Gesetz des Landes
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Gehorsam gegenüber den Landesgesetzen
Der 12. Glaubensartikel lautet: Wir glauben daran, Königen, Präsidenten, Herrschern und Magistraten untertänig zu sein, den Gesetzen zu gehorchen, sie zu ehren und zu unterstützen.
Es ist nur vernünftig, von einem Volke, das sich zum Evangelium Jesu Christi bekennt und Mitgliedschaft in der einzigen anerkannten und göttlich bevollmächtigten Kirche beansprucht, es ist nur vernünftig, sagen wir, von diesen Leuten zu erwarten, dass sie die Tugenden, die ihnen ihre Vorschriften einschärfen, auch in ihrem Leben zeigen. Gewiss, wir werden selbst bei denen, welche die berechtigten Ansprüche auf einen religiösen Lebenswandel machen, vergebens nach Vollkommenheit ausschauen; aber wir haben das Recht, in ihrem Glaubensbekenntnis genügende Forderungen hinsichtlich einer allgemein gutgeheißenen Lebensweise zu erwarten und in ihrem Leben das ernste und aufrichtige Bestreben um Verwirklichung ihres Bekenntnisses zu sehen. Religion, wenn sie von Nutzen und der Annahme wert sein soll, muss auf das Leben und die zeitlichen Angelegenheiten ihrer Bekenner von heilsamen Einfluss sein. Neben anderen Tugenden sollte die Kirche in ihren Lehren besonders ein gesetzunterstützendes Verhalten betonen, und ,die Leute sollten die Wirkungen solcher Vorschriften zeigen in ihrer Aufrichtigkeit als Bürger des Volkes und der Gemeinwesen, in denen sie wohnen.
Die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage hat nachdrückliche Erklärungen über ihren Glauben und ihre Vorschriften hinsichtlich der Pflichten ihrer Mitglieder den Landesgesetzen gegenüber erlassen, und sie verteidigt ihren Standpunkt in dieser Sache mit besonderen Offenbarungen aus alter und neuer Zeit. Überdies vertraut dieses Volk darauf, dass, wenn dereinst die wahre Geschichte seiner Entstehung und seines Fortschritts bekannt wird, auch die Treue der Mitglieder dem Vaterlande gegenüber von der Welt im allgemeinen ebenso gerechtfertigt und gepriesen werden, wie es heute schon die wenigen vorurteilsfreien Untersucher tun, welche in aufrichtiger Absicht die Geschichte dieser eigenartigen Organisation studiert haben.
Gehorsam gegenüber der Obrigkeit durch die Heilige Schrift eingeschärft.
Im patriarchalischen Zeitalter, als das Familienoberhaupt tatsächlich die richterliche und königliche Macht über seinen Haushalt innehatte, wurden Autorität und Rechte der Familie gewissenhaft geachtet. Betrachten wir z. B. den Fall der Hagar, der zweiten Frau Abrahams und Dienstmagd Sarais. Eifersucht und andere bösen Gefühle waren zwischen Hagar und ihrer Herrin Sarai, der älteren Gattin des Patriarchen, aufgekommen. Abraham hörte der Klage Sarais zu, anerkannte deren Autorität über Hagar, die, obschon auch Abrahams Frau, immer noch die Magd Sarais war, und sagte: „Siehe, deine Magd ist unter deiner Gewalt, tue mit ihr, wie dir's gefällt.” Als dann Sarai hart mit ihr verfuhr, floh Hagar in die Wüste, wo ihr ein Engel des Herrn erschien und sie mit folgenden Worten anredete: „Hagar, Sarais Magd, wo kommst du her und wo willst du hin?” Sie sprach: „Ich bin von meiner Frau Sarai geflohen.” Und der Engel des Herrn sprach zu ihr: „Kehre wieder um zu deiner Frau und demütige dich unter ihre Hand.” (1. Mose 16:1—9)l Man beachte, wie der himmlische Botschafter die Autorität Sarais über die ihr unterstellte Magd anerkannte, obschon dieser die Ehre des Frauenstandes in der Familie zuteil geworden war.
Die kindliche Unterwerfung Isaaks unter den Willen seines Vaters, die bis zur Hingabe seines Lebens(Siehe 1. Mose 22:1—10) auf dem Altar des Blutopfers ging, ist ein Beweis für die Heiligkeit, die der Autorität des Familienoberhauptes gezollt wurde. Es könnte scheinen, und es wurde ja auch tatsächlich behauptet, das Verlangen, das der Herr als Prüfstein des Glaubens an Abraham stellte, nämlich das Leben seines Sohnes als Opfer darzubringen, sei gegen das Gesetz gewesen und widerspreche daher einer gerechten Regierung. Diese Behauptung nimmt sich armselig aus, wenn man bedenkt, dass das patriarchalische Oberhaupt unbedingte Machtvollkommenheit über die Glieder seines Haushaltes besaß, eine Machtbefugnis, die sich sogar über Leben und Tod erstreckte (Siehe 1. Mose 38:24).
In den Tagen des Auszuges aus Ägypten, als das Volk Israel eine theokratische Regierungsform hatte, gab der Herr als Richtschnur für die Regierung Seines Volkes verschiedene Gesetze und Gebote. Eines davon lautet: „Den Göttern sollst du nicht fluchen, und den Obersten in deinem Volk sollst du nicht lästern.” (2. Mose 22:27. Das Wort „Götter” wird in dieser Stelle von einigen Übersetzern mit „Richtern” wiedergegeben) Nach göttlicher Anleitung wurden Richter gewählt, welche die Machtbefugnis in Israel ausübten. Als Mose später die Gebote Gottes wiederholte, befahl er dem Volk: „Richter und Amtleute sollst du dir setzen in allen deinen Toren, die dir der Herr, dein Gott, geben wird unter deinen Stämmen, dass sie das Volk richten mit rechtem Gericht.”(5. Mose 16:18; siehe auch 1:16; 1. Chron. 23:4; 26:29; siehe ferner Ps. 82:1, 6; Joh. 10:34-86) Es ist bedeutsam, dass die Richter so hoch geachtet waren, dass man sie Götter nannte; auf diese Tatsache bezog sich auch Christus, als Ihm mit Steinigung gedroht wurde, weil Er sagte, Er sei der Sohn Gottes.
Als das Volk der unmittelbaren Aufsicht Gottes müde war und nach einem König verlangte, erfüllte der Herr diesen Wunsch und stattete den neuen Herrscher vermittels einer heiligen Salbung (Siehe 1. Sam. 8:6, 7, 22; 9:15, 16; 10:1.) mit Vollmacht aus. David anerkannte, obschon er selbst schon zum Nachfolger Sauls gesalbt worden war, die Heiligkeit der Person des Königs und machte sich bittere Vorwürfe, weil er bei einer Gelegenheit den Mantel des Monarchen verstümmelt hatte. Saul trachtete damals dem David nach dem Leben, und dieser wollte lediglich zeigen, dass er nicht die Absicht habe, seinen königlichen Feind zu erschlagen, aber dennoch lesen wir: „Aber darnach schlug ihm sein Herz, dass er den Zipfel Sauls hatte abgeschnitten, und er sprach zu seinen Männern: Das lasse der Herr ferne von mir sein, dass ich das tun sollte und meine Hand legen an meinen Herrn, den Gesalbten des Herrn; denn er ist der Gesalbte des Herrn.” (1. Sam. 24:6, 7, 10; siehe auch 26:9—12, 16.)
Beachten wir ferner die folgenden Ermahnungen des Alten Testamentes: „Mein Kind, fürchte den Herrn und den König!” (Sprüche 24:11) „Halte das Wort des Königs und den Eid Gottes!” (Prediger 8:2.) „Fluche dem König nicht in deinem Herzen!” (Prediger 10:20)
Das Beispiel Christi und Seiner Apostel.
In Seinem irdischen Wirken 'anerkannte unser Heiland stets die bestehende weltliche Macht, sowohl die jüdische wie 'die römische, obwohl letztere durch grausame Eroberung ans Ruder gelangt war und in ungerechter Weise ausgeübt wurde. Als der Steuererheber die von einem fremden König verlangte Steuer forderte, veranlasste Christus, obgleich Er die Berechtigung der Forderung nicht anerkannte, doch die Entrichtung der Abgabe; ja, Er rief sogar einen wunderbaren Umstand zu Hilfe, wodurch das Geld bezahlt werden konnte. An Petrus stellte Er die Frage: „Als Jesus und die Jünger nach Kafarnaum kamen, gingen die Männer, die die Tempelsteuer einzogen, zu Petrus und fragten: Zahlt euer Meister die Doppeldrachme nicht? Er antwortete: Doch! Als er dann ins Haus hineinging, kam ihm Jesus mit der Frage zuvor: Was meinst du, Simon, von wem erheben die Könige dieser Welt Zölle und Steuern? Von ihren eigenen Söhnen oder von den anderen Leuten? Als Petrus antwortete: Von den anderen!, sagte Jesus zu ihm: Also sind die Söhne frei. Damit wir aber bei niemand Anstoß erregen, geh an den See und wirf die Angel aus; den ersten Fisch, den du heraufholst, nimm, öffne ihm das Maul und du wirst ein Vierdrachmenstück finden. Das gib den Männern als Steuer für mich und für dich.” (Matth. 17:24—27)
Auf Betreiben gewisser hinterlistiger Pharisäer wurde ein verräterischer Plan geschmiedet, um Christus als einen Empörer gegen die regierende Gewalt hinzustellen. Sie suchten Ihn zu fangen mit der heuchlerischen Frage: „Meister, ist's recht, dass man dem Kaiser Zins gebe?” Seine Antwort war eine unzweideutige Unterwerfung unter die Landesgesetze. Er erwiderte nämlich seinen Ausfragern: „Weiset mir die Zinsmünze!” Und sie reichten ihm einen Groschen dar. Und er sprach zu ihnen: „Wes ist das Bild und die Überschrift?” Sie sprachen zu ihm: „Des Kaisers.” Da sprach er zu ihnen: ,;So gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist!" (Matth. 22:15—21; siehe auch Mark. 12:13—17; Luk. 20:20—25.)
In all den tragischen Umständen Seines Verhörs und Seiner Verurteilung beobachtete Christus ein gesetzmäßiges Verhalten, selbst gegenüber dem Hohenpriester und Hohen Rat, die Seinen Tod beschlossen hatten. Diese Beamten, so unwürdig sie auch waren, hatten nichtsdestoweniger immer noch eine gewisse Machtbefugnis und verfügten über eine gewisse Gerichtsbarkeit, sowohl in weltlichen als auch geistlichen Dingen. Als Er vor Kaiphas stand, beladen mit Beleidigungen und beschuldigt von falschen Zeugen, wahrte Er würdevolles Schweigen. Die Frage des Hohenpriesters: „Antwortest du nichts zu dem, was diese wider dich zeugen?” würdigte Er keiner Antwort. Dann fuhr aber der Hohepriester fort: „Ich beschwöre dich bei dem lebendigen Gott, dass du uns sagest, ob du seiest Christus, der Sohn Gottes.” (Matth. 26:57—64) Auf diese feierliche, in amtlicher Eigenschaft ausgesprochene Aufforderung gab der Heiland unverzüglich eine Antwort und anerkannte auf diese Weise das Amt des Hohenpriesters, so unwürdig der Mann auch war.
Eine ähnliche Achtung vor dem Amte des Hohenpriesters legte Paulus an den Tag, als er als Gefangener vor dem Gerichtshof stand. Seine Worte missfielen dem Hohenpriester, der denen, die nahe bei Paulus standen, sofort den Befehl gab, ihm auf den Mund zu schlagen (Mark. 14:55—62). Dies erzürnte den Apostel, und er rief: „Dich wird Gott schlagen, du übertünchte Wand! Du sitzt hier, um mich nach dem Gesetz zu richten, und entgegen dem Gesetz befiehlst du, mich zu schlagen?” Die Umstehenden sagten: „Du wagst es, den Hohenpriester Gottes zu schmähen?” Und Paulus sprach: „Liebe Brüder, ich wusste es nicht, dass er der Hohepriester ist. Denn es steht geschrieben: Dem Obersten deines Volkes sollst du nicht fluchen.” (Apg. 23:1—5. )
Die Lehren der Apostel
Paulus schrieb an Titus, den er auf Kreta zurückgelassen hatte, um über die dortige Gemeinde zu wachen, warnte ihn vor den Schwachheiten seiner Herde und ermahnte ihn, diese zu einem ordentlichen, gesetzentsprechenden Leben anzuhalten: „Erinnere sie daran, sich den Herrschern und Machthabern unterzuordnen und ihnen zu gehorchen. Sie sollen immer bereit sein, Gutes zu tun,.“(Titus 3:1) An einer anderen Stelle betont Paulus mit Nachdruck die Pflicht der Heiligen gegenüber der staatlichen Gewalt, da diese von Gott eingesetzt sei. Er spricht davon, dass weltliche Regierungen mit bevollmächtigten Beamten notwendig sind und dass deren Macht nur von Übeltätern gefürchtet werden müsse. Ja, er bezeichnet die staatlichen Beamten als Diener Gottes und rechtfertigt die Steuererhebung des Staates, indem er die Heiligen ermahnt, ihre entsprechenden Abgaben zu entrichten.
Seine Worte, die an die Gemeinde zu Rom gerichtet sind, lauten wir folgt: „Jeder leiste den Trägern der staatlichen Gewalt den schuldigen Gehorsam. Denn es gibt keine staatliche Gewalt, die nicht von Gott stammt; jede ist von Gott eingesetzt. Wer sich daher der staatlichen Gewalt widersetzt, stellt sich gegen die Ordnung Gottes, und wer sich ihm entgegenstellt, wird dem Gericht verfallen. Vor den Trägern der Macht hat sich nicht die gute, sondern die böse Tat zu fürchten; willst du also ohne Furcht vor der staatlichen Gewalt leben, dann tue das Gute, sodass du ihre Anerkennung findest. Sie steht im Dienst Gottes und verlangt, dass du das Gute tust. Wenn du aber Böses tust, fürchte dich! Denn nicht ohne Grund trägt sie das Schwert. Sie steht im Dienst Gottes und vollstreckt das Urteil an dem, der Böses tut. Deshalb ist es notwendig, Gehorsam zu leisten, nicht allein aus Furcht vor der Strafe, sondern vor allem um des Gewissens willen. Das ist auch der Grund, weshalb ihr Steuern zahlt; denn in Gottes Auftrag handeln jene, die Steuern einzuziehen haben. Gebt allen, was ihr ihnen schuldig seid, sei es Steuer oder Zoll, sei es Furcht oder Ehre.”(Röm. 13:1—7. )
In einem Brief an Timotheus lehrt Paulus, dass in die Gebete der Heiligen die Könige und staatlichen Obrigkeiten eingeschlossen werden sollten, und fügt hinzu, eine solche Fürbitte sei Gott wohlgefällig: „Vor allem fordere ich zu Bitten und Gebeten, zu Fürbitte und Danksagung auf, und zwar für alle Menschen, für die Herrscher und für alle, die Macht ausüben, damit wir in aller Frömmigkeit und Rechtschaffenheit ungestört und ruhig leben können. Das ist recht und gefällt Gott, unserem Retter”(1. Tim. 2:1—3.)
Die Pflicht bereitwilligen Gehorsams gegenüber ,der Autorität wird in den Briefen an die Epheser und Kolosser eingehend behandelt, wobei Vergleiche mit dem gesellschaftlichen und häuslichen Leben angestellt werden. Den Frauen wird gelehrt, ihren Männern untertan zu sein, denn „der Mann ist des Weibes Haupt, gleichwie auch Christus das Haupt ist der Gemeinde”. Jedoch ist diese Pflicht in der Familie eine gegenseitige, weshalb die Männer belehrt werden über die Art und Weise, in der sie ihre Befugnisse ausüben sollen. Kinder sollen ihren Eltern gehorchen, indessen werden die Eltern ermahnt, ihre Kinder nicht zu beleidigen und ihnen nicht Anstoß zu geben. Den Knechten wird gesagt, ihren Herren willige und treue Dienste zu leisten und in allen Dingen die höhere Autorität anzuerkennen. Den Herren wird ihre Pflicht gegenüber ihren Dienern eingeschärft und ihnen gesagt, Drohungen und harte Behandlung zu unterlassen und sich immer daran zu erinnern, dass sie selber dereinst Rede und Antwort stehen müssen vor einem Herrn, der größer ist als sie (Siehe Eph. 5:22, 23; 6:1—9; Kol. 3:18—22; 4:1.)
Da, wo Petrus von der Achtung spricht, die der staatlichen Gewalt gebührt, ist er nicht weniger eindringlich als Paulus. Er ermahnt die Heiligen mit folgenden Worten: „Unterwerft euch um des Herrn willen jeder menschlichen Ordnung: dem Kaiser, weil er über allen steht, den Statthaltern, weil sie von ihm entsandt sind, um die zu bestrafen, die Böses tun, und die auszuzeichnen, die Gutes tun. Denn es ist der Wille Gottes, dass ihr durch eure guten Taten die Unwissenheit unverständiger Menschen zum Schweigen bringt. Handelt als Freie, aber nicht als solche, die die Freiheit als Deckmantel für das Böse nehmen, sondern wie Knechte Gottes. Erweist allen Menschen Ehre, liebt die Brüder, fürchtet Gott und ehrt den Kaiser!” (1. Petr. 2:13—17. )
Diese Regeln in bezug auf die Unterwerfung unter die Autorität wendet er ähnlich wie Paulus auf das häusliche Leben an. Diener sollten gehorsam sein, selbst wenn ihre Herren streng und hart sind: „Denn es ist eine Gnade, wenn jemand deswegen Kränkungen erträgt und zu Unrecht leidet, weil er sich in seinem Gewissen nach Gott richtet. Ist es vielleicht etwas Besonderes, wenn ihr wegen einer Verfehlung Schläge erduldet? Wenn ihr aber recht handelt und trotzdem Leiden erduldet, das ist eine Gnade in den Augen Gottes.”( 1. Petr 2:19, 20. Ebenso sollt ihr Frauen euch euren Männern unterordnen, damit auch sie, falls sie dem Wort (des Evangeliums) nicht gehorchen, durch das Leben ihrer Frauen ohne Worte gewonnen werden, wenn sie sehen, wie ehrfürchtig und rein ihr lebt.“(Siehe 1. Petr 3:1-7.) Er weist auf das Gericht hin, das über alle kommen werde, und nennt als geeignete Wesen für die Verdammnis „allermeist aber die, irdische Macht mit einem regierenden König, unmittelbare und persönliche Machtbefugnisse in zeitlichen Dingen ausübt, ist bis heute noch nicht auf Erden aufgerichtet worden; die Gemeinden der Kirche und deren Mitglieder sind den verschiedenen Regierungen unterstellt, in deren Machtbereich sie sich befinden. Heute, bei der verhältnismäßig großen Erleuchtung und Freiheit, ist wenig Grund dafür vorhanden, irgendeinen unmittelbaren Zusammenstoß mit den Rechten der privaten Verehrung und des persönlichen Gottesdienstes zu befürchten. Bei allen gesitteten Völkern ist den Bürgern gestattet, zu beten, und dieses Recht wird durch ein gewissermaßen allgemeines Gesetz der Menschheit geschützt. Keine ernstlich bestrebte Seele ist von der Verbindung mit ihrem Gott abgeschnitten, und auf diesem offenstehenden Weg kann Hilfe vor den bedrückenden Gesetzen und Linderung der Not von d e r Macht erbeten werden, welche die Völker überwacht.
Im Vertrauen darauf, dass die Macht 'der Vorsehung zugunsten religiöser Freiheit wirken wird, sollten sich die Heiligen den Gesetzen ihres Landes fügen. Dessen ungeachtet sollten sie als Bürger und Untertanen ihrer verschiedenen Regierungen in jeder angebrachten Weise dafür eintreten, dass ihnen und allen Menschen das kostbare Gut persönlicher Freiheit in religiösen Dingen gesichert wird. Es wird nicht von ihnen verlangt, den ungesetzlichen Druck gesetzloser Verfolger oder die Folgen ungerechter Gesetzgebung widerspruchslos hinzunehmen; aber ihren Widerspruch sollen sie auf gesetzliche und maßvolle Weise geltend machen. Die Heiligen der Letzten Tage haben der Welt eine praktische Darlegung der Lehre gegeben, dass es besser sei, Böses zu erdulden, als durch *in menschliche Empörung gegenüber ungerechter Gewalt Unrecht zu tun. Wenn durch eine derartige Unterwerfung unter die Gesetze des Landes und im Falle, dass diese Gesetze ungerecht sind und der menschlichen Freiheit zuwiderlaufen, die Heiligen verhindert werden, das ihnen von Gott aufgetragene Werk zu tun, so werden sie für die Unmöglichkeit, nach dem höheren Gesetz zu handeln, nicht verantwortlich gemacht. Das uns gegebene Wort des Herrn erläutert unmissverständlich Pflicht und Stellung des Volkes in einem solchen Widerstreit: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn ich irgendwelchen Söhnen der Menschen das Gebot gebe, meinem Namen ein Werk zu vollbringen, und jene Söhne der Menschen gehen mit all ihrer Macht und mit allem, was sie haben, daran, jenes Werk auszuführen und lassen in ihrem Eifer nicht nach, und ihre Feinde kommen über sie und hindern sie daran, jenes Werk auszuführen, siehe, dann erscheint es mir angebracht, jenes Werk nicht mehr von den Händen jener Söhne der Menschen zu fordern, sondern ihre Opfer anzunehmen.. Und das Übeltun und die Übertretung meiner heiligen Gesetze und Gebote werde ich auf dem Haupt derjenigen heimsuchen, die mein Werk behindert haben, bis zur dritten und vierten Generation, solange sie nicht umkehren und mich hassen, spricht der Herr, Gott.” (LuB 124:49,50)
Was die Kirche heute lehrt
Vielleicht kann man keine bessere Zusammenfassung der Lehren der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage über ihr Verhältnis zur staatlichen Macht und die (den Gesetzen des Landes gebührende Achtung geben, als das entsprechende von Joseph Smith verfasste Glaubensbekenntnis, das dem Buch der Lehre und Bündnisse einverleibt wurde — einem der maßgebenden Kirchenbücher, welche die Kirche als ihre Führer in Glauben und Lehre und Lebensführung anerkennt (Siehe LuB 134) Es lautet wie folgt:
Eine Erklärung über Regierungen und Gesetze im allgemeinen
- Wir glauben, dass Regierungen von Gott zum Wohle der Menschheit eingeführt wurden und dass er die Menschen für ihr Verhalten ihnen gegenüber verantwortlich macht, sei es im Geben von Gesetzen oder bei deren Durchführung zu Nutz und Frommen und zur Sicherung der Gesellschaft.
- Wir glauben, dass keine Regierung in Frieden bestehen kann, ohne dass Gesetze gegeben und für unantastbar gehalten werden, die jeder Person Gewissensfreiheit, Recht auf Eigentum und freier Verfügung darüber und Schutz des Lebens sichern.
- Wir glauben, dass alle Regierungen Beamte und Behörden brauchen, um die Gesetze zu vollziehen, und dass solche, die das Gesetz unparteiisch und gerecht anwenden, gesucht, und durch die Stimme des Volkes (wenn in einer Republik) oder durch den Willen .des Staatsoberhauptes aufrechterhalten werden sollten.
- Wir glauben, dass die Religion von Gott eingeführt wurde und dass die Menschen für deren Ausübung ihm allein verantwortlich sind, es sei denn, ihre religiösen Ansichten bewegen sie dazu, in die Rechte und Freiheiten anderer einzugreifen; dagegen glauben wir nicht, dass menschliche Gesetze erlassen werden dürfen, die sich in gottesdienstliche Angelegenheiten einmischen, die Gewissensfreiheit einschränken oder die Formen privater oder öffentlicher Gottesverehrung vorschreiben. Die Behörden sollten Verbrechen in Schranken halten, doch nie das Gewissen einschränken; die Schuldigen bestrafen, aber nie die Freiheit des Geistes unterdrücken.
- Wir glauben, dass alle Menschen verpflichtet sind, die Regierungen, unter denen sie leben, zu unterstützen, solange sie in ihren angeborenen und unveräußerlichen Rechten durch die Gesetze solcher Regierungen beschützt werden. Aufstand und Empörung stehen so beschützten Bürgern nicht zu und sollten deshalb entsprechend bestraft werden. Alle Regierungen haben .das Recht, Gesetze zu erlassen, die nach ihrem Urteil geeignet sind, ,das öffentliche Wohl zu sichern, gleichzeitig jedoch die Freiheit des Gewissens heilig zu halten.
- Wir glauben, dass jedermann in seiner Stellung geachtet werden sollte: Beamte und Obrigkeiten als solche, die eingesetzt sind, Unschuldige zu beschützen und Schuldige zu bestrafen; alle Menschen schulden den Gesetzen Gehorsam und Achtung, denn sonst würden Friede und Eintracht durch Gesetzlosigkeit und Schreckensherrschaft verdrängt werden. Menschliche Gesetze sind zu dem ausdrücklichen Zweck eingesetzt, unser Wohl als Einzelmenschen zu wehren, und als Völker von Mensch zu Mensch. Göttliche Gesetze aber sind vom Himmel gegeben, uns Vorschriften für unsere geistlichen Angelegenheiten, für Glaube und Verehrung aufzustellen, für deren Befolgung der Mensch nur seinem Schöpfer verantwortlich ist.
- Wir glauben, dass Gesetzgeber, Staaten und Regierungen das Recht haben und verpflichtet sind, Gesetze zum Schutz aller Bürger bei der freien Ausübung ihres religiösen Glaubens zu erlassen; dagegen glauben wir nicht, dass sie ein begründetes Recht haben, Bürger dieses Vorrechtes zu berauben oder sie in ihren Ansichten zu beschränken, solange die Gesetze des Landes geachtet und befolgt werden und solche religiöse Ansichten Aufruhr und Verschwörung nicht rechtfertigen.
- Wir glauben, dass Verbrechen ihrer Schwere entsprechend bestraft werden sollten. Mord, Hochverrat, Raub, Diebstahl und die Störung des allgemeinen Friedens in jeder Hinsicht sollten nach ihrer Strafbarkeit und der Absicht, Böses anzustiften, von den Regierungen, in deren Bereich sie begangen wurden, bestraft werden. Zum Schutze der öffentlichen Ruhe und Sicherheit sollten alle nach ihren Fähigkeiten beitragen, indem sie Übertreter guter Gesetze ihrer Bestrafung zuführen.
- Wir glauben nicht, dass es recht sei, religiöse Einflüsse mit Regierungen zu verbinden, wodurch eine religiöse Gesellschaft begünstigt, eine andere dagegen in ihren geistlichen Rechten beschränkt und die persönlichen Rechte ihrer Mit-glieder als Bürger beschnitten werden.
- Wir glauben, dass alle religiösen Gesellschaften das Recht haben, ihre Mitglieder für ordnungswidriges Betragen im Sinne der Regeln und Vorschriften dieser Gemeinschaften zur Rechenschaft zu ziehen, vorausgesetzt, dass dadurch nur das religiöse Gemeinschaftsverhältnis berührt wird. Da-gegen glauben wir nicht, dass irgendeine Religionsgemeinschaft berechtigt ist, Leute abzuurteilen, wo Eigentum oder Leben in Frage kommt, oder ihnen die Güter dieser Welt wegzunehmen oder sie der Gefahr für Leib und Leben auszusetzen oder körperliche Strafen 'an ihnen zu vollziehen; sie können sie nur aus ihrer Gemeinschaft ausschließen und ihnen die Mitgliedsrechte entziehen.
- Wir glauben, dass die Menschen gegenüber allem Unrecht, allen Misshandlungen und Verletzungen des Eigentums-rechtes und 'des guten Rufes die staatlichen Gesetze um Abhilfe anrufen sollten, wo solche Gesetze zu ihrem Schutze bestehen; wir glauben aber auch, dass alle Menschen berechtigt sind, sich selbst, ihre Freunde und ihr Eigentum sowie ,die Regierung gegen ungesetzliche Angriffe und Überfälle zu verteidigen, wenn ein zwingender Notfall vorliegt und sofortige Berufung auf 'das Gesetz und Rechtshilfe nicht erlangt werden kann.
- Wir glauben, dass es recht ist, den Völkern der Erde das Evangelium zu verkündigen und die Rechtschaffenen zu warnen, damit sie sich vor den Verderbtheiten der Welt retten können; wir halten es aber nicht für recht, uns mit Leibeigenen einzulassen, weder um ihnen das Evangelium zu predigen, noch um 'sie gegen den Wunsch und Willen ihrer Herren zu taufen oder sie im geringsten zu beeinflussen, sich mit ihnen einzulassen oder sie zu bewegen, mit ihrer Lage in diesem Leben unzufrieden zu sein und dadurch das Leben von Menschen zu gefährden; wir glauben, dass eine solche Einmischung ungesetzlich und ungerecht wäre und den Frieden jeder Regierung, die gestattet, dass Menschen in Leibeigenschaft gehalten werden, gefährden könnten.
Verwendete Quellen
Die Glaubensartikel von James E. Talmage
Weiterführendes Material
- Der Stern Januar 1969
- S. 5: Wir schulden der Obrigkeit Gehorsam
- S. 9: Gehorsam gegen das Gesetz
