Glücksspiel

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Von Dallin H. Oaks

Die elementare Anziehungskraft des Glücksspiels auf den Menschen besteht in dem Zauber, etwas umsonst zu bekommen. In seiner einfachsten Form muss der Spielende beim Glücksspiel ein gewisses Risiko eingehen, indem er etwas, was einen Wert darstellt, einsetzt und es teilweise oder gänzlich dem Zufall überlässt, wie das Ergebnis aussieht. Die Haltung der Kirche zum Glücksspiel ist in der folgenden Erklärung Heber J. Grants und seiner beiden Ratgeber, der Ersten Präsidentschaft, vom 21. September 1925 unmissverständlich festgelegt worden:

„Die Kirche hat sich schon immer unmissverständlich gegen Glücksspiele jeder Art ausgesprochen. Sie ist gegen jedes Glücksspiel, gegen jedes derartige Gewerbe oder gegen sogenannte Geschäfte, die Geld von jemandem nehmen, der von der Spielleidenschaft besessen ist, ohne ihm einen entsprechenden Gegenwert zurückzuerstatten. Die Kirche ist gegen alles, was den Geist der rücksichtslosen Spekulation fördert, und im besonderen gegen das, was dazu führt, die hohen moralischen Verhaltensgrundsätze, die die Mitglieder der Kirche und der größte Teil der Öffentlichkeit immer unterstützt haben, zu schwächen oder herabzusetzen.

Wir legen deshalb allen Mitgliedern der Kirche eindringlich ans Herz, von jeder Teilnahme an irgend etwas abzusehen, was im Gegensatz zu dem dargelegten Standpunkt steht.” Spätere Erklärungen von Führern der Kirche haben die Gründe für diese entschiedene Haltung bis ins einzelne untermauert.

Das Glücksspiel ist ein altes Übel und als das schon lange erkannt. Einige orientalische Glücksspiele lassen sich nachweisbar bis 2100 v. Chr. zurückverfolgen. Im alten Ägypten wurde jemand, der des Glücksspiels überführt wurde, in die Steinbrüche geschickt. Das Glücksspiel wird im Kodex der Hindus, im Koran und im Talmud gebrandmarkt. Auch Aristoteles verurteilte das Spielen.

Im Mittelalter war das Glücksspiel sehr verbreitet, und zwar besonders unter dem Adel. Aber selbst diejenigen, die sich an Glücksspielen beteiligten, waren bereit, das Böse daran anzuerkennen — wenn schon nicht bei sich, dann wenigstens bei anderen. Die Gesetzgeber in England und Frankreich versuchten den schädlichen Auswirkungen des Spielens auf die Dienerschaft entgegenzuwirken, weil es sie zur Faulheit verleitete oder sie dazu. veranlasste, sich nicht mehr im Bogenschießen zu üben, was die nationale Sicherheit gefährdete.

Eine der beliebtesten Formen des Glücksspiels war die Lotterie, die dem arbeitenden Volk erlaubt und in der Englisch sprechenden Welt des 17. und 18. Jahrhunderts allgemein üblich war. Im Jahre 1576 proklamierte Königin Elisabeth die erste Staatslotterie in England. 1660 wurde sogar eine Lotterie veranstaltet, mit deren Reinerlös man Engländer freikaufen wollte, die sich in Tunis, Algerien und auf den türkischen Galeeren in der Sklaverei befanden. Anfang des 19. Jahrhunderts war das Lotteriespiel in den Vereinigten Staaten so weit verbreitet, dass es allein im Staate New York mehr als 200 Lotteriegeschäfte gab. Im Jahre 1832 wurden für sage und schreibe über 60 Millionen Dollar Lotterielose verkauft, was das Fünffache des nationalen Budgets der US-Regierung ausmachte.

Es wurde darauf hingewiesen, dass das Lotteriespiel eine beliebte Möglichkeit darstelle, große Projekte zu finanzieren, weil es zu dieser Zeit nur wenige verlässliche Banken gegeben habe. Es habe damals, so wird angeführt, keine regulären Mittel gegeben, um große Summen Geld freizumachen, ausgenommen, man würde eine große Zahl kleiner Summen von der Bevölkerung, der nur beschränkte Mittel zur Verfügung stünden, anhäufen.

Ob diese Argumente nun stichhaltig sind oder nicht, fest steht, dass sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein Umschwung der Öffentlichkeit gegen die Lotterie abgezeichnet hat. Um das Jahr 1850 hatten viele Staaten in ihrer Verfassung Klauseln eingebaut, die die Lotterie und andere Arten des Glücksspiels verboten. In vielen Staaten bilden diese verfassungsmäßigen Verbote noch heute eine Barriere gegen das Glücksspiel, doch sie sind ständigen Angriffen ausgesetzt.

Zuerst erhob sich in England Widerstand gegen das Lotteriespiel, und zwar reichte die Stadt London 1773 im Unterhaus eine Bittschrift ein, wonach das Lotteriespiel abgeschafft werden sollte, weil es die Wirtschaft des Landes gefährden und das Wohlergehen und das wirtschaftliche Wachstum des Volkes bedrohen würde. Im Jahre 1808 ernannte das Unterhaus ein Komitee, welches die Nachteile des Lotteriespiels untersuchen sollte. Der Bericht des Komitees, der dazu beitrug, dass das Lotteriespiel einige Jahre später verboten wurde, war so aktuell, dass er hätte vergangene Woche und nicht 160 Jahre vorher geschrieben worden sein können.

Das Komitee berichtete von Fällen, wo Leute, die in Wohlstand und Ehrbarkeit gelebt hatten, sich wegen der Spielleidenschaft in Armut und Not gestürzt hätten; von Fällen, wo es deswegen zu Auseinandersetzungen und Tätlichkeiten in der Familie gekommen und der Familienfrieden dahin sei; von Fällen, wo Väter ihre Familie im Stich gelassen haben, wo Frauen ihre Kinder vernachlässigt und ihren Ehemann um die Verdienste von Monaten und Jahren bestohlen haben und wo die Leute Kleidung, Betten und Eheringe versetzt haben, um sich der Spielleidenschaft hinzugeben. Das Komitee berichtet:

„In anderen Fällen haben Kinder ihre Eltern und Diener ihre Herren bestohlen; Selbstmorde sind verübt worden und nahezu jede kriminelle Handlung, die man sich vorstellen kann, und zwar direkt oder indirekt durch den verderblichen Einfluss von Glücksspielen.”

In seinem abschließenden Bericht kommt das Komitee zu dem Schluss, dass das Glücksspiel in seinem Kern so verdorben und böse sei, dass sich keinerlei Bestimmungen schaffen ließen, die es dem Parlament erlaubten, Glücksspiele so zu gestalten, dass sie dem Staat gleichzeitig eine wirksame Einnahmequelle einerseits und anderseits eine von allen ihren begleitenden Übeln befreite Unterhaltung sein können.

Zu einer Zeit, wo staatliche Lotteriespiele als attraktive Möglichkeiten gerühmt werden, um dringend notwendige öffentliche Fonds zu errichten, tut man gut, sich daran zu erinnern, dass ein Glücksspiel eine der bedenklichsten Einnahmequellen des Staates darstellt. Die Last ruht hier in noch viel größerem Ausmaße als es bei der Lohn- und Einkommenssteuer der Fall ist auf der Schulter des kleinen Mannes und des Armen, der in erster Linie der Erhalter und der Leidtragende dieser Art Glücksspiele ist.

„Wenn wir Heilige der Letzten Tage uns auf eine Weise verhalten, die damit unvereinbar ist, dass uns der Geist des Herrn begleitet, so zahlen wir einen enormen Preis dafür. Ohne den bestätigenden und hilfreichen Einfluss des Geistes sind wir schutzlos der Versuchung ausgesetzt, sind wir zur Krittelei geneigt und schließlich geraten wir noch in Gefahr, von den Mächten der Welt und des Bösen hin und hergestoßen zu werden.”

Es gibt wenigstens fünf Gründe dafür, warum die Führer der Kirche uns ermahnen, Glücksspiele zu vermeiden und gegen deren Ausübung in unseren Gemeinwesen Stellung zu beziehen. Erstens: Das Glücksspiel schwächt die Arbeitsmoral, den Fleiß, die Sparsamkeit und die Dienstbereitschaft — alles Grundlagen des nationalen Wohlstandes —, indem es den Leuten vorgaukelt, man könne etwas umsonst bekommen. Ferner fördert das Glücksspiel den Müßiggang mit all den daraus resultierenden schädlichen Auswirkungen für die Gesellschaft. Joseph F. Smith, der sechste Präsident der Kirche, hebt im folgenden hervor, welch großen ethischen Wert die Arbeit im Evangelium Jesu Christi hat und welche bedeutende Stellung sie einnimmt:

„Wir glauben nicht, dass es jemandem möglich ist, ein wirklich guter und gläubiger Christ zu sein, wenn er nicht auch ehrlich und fleißig ist. Aus diesem Grund verkünden wir das Evangelium der Sparsamkeit, das Evangelium der Mäßigkeit. Wir lehren, dass der Müßiggänger nicht des Arbeiters Brot essen soll und dass der Müßiggänger nicht berechtigt ist, in Zion ein Erbteil zu empfangen.”

Stephen L. Richards von der Ersten Präsidentschaft (1879—1959) hat gesagt, dass das Glücksspiel „von der Voraussetzung ausgehe, dass jemand verlieren muss, damit ein anderer gewinnen kann”. Er führte dann weiter aus, dass dieses Element des Zufalls im Glücksspiel den Spieler zu der Annahme führe, dass der Zufall oder die Möglichkeit der beherrschende Einfluss im Leben sei. „Der Mensch, der auf diese Weise irregeführt und besessen ist, sieht keine andere Möglichkeit, seine Mittel und sein Einkommen zu vergrößern, als einzig dadurch, dass er die Chance ergreift, die ihm das Glücksspiel bietet.”

Zweitens: Ein anderes Übel des Glücksspiels besteht darin, dass es Habgier und Geiz fördert. Es führt unvermeidlich dazu, seinen Mitmenschen zu übervorteilen und von dessem Besitz zu nehmen. Ein methodistischer Geistlicher aus Kansas City in Missouri fasst eine Stellungnahme gegen das Glücksspiel mit folgenden Worten zusammen, die jeder Heilige der Letzten Tage als eine vertraute Lehre anerkennen sollte:

„Die wahre christliche Nächstenliebe wendet sich gegen jeden Brauch, der sich dem Fortschritt des menschlichen Geistes in den Weg stellt, Christus ähnlicher zu werden, oder der das Gefüge der Gerechtigkeit innerhalb der Gesellschaft zerstört. Der Christ hält sich vom Glücksspiel fern, und er befürwortet es auch in keiner Weise, weil er weiß und anerkennt, dass es dem Zweck des Lebens, wie es durch Christus offenbart worden ist, zum Schaden gereicht.”

Drittens: Ein weiterer Nachteil des Glücksspiels besteht in seiner Tendenz, den Spieler zu verderben. Wir alle wissen von Fällen, wo ehrenhafte Arbeitnehmer ihr Leben ruiniert und auf sich und ihre Angehörigen Schimpf und Schande und Unglück gebracht haben, weil sie Geld ihres Arbeitgebers veruntreut haben. Allzuoft war das Motiv für dieses niederträchtige Verhalten der verzweifelte Versuch, Spielschulden zu bezahlen oder weiter der Spielleidenschaft zu frönen. Die Versuchungen für den Spieler sind so groß, dass Personen in verantwortungsvoller Stellung im öffentlichen Dienst, oder in der Wirtschaft niemanden, von dem bekannt ist, dass er spielt, anstellen. Als weitere Nebenerscheinung des Glücksspiels muss der Umstand in Erwägung gezogen werden, dass die Spielleidenschaft oftmals von übermäßigem Alkoholgenuss und anderen Lastern begleitet wird.

Viertens: Selbst Leute, die von den Auswirkungen des Glücksspiels auf die Moral nicht berührt werden, führen als gravierenden Nachteil die außergewöhnliche Zeitverschwendung an, die das Spielen mit sich bringt. Diejenigen, die viele Stunden beim Spielen vertun, vernachlässigen ihre Familie und ihren Beruf. Die Zeitvergeudung wird besonders dann bedeutsam, wenn wir überlegen, dass viele Leute, die dem Glücksspiel frönen, sich ihm auch ergeben. Der verstorbene Richard L. Evans vom Rat der Zwölf (1906—1971) hat folgendes gesagt:

„Die Spielleidenschaft ist ein progressives Phänomen. Gewöhnlich beginnt sie bescheiden; doch dann — wie viele andere gefährliche Gewohnheiten — wächst sie und entzieht sich der Kontrolle des Menschen. Im besten Fall vergeudet das Glücksspiel Zeit und bringt keinen Nutzen. Im schlimmsten Fall wird es zu einer zerstörenden Leidenschaft und begünstigt eine unaufrichtige Lebensführung, indem es den Menschen zu der irrigen Ansicht verleitet, man könne fortgesetzt etwas umsonst erhalten.”

Der fünfte und letzte Grund, warum wir das Spielen verurteilen, ergibt sich aus den anderen Nachteilen, die bereits besprochen worden sind. Wenn die Heiligen der Letzten Tage sich auf eine Weise verhalten, die damit unvereinbar ist, dass sie der Geist des Herrn begleitet, so ist der Preis dafür enorm. Ohne den bestätigenden und hilfreichen Einfluss des Geistes ist man schutzlos der Versuchung ausgesetzt, zur Krittelei geneigt und schließlich geräten noch in Gefahr, von den Mächten der Welt und des Bösen hin- und hergestoßen zu werden.

Es besteht kein Zweifel daran, dass das Spielen das spirituelle Feingefühl derjenigen, die sich daran beteiligen, abstumpft. Bei Betrachtung dieser schrecklichen Auswirkung kann man erst richtig den weitreichenden und bösartigen Einfluss des Glücksspiels erkennen. John A. Widtsoe vom Rat der Zwölf (1872—1952) hat einmal seine Gedanken über dieses Thema sehr anschaulich dargelegt:

„Diejenigen, die dem Glücksspiel frönen und sich auf den Zufall verlassen, erleiden einen charakterlichen Niedergang und werden geistig gesehen immer kraftloser, bis sie schließlich als Feinde einer gesunden Gesellschaft enden. Eine Spielhalle, mag sie noch so prächtig ausgestattet sein, ist der hässlichste Ort auf Erden. Die angespannten Spieler leben in einer Stille, die nur über die Tische hinweg vom Rascheln der Schwingen der Dunkelheit unterbrochen wird. Über die ganze Szenerie schwebt ein allezeit gegenwärtiger, wenn auch unfassbarer Geist des Grauens und der Verderbtheit. Es ist des Teufels eigene Wohnstatt.”

Was über das Glücksspiel gesagt wurde, das schließt Kartenspielen um Geld, Pferde-, Fußball- und Sporttoto, Glücksspiele jeglicher Art in Kasinos, Lotteriespiele, Tombolas, Würfelspiele usw. ein. Es sei darauf hingewiesen, dass gewisse Formen von Kapitalsanlagen die gleichen Merkmale wie Glücksspiele aufweisen und rücksichtslos dazu verwendet werden, Profit zu machen. Das Böse, das dem Spieler, der die Würfel aus dem Becher schüttet, anhaftet, kann auch demjenigen anhaften, der gelegentlich sein Geld auf höchst spekulative Wertpapiere oder Aktien oder auf aufwertungsverdächtige Währungen setzt. Ich kenne selbst keinen besseren Prüfstein auf diesem Gebiet als den, auf den Joseph F. Smith hingewiesen hat:

„In nahezu allen unseren Unternehmungen tritt ein gewisses Wahrscheinlichkeitsmoment ein, und wir sollen daran denken, dass der Geist, mit dem wir etwas tun, größtenteils darüber entscheidet, ob wir ein Glücksspiel spielen oder ob wir uns mit einem einwandfreien geschäftlichen Unternehmen beschäftigen.”

Eine Art des Glücksspiels, an dem von den Führern der Kirche entschieden Kritik geübt worden ist, ist das Kartenspiel. Man kann natürlich ohne einen Geldeinsatz Karten spielen, aber zwischen Kartenspiel und Glücksspiel besteht eine enge Beziehung, und das Kartenspielen an und für sich birgt so viele der Nachteile des Glücksspiels in sich, dass es zu verurteilen ist. Bruder Widtsoe verurteilt das Kartenspielen mit der Begründung, dass der Mensch Zeit damit vergeudet und sich dies zu einer schlechten Gewohnheit macht. Wörtlich sagt er:

„Man hat durch die Jahrhunderte hindurch die Erfahrung gemacht, dass das Kartenspielen für jemanden so zur Gewohnheit werden kann und sich seiner so bemächtigt, bis er schließlich der Überzeugung ist, ein Tag ohne Kartenspiel sei unvollständig. Nach einem Nachmittag oder einem Abend, der mit Kartenspielen ausgefüllt war, hat sich nichts geändert. Man hat sich keine neue Kenntnis angeeignet, es sind einem keine neuen Gedanken gekommen, keine neue Hoffnung oder kein neuer Wunsch ist in einem aufgestiegen. Es war nur eine weitere Möglichkeit, kostbare Stunden zu vergeuden. Es führt zu nichts; es ist eine Sackgasse ... Trist und todbringend ist ein Leben, das nicht bestrebt ist, in den schnell dahinfließenden Strom neuer und vermehrter Kenntnis und Macht einzutauchen. Es wird von uns verlangt, mit der Zeit Schritt zu halten. Wir dürfen es nicht wagen, unsere Zeit mit Vergnügungen zu vergeuden, die die Seele verkümmern lassen.”

Heutzutage, wo man sich daranmacht, mit überzeugenden Argumenten und immer größer werdender Unterstützung durch die Allgemeinheit dem Glücksspiel rechtlichen Rückhalt zu verleihen, brauchen wir größere Entschlossenheit denn je. Es ist notwendig, unseren Einfluss als Staatsbürger geltend zu machen und gegen alle Versuche kämpfen, das Glücksspiel als Mittel zur Erreichung einiger angeblich sozialer Güter zu verwenden. Ferner sollen die Ratschläge der Führer der Kirche beachtet werden, die sich schon immer unmissverständlich gegen Glücksspiele jeder Art ausgesprochen haben und die uns immer raten, uns rein und unbefleckt von den Sünden dieser Welt zu halten.

verwendete Quellen

Der Stern August 1973

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