Elder
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Die Verwendung des Titels „Elder"
In religiösen Gemeinschaften ist es seit urdenklicher Zeit Brauch gewesen, die führenden Männer, die ja meistens älter waren und deshalb mehr Erfahrung hatten, durch besondere Titel hervorzuheben.
Im Hebräischen bedeutet das dafür verwendete Wort (saqen) „alt, Greis, Bärtiger”. Als der hebräische Text im 3. Jhdt. v. Chr. ins Griechische übertragen wurde (die Septuaginta), da übersetzte man ziemlich wörtlich mit „der Ältere” (presbyteros, von presbys = alt). Die lateinische Übersetzung (die Vulgata) zu Ende des 4. und Anfang des 5. Jhdts. n. Chr. verwendet im Alten Testament verschiedene Ausdrücke, die alle „alt an Jahren, Greis” bedeuten; im Neuen Testament aber werden zwei Wörter gebraucht: ein lateinisches (senior), wenn es sich um diese Männer der Juden handelt, und ein griechisches Lehnwort (presbyteros), wenn damit die Diener Christi gemeint sind. Also auch damals schon ein Fremdwort. In der deutschen Übersetzung hat sich der Ausdruck „die Ältesten” eingebürgert, obwohl in den Ausgangstexten immer nur von Alten und Älteren die Rede ist. Das Englische bewahrt die ursprüngliche Formulierung, denn „elder” heißt ja „älter”. Im Original der Schriften der HLT findet sich dieser Ausdruck 137mal, immer als Bezeichnung für die Berufung im Priestertum, und nicht ein einzigesmal als Titel in Verbindung mit einem Personennamen.
Im Jahre 1830 wurde die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage gegründet. Es dauerte nicht lange, und die ausgesandten Missionare, die ja den entsprechenden Rang im Priestertum bekleideten, wurden als Elder NN. angeredet (auch wenn der Betreffende an Jahren ganz jung war). Und dieses „Elder” wurde — im ursprünglichen, eigentlichen Sinn — Ehrentitel für die Führer der Kirche. So ist es (im englischen Sprachgebrauch) bis heute geblieben.
In der deutschen Übersetzung der Dreifachkombination wird für dieses „elder” ganz konsequent „Ältester” gebraucht. So weit, so gut; aber wie weiter, nämlich wenn es sich nicht mehr um das Amt im Priestertum handelt, sondern um die Anrede, den Titel? Die Englischsprechenden hatten es leicht: ihr „elder” hat ja keine andere Bedeutung; denn das Wort für „alt” heißt doch „old”, und die Steigerung („älter", ältest") lautet „older”, „oldest”.
Nun gibt es im Deutschen eine Menge streng gebotener Sprachvorschriften. Ein paar davon sind hier anzuwenden.
Erstens: Steht vor dem Namen ein Titel mit Artikel, so wird nur der Titel gebeugt, der Name bleibt ungebeugt (Duden 9, S. 639): die Berufung des Ältesten Burger; sie gab dem Ältesten Huber die Hand; er sieht den Ältesten Gruber jede Woche. Da müsste man aber bedenken: Gestern, als wir spazieren gingen, haben wir den Ältesten Müller gesehen. (Er war auf dem Weg zur Missionarskonferenz.) Vorgestern, als wir spazieren gingen, haben wir den ältesten Müller gesehen. (Er sieht seinem Vater viel mehr ähnlich als seine jüngeren Geschwister.) Geschrieben geht es ja, aber beim Sprechen kann man schlecht dazusagen: „ ... den großgeschrieben Ältesten Müller . . .” (Erinnern Sie sich noch an Heiliger Geist großgeschrieben und heiliger Geist kleingeschrieben, und auch so ausgesprochen?)
Zweitens: Steht ein Titel ohne Artikel oder Pronomen vor einem Namen, so wird der Name gebeugt, der Titel bleibt ungebeugt (ibd., S. 640): (zuerst zivil, sozusagen:) der Sieg Kaiser Karls des Großen; eine Einladung bei Präsident Dr. Schmidt; der Brief an Generaloberst Freiherr von F. Aber jetzt: wie geht es Ihnen, Ältester Burger? die Ansprache Ältester Gerbers; sie gab Altester Rehberg die Hand. (Merkst du was. geliebter Leser?)
Das Wort „ältester” ist ein Eigenschaftswort, ein — wie man lateinisch sagt — Adjektiv. Und, wie gesagt, es ist die höchste Steigerungsstufe von „alt”. (So ganz nebenbei, für unsere interessierten Leser: „Der Bruder Isegrim ist wirklich alt, er geht schon auf die achtzig zu. Gehen Sie zu Schwester Wolff, die ist schon älter, über fünfzig, glaube ich, die kann Ihnen raten. Der junge Zickenschwerdt mit seinen neunzehn Jahren ist schon Ältester.” )
Ja, wenn man Engländer wäre! „Elder” ist eine Sonderbezeichnung mit keinerlei Nebenbedeutung, und es wird nicht gebeugt. Die deutsche Übersetzungsabteilung hat sich Anfang der Siebziger Jahre so beholfen, dass sie in den Veröffentlichungen geschrieben hat: „Ält. Ashton und seine Frau”, „die Anwesenheit Ält. Burtons”. Gut. Aber wie spricht man das? Vielleicht: „ ... die Anwesenheit Ältester Burtons . . .” (Siehe oben!) Nach langem Hin-und-her-Überlegen haben wir uns dann die Spanier als Vorbild genommen. Die hatten auch Schwierigkeiten. Und so haben sie das getan, was wir Mormonen schon mit vielen anderen Begriffen getan haben; denken Sie an Bischofschaft, Endowment, Untersucher u. v. a. m.! Die Spanier haben also „Elder” als Übersetzung von „Elder” genommen und es den Hörern bzw. Lesern überlassen, sich über kurz oder lang daran zu gewöhnen und es früher oder später selbst zu gebrauchen — oder auch nicht. Die deutsche Übersetzungsabteilung jedenfalls verwendet dort, wo Elder als Berufsbezeichnung (Missionar) oder Titel vor einem Namen steht, das erst einzubürgernde Wort Elder.
verwendete Quellen
- Der Stern Oktober 1985