie lediglich darlegen und meine Argumente denen der anderen gegenüberstellen!
- Ich werde mich bemühen, die Neigung zu überwinden, dass ich schnell zornig werde, laut spreche und ungeduldige Bewegungen mache. Ich werde auch versuchen, alles andere zu überwinden, was meine Mitmenschen kränken und mir selbst schaden könnte.
- Ich werde nie auch nur einen Augenblick meine Pflicht gegenüber meinen Mutter vergessen, der ich alles zu verdanken habe, was ich bin, und die mich zu dem machen wird, was ich sein werde denn sie hat ihre besten Jahre für mich geopfert, und ich bin es ihr schuldig, dass ich sie nach besten Kräften ehre, achte und liebe. Ich werde auch stets meinen Pflichten gegenüber meinem Bruder so wie gegenüber allen meinen Freunden und Verwandten eingedenk sein.
- Ich werde jede Aufgabe, die ich beginne, zu Ende führen, und ich werde, bevor ich eine Pflicht übernehme, sorgfältig meine Absicht und deren Folgen prüfen.
- Ich werde mich immer daran erinnern, dass die Männer und Frauen, denen ich begegne, meine Brüder und Schwestern sind und dass ich den Balken in meinem eigenen Auge erkennen soll, ehe ich versuche, den Splitter aus dem Auge meines Nächsten zu ziehen (Matthäus 7:5)."
Auch heute täte jeder junge Mann und jedes junge Mädchen gut daran, sich in ähnlicher Weise zu prüfen. Als der junge Mann diese Zeilen zum erstenmal schrieb, studierte er am Brigham Young College in Logan. Das Jahr 1891 hatte gerade begonnen. Vor etwas mehr als drei Monaten hatte Präsident Wilford Woodruff aufgrund einer Offenbarung die „Amtliche Erklärung” herausgegeben. Damit boten sich den von Ort zu Ort getriebenen, verfolgten und missverstandenen Heiligen der Letzten Tage neue Möglichkeiten.
Der Name des jungen Mannes lautete John Andreas Widtsoe. Er wohnte mit seiner verwitweten Mutter und seinem kleinen Bruder in einer armseligen Hütte. 1884 waren sie aus Norwegen eingewandert. Am 27. Juni 1894 verlieh Charles W. Eliot, der Präsident der Harvard-Universität, dem jungen Einwanderer im Sanders Theater in Harvard Yard (Cambridge, Massachusetts) den Bakkalaureus der Naturwissenschaften, und zwar mit dem Prädikat „summa cum laude” (mit höchstem Lob). Für den auf vier Jahre verteilten Stoff hatte er nur drei Jahre gebraucht, doch hatte er manche Not durchstehen müssen. Seine verwitwete Mutter und sein kleiner Bruder hatten ihm aus ihrem dürftigen Einkommen kleine Geldbeträge geschickt. Die übrigen Ausbildungskostenwaren durch ungewöhnliche persönliche Opfer und durch Darlehen aufgebracht worden, die ihm gütige Freunde in Logan u einem Zinssatz in 12% gewährt hatten.
Von Harvard kehrte er nach Logan zurück, um als Chemiker in der Landwirtschaftlichen Forschungsstation in Logan in Utah zu arbeiten. Am 1. Juni 1898 heiratete er Leah Dunford, die älteste Tochter von Susa Young Gates, ein hübsches junges Mädchen. Das junge Paar reiste nach Deutschland, wo John A. Widtsoe an der Universität Göttingen in Biochemie promovierte. Nach dem Doktorexamen folgten weitere Studien am Polytechnikum in Zürich in der Schweiz und an der Londoner Universität.
Während seines Aufenthalts in Europa erhielt er vom Vorsitzenden des Kuratoriums des Brigham Young College ein Überseetelegramm, worin ihm das Amt des Präsidenten des Brigham Young College angeboten wurde. Einen Tag später traf ein
Überseetelegramm von Präsident Joseph F. Smith von der Ersten Präsidentschaft ein, worin ihm geraten wurde, das Angebot auszuschlagen und statt dessen zu der Bildungsstätte zurückzukehren, die heute unter dem Namen „Utah State University” bekannt ist. Dort organisierte er die landwirtschaftliche Forschung und führte zum Segen der Dürregebiete in der Welt das wissenschaftliche Trockenfarm-Verfahren und die künstliche Bewässerung ein.
Er wurde der Vater der künstlichen Bewässerung auf wissenschaftlicher Grundlage und des Trockenfarmens. Seine Bücher und Artikel wurden in französischer, italienischer und arabischer Sprache veröffentlicht, und man machte davon in den unfruchtbaren Regionen in der ganzen Welt einschließlich der Vereinigten Staaten und Kanadas in großem Umfang Gebrauch. Später wurde er vom amerikanischen Innenminister beauftragt, die Gesetze und Richtlinien der Vereinigten Staaten für die Urbarmachung von Land zu revidieren. Von 1907 bis 1916 war er Präsident der Utah State University, von 1916 bis 1921 Präsident der University of Utah. Im März 1921 berief ihn Präsident Heber J. Grant zum Apostel, ein Amt, das er in der Folge bis zu seinem Tode innehatte. Als er 1952 verstarb, verlas man bei der Bestattungsfeier im Tabernakel in Salt Lake City ein Telegramm aus Kanada, worin seine großen Verdienst gewürdigt wurden. Das Telegramm stammte vom kanadischen Premierminister.
An John A. Widtsoe kann sich in diese Zeit jeder junge Mann und jedes junge Mädchen in der Kirche und in der Welt ein Beispiel nehmen, vor allem diejenigen, die im Begriff sind, eine Ausbildung zu beginnen, ins Berufsleben einzutreten oder eine Familie zu gründen.
Erinnern wir uns an seine Worte: Auch habe ich eingesehen, dass man nur dann glücklich werden kann, wen man ein reines Herz und ein gutes Ge wissen hat, den Herrn fürchtet und sein Gebote hält . . . Aus . . . diesen Gründe lege ich die folgenden Grundsätze nieder, nach denen ich mich hinfort bemühen werde, mein Leben zu gestalten."
Man könnte allen jungen Männern und jungen Mädchen empfehlen, die Regeln niederzuschreiben, wonach sie ihr Leben führen möchten. Bruder Widtsoe hat den jungen Menschen oft geraten, sich selbst Versprechen abzulegen und dies Versprechen dann auch einzuhalten.
Sein eifriges Forschen nach Wahrheit und Wissen ist für junge Mitglieder der Kirche ein denkwürdiger Markstein John A. Widtsoe war nicht nur Präsdent zweier Universitäten seines Bundesstaates, sondern lange Jahre auch Mitglied des Verwaltungsrats der Brigham-Young-Universität und einer ihrer führenden Köpfe. Zweimal hat er auch das Amt des Bildungsbeauftragten der Kirche innegehabt. Im gleichen Maße, wie er sich der Forschung und der Erweiterung der Wissensgebiete widmete, war er aber auch dem Urheber aller Wahrheit dem Vater im Himmel, ergeben, ja, sein Glaube an ihn war noch größer. Er erkannte den Glauben an den Herrn Jesus Christus, nicht nur als ersten Grundsatz des Evangeliums an, sondern bezeichnete diesen Glauben auch als die „höhere Erkenntnis".
Eines seiner Gedichte, die er während seiner Studienzeit an der Harvard-Universität schrieb, steht jetzt in der Vertonung von Alexander Schreiner im Gesangbuch der Kirche „Führe mich zum ewgen Leben”, (Gesangbuch, Nr. 7). Darin findet sich die Zeile : „Gib mir Glauben und Erkenntnis, Vater, komm, und segne mich!”
Können wir in unserer Zeit Hindernisse überwinden? Kann ein Mensch, dem es an Geld, familiären Bindungen und an guten Beziehungen fehlt, sich in der heutigen Welt seinen Weg bahnen? Lassen sich Glauben und Wissen miteinander vereinbaren?
Gewiss. Und wie?
Indem wir die gleichen Grundsätze anwenden, die Bruder Widtsoe schon in früher Jugend für sein Leben aufgestellt hat. Sein Beispiel ist allen jungen Männern und jungen Mädchen unserer Zeit zu empfehlen.
In seinem Buch „In Search of Truth“ hat uns Bruder Widtsoe ein praktisches Rezept gegeben, das ihm gute Dienste geleistet hat. Auch jedem anderen wird es sehr nützlich sein. Es lautet : Arbeiten, arbeiten und nochmals arbeiten. Lernen, lernen und nochmals lernen. Beten, beten und nochmals beten.”
verwendete Quellen
- Der Stern Januar 1980
