Eine Zeit der Prüfungen

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Die Verfolgung wegen der Polygamie geht weiter

Während der Prophet Joseph Smith in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts an der Übersetzung der Bibel gearbeitet hatte, machte er sich Gedanken darüber, daß Abraham, Jakob, David und andere Persönlichkeiten des Alten Testaments mehr als eine Ehefrau hatten. Der Prophet betete um mehr Einblick in diese Frage und erfuhr, daß zu bestimmten Zeiten und aus besonderen Gründen und im Einklang mit Gesetzen, die von Gott gegeben wurden, die Polygamie oder die Vielehe von Gott genehmigt und geboten war. Joseph Smith erfuhr auch, daß mit der Zustimmung Gottes einige Mormonen bald durch die Vollmacht des Priestertums ausgewählt werden würden, die mehr als eine Frau heiraten sollten. Einige Heilige der Letzten Tage hatten die Mehrehe in Nauvoo praktiziert, aber erst auf der Generalkonferenz im August 1852 in Salt Lake City wurden die Lehre und die Praxis öffentlich bekanntgegeben. Auf dieser Konferenz gab Elder Orson Pratt auf Anweisung von Präsident Brigham Young bekannt, daß die Mehrehe Teil der Wiederherstellung von allem sei, die der Herr vornehmen wollte (siehe Apostelgeschichte 3:19-21).

Viele der religiösen und politischen Führer Amerikas waren sehr aufgebracht, als sie erfuhren, daß die Mormonen in Utah sich für die Polygamie aussprachen, die sie als unmoralisch und unchristlich ansahen. Gegen die Mormonenkirche und ihre Mitglieder begann ein großer politischer Kreuzzug. Der Kongreß der Vereinigten Staaten erließ Gesetze, die die Freiheit der Mormonen beschnitten und die Mormonenkirche wirtschaftlich schädigten. Aufgrund dieser Gesetze wurden Männer, die mehr als eine Frau hatten, gefangengenommen und ins Gefängnis gesperrt, ihnen wurden das Wahlrecht und das Recht auf ein Privatleben in der Familie genommen und andere bürgerliche Freiheiten beschnitten. Hunderte treuer Männer und ein paar Frauen der Mormonen wurden in Utah, Idaho, Arizona, Nebraska, Michigan und South Dakota inhaftiert.

Die Verfolgung nahm aber auch für diejenigen zu, die berufen worden waren, das Evangelium zu verkündigen, besonders im Süden der Vereinigten Staaten. Zum Beispiel wurde Elder Joseph Standing im Juli 1878, als er bei Rome in Georgia arbeitete, brutal ermordet. Sein Mitarbeiter, der spätere Apostel Rudger Clawson, entging nur knapp dem Tod. Die Mormonen in Salt Lake City reagierten sehr betroffen auf die Nachricht von der Ermordung Elder Standings. Tausende nahmen im Tabernakel am Beisetzungsgottesdienst teil.

John Gibbs,William Berry,William Jones und Henry Thompson reisten durch Tennessee, um der Mormonenkirche in der Öffentlichkeit zu einem besseren Image zu verhelfen. An einem Sonntagmorgen im August 1884 ruhten sie beim Haus von James Condor am Cane Creek in Tennessee aus. Elder Gibbs las in den heiligen Schriften und suchte nach einem Text für seine Ansprache. Da brach auf einmal ein Mob aus dem Wald hervor und eröffnete das Feuer. Elder Gibbs und Elder Berry wurden getötet. Elder Gibbs, der von Beruf Lehrer war, hinterließ seine Frau und drei Kinder, die um ihn trauerten. Um die Kinder durchzubringen, wurde Schwester Gibbs Hebamme. Sie blieb 43 Jahre lang Witwe und starb als treue Mormonen in der Vorfreude auf das Wiedersehen mit ihrem Mann. Brigham Henry Roberts, der Missionspräsident war, als die Morde geschahen, riskierte sein Leben, als er in Verkleidung die Leichen von Elder Gibbs und Elder Berry ausgrub. Er brachte sie nach Utah, wo viele Gemeinden zu Ehren der beiden Missionare Gedenkgottesdienste abhielten.

In anderen Gegenden wurden die mormonischen Missionare geschlagen, bis ihnen das Blut den Rücken hinunterlief. Vielen blieben die Narben bis zum Grab. Es war in jener Zeit nicht einfach, ein Mitglied der Mormonenkirche zu sein. Viele Kirchenführer der Mormonen tauchten unter, um nicht von Bundesbeamten, die nach Männern mit mehr als einer Frau suchten, gefangengenommen zu werden. Die Familien hatten Angst davor, daß die Beamten spät in der Nacht ins Haus eindrangen. Präsident George Q. Cannon, Lorenzo Snow, Rudger Clawson, Brigham Henry Roberts, George Reynolds und viele andere wurden ins Gefängnis gesteckt, wo sie die Zeit damit verbrachten, Bücher zu schreiben, Unterricht zu halten und Briefe an ihre Familien zu schreiben. Präsident John Taylor war gezwungen, sich in Kaysville, Utah, etwa 30 Kilometer nördlich von Salt Lake City, verborgen zu halten. Hier starb er am 25. Juli 1887. Er war ein gläubiger und mutiger Mann, der sein Leben dem Zeugnis von Jesus Christus und dem Aufbau des Gottesreichs auf der Erde geweiht hatte.

Wilford Woodruff war einer der erfolgreichsten Missionare der Mormonenkirche und bekannt für seinen prophetischen Weitblick und seine Treue zur Kirche. Er führte genaue Tagebücher, die sehr viele Informationen über die Anfangszeit der Mormonen enthalten. Als Präsident John Taylor starb, diente er als Präsident des Kollegiums der zwölf Apostel. Fast zwei Jahre später wurde er als Präsident der Kirche bestätigt.

Während der Amtszeit von Präsident Woodruff wurde der politische Kreuzzug gegen die Mormonen heftiger, aber die Kirche schritt voran. In drei Städten Utahs waren Tempel in Betrieb – in St. George, Logan und Manti – und der Tempel in Salt Lake City war fast fertiggestellt. Das Haus des Herrn in diesen Städten ermöglichte es Tausenden von Mormonen, die Begabung zu empfangen und für ihre verstorbenen Angehörigen die heiligen Handlungen zu vollziehen. Sein Leben lang hatte Präsident Woodruff großes Interesse an der Tempelarbeit und der Ahnenforschung. Er forderte die Mormonen oft auf, im Tempel für ihre Vorfahren die heiligen Handlungen zu vollziehen. Aus der folgenden Begebenheit geht hervor, wie wichtig die Arbeit war, die die Mormonen für die Verstorbenen taten. Im Mai 1884 unterschrieb Henry Ballard, der Bischof der Gemeinde 2 in Logan, in seinem Haus Tempelscheine. Henrys neunjährige Tochter, die sich vor dem Haus auf den Gehweg mit Freundinnen unterhielt, sah zwei ältere Männer auf sich zukommen. Die Männer riefen sie und gaben ihr eine Zeitung mit dem Auftrag, sie ihrem Vater zu bringen.

Das Mädchen tat, wie ihm aufgetragen worden war. Bischof Ballard sah, daß die Zeitung, die Newbury Weekly News, in England erschienen war und die Namen und genealogische Angaben von über 60 Menschen enthielt, die er und sein Vater gekannt hatten. Die Zeitung vom 15. Mai 1884 war ihm nur drei Tage nach Erscheinen gegeben worden. Dies war ein Wunder, denn in jener Zeit, die den Lufttransport noch nicht kannte, brauchte die Post von England in den Westen Amerikas mehrere Wochen.

Am nächsten Tag brachte Bischof Ballard die Zeitung zum Tempel und berichtete dem Tempelpräsidenten, Marriner W. Merrill, wie die Zeitung zu ihm gekommen war. Präsident Merrill sagte: „Bruder Ballard, auf der anderen Seite warten viele ungeduldig darauf, daß ihre Arbeit getan wird, und sie wußten, daß Sie die Arbeit verrichten würden, wenn die Zeitung in Ihre Hände gelangt.“ (Melvin J. Ballard: Crusader for Righteousness (1966), 16f. 150). Die Zeitung wird in der Church Historical Library in Salt Lake City aufbewahrt. Trotz der Verfolgung förderten die Führer der Kirche die Besiedlung unbewohnter Gebiete im amerikanischen Westen. Ab 1885 ließen sich viele Mitgliederfamilien in Sonora und Chihuahua in Mexiko nieder und gründeten Siedlungen, darunter Colonia Juárez und Colonia Díaz. Auch in andere Gebiete im Norden Mexikos wanderten Mitglieder der Kirche aus.

Auch in Kanada sahen die Mitglieder der Kirche sich nach Orten um, wo sie sich niederlassen konnten. Charles O. Card, der als Präsident des Pfahls Cache Valley diente, gründete 1886 im Süden Albertas eine Siedlung von Heiligen der Letzten Tage. Bis zum Winter 1888 lebten über 100 Heilige der Letzten Tage in Westkanada, und nach 1890 kamen noch mehr, um ein Bewässerungssystem und eine Eisenbahn zu bauen. Viele Führer der Kirche wuchsen in Alberta auf.

Das Manifest: Das Ende der Vielehe

In den achtziger Jahren erließ die US-Regierung weitere Gesetze, die denen, die die Polygamie praktizierten, das Recht nahmen, zu wählen oder als Geschworener zu dienen, und das Eigentum, das die Mormonenkirche besitzen durfte, stark einschränkten. Die Familien der Mormonen litten, weil sich noch mehr Väter verstecken mußten. Präsident Woodruff flehte zum Herrn um Weisung. Am Abend des 23. September 1890 schrieb der Prophet unter Inspiration das Manifest. Dieses Dokument setzte der Polygamie für die Mitglieder der Mormonenkirche ein Ende. Der Herr zeigte Präsident Woodruff in einer Vision, daß die Regierung der Vereinigten Staaten, falls die Vielehe nicht abgeschafft wurde, die Tempel beschlagnahmen werde, was der Arbeit für die Lebenden und die Toten ein Ende bereitet hätte.

Am 24. September 1890 bestätigten die Erste Präsidentschaft und das Kollegium der Zwölf Apostel das Manifest. Die Mormonen nahmen das Manifest auf der Generalkonferenz im Oktober 1890 an. Heute ist dieses Dokument als Amtliche Erklärung Nr. 1 im Buch Lehre und Bündnisse enthalten.

Nachdem die Kirche gehandelt hatte, begnadigten die Bundesbeamten diejenigen Mormonen, die für schuldig befunden worden waren, die Gesetze gegen die Polygamie übertreten zu haben, und die Verfolgung der Mormonenkirche hörte fast gänzlich auf. Aber Präsident Woodruff erläuterte: „Ich hätte es zugelassen, daß uns alle unsere Tempel genommen werden; ich selbst wäre ins Gefängnis gegangen und hätte es zugelassen, daß alle Männer dorthin gegangen wären, wenn nicht der Gott des Himmels mir geboten hätte zu tun, was ich getan habe; und als die Stunde kam, in der mir geboten wurde, es zu tun, war mir alles klar. Ich ging vor den Herrn, und ich schrieb, was der Herr mir zu schreiben gebot.“ (Auszüge aus drei Ansprachen von Präsident Wilford Woodruff bezüglich des Manifests, die in den englischen heiligen Schriften im Anschluß an die Amtliche Erklärung Nr. 1 abgedruckt sind.) Gott, und nicht der Kongreß der Vereinigten Staaten, hatte bewirkt, daß die Mehrehe offiziell beendet wurde.

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