Howard W. Hunter
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Howard William Hunter (1907-1994) war der vierzehnte Präsident der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage. Die beste Beschreibung seines Lebens liefert wohl eines seiner Zitate aus dem Jahr 1967:
- „Wahre Christen müssen verstehen, dass das Evangelium Jesu Christi nicht nur ein Evangelium des Glaubens, sondern eine Anleitung zur Tat ist. Sein Evangelium ist ein Evangelium des Gebots, und der eigentliche Kern seines Evangeliums ist ein Aufruf zum Handeln.“ (Conference Report, April 1967, S. 115.) Howard W. Hunters Leben war Ausdruck dieses Gebots.
Howard Hunter wurde am 14. November 1907 in Boise im Bundesstaat Idaho als Sohn von John William Hunter und Nellie Marie Rasmussen geboren. Seine Mutter war Zeit ihres Lebens Mitglied der Kirche gewesen. Ihre Großeltern waren in Dänemark bzw. Norwegen getauft worden, ehe sie nach Utah auswanderten, wo sie einander kennenlernten und schließlich heirateten. Howard Hunters Vater, Will Hunter, stammte von Schotten ab, die in den amerikanischen Westen ausgewandert waren, sowie von Nachkommen der ersten Siedler Neuenglands. Seine Urgroßmutter hatte sich in Nauvoo, Illinois, der Kirche angeschlossen und war 1852 in den Westen gezogen. Howard W. Hunters Vater, Will Hunter, war kein Mitglied der Kirche, aber er unterstützte seine Frau in ihrer Tätigkeit als Mitglied. Anstatt seinen Kindern zu gestatten, sich mit acht Jahren taufen zu lassen, bestand er darauf, dass sie warteten, bis sie — seiner Meinung nach — dieser Verantwortung besser gewachsen wären. Daher konnten sich Howard und seine um zwei Jahre jüngere Schwester Dorothy erst taufen lassen, als Howard zwölf Jahre alt wurde.
Schon vor seiner Taufe fühlte sich Howard der Kirche verpflichtet. In den frühen zwanziger Jahren wurden die Mitglieder seiner Gemeinde während einer Abendmahlsversammlung um Spenden für ein neues Gemeindehaus gebeten, und Howard war der erste, der sich freiwillig dazu meldete. Er spendete 25 Dollar — damals eine beträchtliche Summe für einen Jugendlichen.
Howard Hunter besuchte die Lowell-Grundschule und später die Boise-High-School. Er war ein guter Schüler und brachte es im Kadettenkorps der Schule zum Rang eines Majors — damals der höchstmögliche Rang. Außerdem war er Mitglied eines der ersten Pfadfindertrupps in Idaho und wurde der zweite Adler-Scout in Boise und vielleicht sogar in ganz Idaho.
Howard Hunter interessierte sich sehr für Musik und beherrschte mehrere Instrumente: Saxophon, Klarinette, Schlagzeug und Klavier. Während seines vorletzten Schuljahres gründete er die Tanzkapelle „Hunter's Croonaders“ und spielte mit ihr in Boise und Umgebung. Diese Kapelle spielte sogar auf der Reise der SS President Jackson nach China. Nach seiner Rückkehr nach Boise im Jahr 1927 stellte Howard Hunter voller Überraschung fest, dass sich sein Vater hatte taufen lassen — ein Anlass zu großer Freude.
Im darauffolgenden Jahr reiste Howard Hunter nach Kalifornien, um einen Freund zu besuchen. Es gefiel ihm sehr gut und in der Folge ließ er sich in Kalifornien nieder. Er zog bei seinem Onkel und seiner Tante in Los Angeles ein und fand schon bald eine Stelle bei einer Bank. Im April 1928 trat er seine erste Stelle bei der Bank of Italy (der späteren Bank of America) an und arbeitete sich vom kleinen Angestellten zum Kreditsachbearbeiter hinauf. Nach einiger Zeit bot ihm die First Exchange Bank einen besseren Posten an, den er gerne annahm.
Schon damals hatte er eine lebenslustige junge Dame kennengelernt, die von Beruf Personalchefstellvertreterin war und Clara May (Claire) Jeffs hieß. Die Verlobung fand im Jahr 1931 statt. Am Tag vor der Trauung im Salt-Lake-Tempel (dem 10. Juni 1931) wurde dem Brautpaar ein äußerst nützlicher Rat gegeben, nämlich keine Schulden zu machen. Sie befolgten diesen Ratschlag und ersparten sich dadurch während der Weltwirtschaftskrise eine finanzielle Katastrophe.
Trotz allem wurde Howard Hunter im Januar des Jahres 1932 nach dem Bankrott seiner Bank arbeitslos und hielt sich einige Zeit mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser. Im Jahr 1934 wurde ihm eine Stelle bei der Hochwasserschutzbehörde von Los Angeles angeboten, wo er für die rechtlichen Belange im Zusammenhang mit Grundbucheinträgen zuständig war. Dieser berufliche Erfolg war jedoch von einer familiären Tragödie überschattet: Das erste Kind der Hunters, Howard William jun., starb im Alter von sechs Monaten.
Zu seiner Arbeit bei der Kreisverwaltung von Los Angeles gehörten auch gelegentliche Nachforschungen bei Gericht, die sein Interesse an der Rechtswissenschaft erweckten. Während der folgenden fünf Jahre ging er tagsüber zur Arbeit und abends an die Universität, wo er in Abendkursen das Jura-Studium absolvierte. Er stand frühmorgens auf und lernte, noch ehe er per Bus zur Arbeit fuhr, ebenso samstags. Sogar während der Geburt seiner beiden späteren Söhne John und Richard saß er im Wartezimmer des Krankenhauses und las rechtskundliche Fachbücher. Im Juni 1939 schloss er sein Studium der Rechtswissenschaften an der Southwestern University mit Auszeichnung ab und bestand wenige Monate später die Zulassungsprüfung zur Anwaltskammer des Bundesstaates Kalifornien.
Nach Abschluss seines Studiums stürzte sich Howard Hunter voll Eifer in seine kirchlichen Tätigkeiten. Schon in der Gemeinde Inglewood und im Pfahl Hollywood war er in der Jugendarbeit tätig gewesen, so z.B. bei den Pfadfindern. Er hatte auch Fachkurse für Genealogie — eines seiner lebenslangen Hobbys — unterrichtet, nun aber kam noch viel mehr auf ihn zu. Im Jahr 1936 war er mit seiner Familie nach Alhambra umgezogen. Die dortige Gemeinde wurde im September 1940 geteilt und hieß nun El Sereno. Howard Hunter wurde ihr neuer Bischof — einer der jüngsten Bischöfe Südkaliforniens. Während des 2. Weltkriegs, als viele junge Leute zum Militär eingezogen wurden, blieb er Bischof und war wegen des Personalmangels gleichzeitig auch Scoutführer. Gemeinsam mit den Mitgliedern seiner Gemeinde hoffte er auf den Bau eines eigenen Gemeindehauses nach Ende des Krieges, und daher verbrachten sie zusammen viele Abende beim Zwiebelschneiden in einer Konservenfabrik, um das dazu erforderliche Geld zu verdienen.
Als Rechtsanwalt boten sich Howard W. Hunter häufig Gelegenheiten zu guten Geschäften. Zusammen mit einem Freund stieg er in den Realitätenhandel ein, und sie gründeten ebenfalls eine kleine Ölfirma. Sein Hauptinteresse galt jedoch seiner Familie und der Kirche. Im Jahr 1948 zog die Familie Hunter nach Arcadia um, wo Howard W. Hunter Hoher Rat im Pfahl Pasadena wurde. Zwei Jahre später, im Februar 1950, wurde er als Präsident des Pfahles Pasadena berufen.
Präsident Hunter war als unermüdlicher Führer bekannt. Er war für das Pilotprogramm des Seminars in Südkalifornien zuständig und war Mitglied des Komitees für den Bau des Los-Angeles-Tempels. Er war Vorsitzender des Regionsrates der Pfahlpräsidenten und war für Mitglieder der Kirche von San Luis Obispo bis zur mexikanischen Grenze zuständig. Präsident Hunter war für seine Nächstenliebe, seine Weisheit und seinen Führungsstil bekannt, bei dem er Demut mit nüchterner Praxisbezogenheit verband.
Howard W. Hunters Berufung in das Kollegium der Zwölf Apostel kam völlig unerwartet. Am 15. Oktober 1959 wurde er als vierundsiebzigster Apostel dieser Evangeliumszeit ordiniert.
Sein Dienst als besonderer Zeuge Jesu Christi führte ihn rund um die Welt und lehrte ihn Wertschätzung für die verschiedensten Kulturen. Er war Direktor des Polynesischen Kulturzentrums auf Hawaii und es ist sein Verdienst, dieses Zentrum in eine Touristenattraktion verwandelt zu haben, dessen Einkünfte zur finanziellen Unterstützung vieler polynesischer Studenten an der BYU-Hawaii verwendet werden können. In Israel arbeitete Elder Hunter trotz erheblichen Widerstands sowohl jüdischer als auch arabischer Interessensgruppen unermüdlich daran, eine Baubewilligung für das Jerusalem Center (= das Auslandsstudienzentrum der Brigham Young Universität in Israel) erteilt zu bekommen, das im Mai 1990 geweiht wurde. Als Vorsitzender der New World Archaeological Foundation unternahm er zahlreiche Reisen nach Guatemala und Mexiko.
Elder Hunter war zehn Jahre lang Vorsitzender der Genealogischen Gesellschaft des Staates Utah und zeichnete für viele entscheidende Veränderungen in den Bereichen EDV und Mikroverfilmung sowie der Organisation der Tempelarbeit verantwortlich. Elder Hunter war Geschichtsschreiber der Kirche und Mitglied des Treuhänderausschusses der Brigham Young Universität und des Bildungswesens der Kirche.
Zwei Tage nach Elder Marion G. Romneys Tod wurde Elder Hunter am 2. Juni 1988 als Präsident des Kollegiums der Zwölf Apostel bestätigt und eingesetzt. Er unternahm nach wie vor ausgedehnte Dienstreisen rund um die Welt, war Vorsitzender des Hauptausschusses des Korrelationskomitees sowie Mitglied des Investitionskomitees und zahlreicher anderer Komitees. Außerdem war er Vorsitzender und Ausschussmitglied der Versicherungsgesellschaft Beneficial Life Insurance Company sowie vieler anderer Firmen.
Präsident Hunters Arbeit im Dienst der Pfadfinder sowohl auf örtlicher als auch auf amerikaweiter Ebene haben dazu beigetragen, dass er nie den Kontakt zur Jugend der Kirche verlor. Das Pfadfinderwesen war ihm stets wichtig, und einige seiner schönsten Erinnerungen stammen aus der Zeit, als er mit seinen Pfadfindern auf Lager fuhr und mit seinen eigenen Söhnen in selbstgebauten Kajaks den Rogue River (in Oregon) hinunterfuhr. Im Jahr 1978 wurde ihm die höchste Adlerscout-Auszeichnung verliehen.
Präsident Hunters Amtszeit war von seinem Einfühlungsvermögen, seinem hohen menschlichen und beruflichen Niveau, seiner Geduld, Gründlichkeit, seinem Humor und seiner Intelligenz geprägt. Seine Ansprachen brachten häufig seine beruflich erworbene Fähigkeit zur Schlussfolgerung vom Allgemeinen auf das Besondere zum Ausdruck, ebenso sein kirchliches und geschichtliches Fachwissen, sein Einfühlungsvermögen und seine Liebe zu Jesus Christus. Ein immer wiederkehrendes Thema seiner Ansprachen war die Göttlichkeit Jesu Christi sowie die Immanenz Gottes im Leben des Menschen.
Im Oktober 1984, ein Jahr nach dem Tod seiner Frau Claire, hielt Elder Hunter eine seiner tiefgründigsten Ansprachen. Claire Hunter hatte im Verlauf von zwölf Jahren mehrere Schlaganfälle erlitten, die sie mehr und mehr schwächten und war auch sonst immer wieder verschiedentlich erkrankt. Elder Hunter hatte stets daraufbestanden, solange ihm dies möglich war, Claire selbst zu pflegen. In der Ansprache behandelte er die Entstehungsgeschichte des von Mary Ann Baker verfassten Kirchenliedes Meister, es toben die Winde, und sagte sodann:
- „Wir alle werden uns irgendwann im Leben Widrigkeiten gegenübersehen. ... Vielleicht wird dadurch sogar unser Glaube an einen liebenden Gott erschüttert, der die Macht hat, uns Hilfe zuteil werden zu lassen. Der himmliche Vater würde meiner Ansicht nach folgendes dazu sagen: 'Warum fürchtet ihr euch so? Warum mangelt es euch an Glauben?' Man benötigt diesen Glauben natürlich für die gesamte Reise, für alle Erfahrungen, für die Fülle unseres Lebens und nicht nur hier und da, wenn es stürmisch wird. Am Ende unserer Lebensreise, das für niemanden vorhersehbar ist, werden wir sodann sagen: ‚Meister, der Sturm ist vorüber ... Dann gelange ich glücklich zum Hafen und werde geborgen sein.’“ (Conference Report, Oktober 1984, S. 43.)
Präsident Hunter war mit Widrigkeiten und Leid innig vertraut. Er erlitt einen Herzinfarkt, musste sich einer vierfachen Bypass-Operation unterziehen, erkrankte an Krebs und wurde operiert, musste eine Wirbelsäulenoperation über sich ergehen lassen und war auch sonst häufig in ärztlicher Behandlung. Er erlebte aber auch viel Angenehmes und Schönes. Am 12. April 1990 heiratete er noch einmal, und zwar eine Bekannte aus früheren Jahren, Inis Egan.
Am 5. Juni 1994 wurde Howard W. Hunter als Präsident der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage berufen, bestätigt und eingesetzt. In seiner ersten Presseerklärung als Präsident der Kirche sagte Howard W. Hunter:
- „Ich lade alle Mitglieder der Kirche dazu ein, mit noch größerer Aufmerksamkeit dem Leben und Vorbild des Herrn Jesus Christus nachzueifern — besonders seiner Liebe, seiner Hoffnung und seinem Erbarmen. Ich bete darum, dass wir einander mit mehr Güte, Demut, Geduld und Vergebungsbereitschaft begegnen.... Ich lade die Mitglieder der Kirche auch dazu ein, den Tempel Gottes zum wichtigsten Zeichen ihrer Mitgliedschaft in der Kirche und zu jener Stätte zu machen, an der sie allerheiligste Bündnisse schließen. Der größte Wunsch meines Herzens besteht darin, dass alle Mitglieder der Kirche würdig sind oder werden, den Tempel zu betreten ... Seien wir ein Volk, das häufig in den Tempel geht und das den Tempel liebt.“ (Zit. bei Todd, S. 4,5.)
In seiner ersten Generalkonferenzansprache als Präsident der Kirche wiederholte Präsident Hunter diese beiden Themenkreise und erläuterte sie noch näher, woraus eindeutig hervorging, was die Schwerpunkte seiner Amtszeit bilden sollte, nämlich die Vorbildwirkung Jesu Christi, der geduldige, höfliche und verzeihende Umgang mit unseren Mitmenschen, sowie Würdigkeit und Besuch des Tempels. Dem fügte Präsident Hunter sein Zeugnis hinzu:
- „Meine größte Stütze in den vergangenen Monaten ist mein unverrückbares Zeugnis dessen gewesen, dass dies das Werk Gottes und kein Menschenwerk ist. Jesus Christus steht an der Spitze dieser Kirche. Er führt sie in Wort und Tat. Ich fühle mich unaussprechlich geehrt, als Werkzeug seiner Hände eine Zeitlang über diese Kirche präsidieren zu dürfen. Ohne das Wissen, dass Christus an der Spitze dieser Kirche steht, könnte niemand — weder ich noch sonst jemand — die Last dieser Berufung, die mir nun zuteil geworden ist, tragen ... Ich weihe diesem Dienst mein Leben, meine Kraft und meine ganze Seele.“ (Hunter, S. 7,8.)
Präsident Howard W. Hunter verstarb nach einer Amtszeit von weniger als einem Jahr am 3. März 1995.
verwendete Quellen
Kirchengeschichte, Auszüge aus der Enzyclopedia of Mormonism
externe Links
GA-Pages, Lebensläufe der Generalautoritäten, englisch
