Ein Stadtstaat in Amerika
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ein Prophet als Stadtplaner
Die Entstehung der Stadt Nauvoo ist eines der fortschrittlichsten Kapitel in der Sozialgeschichte. Das Volk, das von einem großen Glauben beseelt war, blieb nicht lange arm. Die Sümpfe waren bald trockengelegt, und mit ihnen verschwanden auch die Moskitos und die gefürchtete Malaria. Buschwerk und Unterholz machten Gärten Platz. Zelte und hastig errichtete Hütten wurden durch schöne Gebäude ersetzt.
Nauvoo entwickelte sich nicht in der üblichen, dem Zufall überlassenen Weise wie andere Städte. Der Gründer hatte vielmehr schon jede Einzelheit ersonnen, bevor noch ein Stein verlegt, ein Graben ausgehoben war. Schon 1833 hatte der Prophet Offenbarungen über die Anlage von Städten Zions empfangen und im gleichen Jahr den Plan einer solchen Stadt nach Independence Missouri gesandt. Dort hatten aber die Verfolgungen nur eine teilweise Ausführung des Planes gestattet.
Die bauliche Konstruktion
Die Stadt wurde so angelegt, dass die Straßen mit einer Breite von ca. 40 m genau nord-südlich und ost-westlich verliefen und einander in regelmäßigem Abstand kreuzten. Bestimmte Teile der Stadt waren für öffentliche Gebäude und Freizeitzentren vorgesehen. Durch Baubeschränkungen wurde geregelt, an welchen Stellen Fabriken, Handelsunternehmen usw angelegt werden durften. Im Wohngebiet wurden die Häuser in gleichmäßigem Abstand von der Straße errichtet, und davor gab es Rasen und Büsche. Unansehnliche Bauwerke waren verboten.
Der Plan enthielt fast alle Einzelheiten, die heute bei der Städteplanung als besondere Errungenschaft gelten. Nauvoo wurde zum Vorbild der Städte, die von den Heiligen später in Utah angelegt wurden. Salt Lake City ist ein gutes Beispiel dafür: jeder, der es besucht, ist von dieser offenbarten Stadtplanung zutiefst beeindruckt. Für den Propheten waren das Wohlergehen und Glück seines Volkes immer von allererster Wichtigkeit.
Die Stadtverfassung
Aufgrund der bitteren Erfahrungen in Missouri war Joseph Smith darauf bedacht, seinem Volk Schutz angedeihen zu lassen. Darum machte er einen Entwurf für eine höchst ungewöhnliche Stadtverfassung (Charta) und sandte diese der gesetzgebenden Körperschaft von Illinois zur Genehmigung. Er selbst sagte darüber:
- "Ich habe sie zum Heil der Kirche ersonnen, und zwar auf der Basis so liberaler Grundsätze, dass jeder ehrliche Mensch unter ihrem Schutz in Sicherheit leben kann, ohne Unterschied der Konfession oder Parteizugehörigkeit."
Die Verfassung sah vor, dass eine weitgespannte Legislativgewalt beim Stadtrat ruhte; dieser setzte sich aus einem Bürgermeister, vier Ratsherren und neun Stadtverordneten zusammen, die von den qualifizierten Wählern der Stadt gewählt wurden. In der Charta war auch ein Stadtgericht vorgesehen, das in der Rechtsprechung ganz unabhängig war, ausgenommen vom Obersten Gerichtshof des Staates und von den Bundesgerichtshilfen. Es war eine Stadtmiliz vorgesehen, die den Namen Nauvoo-Legion führte und vom Staat ausgerüstet wurde, die Offiziere wurden von den Bürgern der Stadt Nauvoo gestellt.
Die vielen einzelnen Hoheitsrechte machten aus der Stadt praktisch einen Staat. Innerhalb der Stadtgrenzen - und diese konnte durch Eingemeindung unbeschränkt ausgedehnt werden, sobald die betroffenen Bewohner sich dafür ausgesprochen hatten - war die Stadt von aller staatlichen Einflussnahme unabhängig. Nur ein Widerruf der Charta durch die gesetzgebende Körperschaft des Staates konnte diese Rechte außer Kraft setzen.
In Nauvoo sonderte man die Heiligen nicht mehr von den Andersgläubigen ab, wie man es in Missouri versucht hatte. Man lud vielmehr die Angehörigen aller Konfessionen ein, sich bei den Heiligen in Nauvoo niederzulassen. In einem Aufruf von der Ersten Präsidentschaft lesen wir:
- "Wir möchten auch ganz klar und deutlich feststellen, dass wir keinerlei Vorrechte beanspruchen, die wir nicht bereitwilligst mit unseren Mitbürgern aus den anderen Konfessionen und Glaubensrichtungen teilen würden. Wir sagen deshalb: Weit davon entfernt, uns nur auf den eigenen Glauben zu beschränken, möchten wir, dass alle kommen mögen, die sich hier an diesem Ort niederlassen wollen. Wir werden sie als Mitbürger und Freunde willkommnen heißen und es nicht nur als Pflicht, sondern als Freude betrachten, die uns von den gutwilligen und großherzigen Bürgern des Staates Illinois erwiesene Güte zurückzuzahlen."
Einrichtungen für Bildung und Religion
Bei der Abfassung der Charta für Nauvoo war der Prophet sehr darauf bedacht, dass die Stadt selbst ermächtigt sein sollte, ihr eigenes Bildungssystem aufzubauen und zu verwalten. Auch eine Universität war geplant. Und so richtete der Stadtrat ein Schulsystem ein, das alle Stufen von der Elementarstufe bis zum Universitätsunterricht umfasst. Es war die Absicht des Propheten, allen Leuten, jung und alt, Bildung zugänglich zu machen. Einer der ersten Gedanken bei der Planung Nauvoos war eine Tempelanlage.
Als man Joseph eines Tages fragte, wie er sein Volk regiere, antwortete er: "Ich lehre die Menschen die richtigen Grundsätze. Dann regieren sie sich selbst." Darum musste Nauvoo rund um einen Tempel gebaut sein und mit weiteren Einrichtungen versehen werde, wo man das Evangelium Jesu Christi lehren konnte.
Eine Stadt, die nach solchen Grundsätzen gebaut worden war, musste über kurz oder lang die Aufmerksamkeit denkender Menschen auf sich ziehen. Schon im Sommer 1841 schreibt die Zeitung "Atlas" in St. Louis über Nauvoo:
- Die Bevölkerung von Nauvoo beträgt zwischen 8000 und 9000, und ist damit die größte Stadt von Illinois. Wie lange die HLT zusammenhalten und den jetztigen Zustand aufrechterhalten werden, können wir nicht sagen. Gegenwärtig bietet sie den Anblick einer unternehmenden, fleißigen, nüchternen und sparsamen Bevölkerung, in der Tat eine Bevölkerung, die in den genannten Eigenschaften weder östlich noch westlich des Mississippi ihresgleichen hat.
Wachstum und Einfluss
Nauvoo wuchs natürlich in schnellem Tempo, als es zum Sammelplatz für die meisten Vertriebenen aus Missouri und der Bestimmungsort der einwandernden Bekehrten aus den Oststaaten und dem Ausland wurde. Im Juni 1844 betrug die Bevölkerungszahl 14.000. In der "History of Illionis" schätzt Gouverneur Ford die Einwohner der Stadt zum Jahresende 1845 auf 15.000.
Da sich dieses Wachstum in den wenigen Jahren seit 1839 ereignet hatte, war die Stadt bald Anziehungspunkt für viele Besucher, die hauptsächlich aus Neugier in die Mormonenmetropole kamen. Zeitungen in den Oststaaten sandten ihre Reporter, den Gründer der Stadt zu interviewen und Beobachtungen über das Außergewöhnliche am Mormonenzentrum anzustellen. Der Landeplatz in Nauvoo wurde zu einem sehr geschäftigen Ort. Alle bedeutenden Mississippidampfer legten an, um Passagiere und Fracht aus- oder einzuladen. Die Stadt selbst überflügelte die benachbarten Ortschaften. Warsaw, Carthage und Quincy, wodurch diese älteren Siedlungen sehr an Ansehen verloren. Dies aber führte zu Eifersucht und Neid, vor allem in den Kreisen der Bodenspekulanten.
Nauvoo wurde auch ein gesellschaftlicher Mittelpunkt. Es ließ sich von allen Niederlassungen flussauf und flussab leicht erreichen, und die großen Feiern am Unabhängigkeitstag, dem 4. Juli, und zu anderen Anlässen lockten viele Meilen weit die Leute an. Ausflugsboote von Warsaw und sogar von St. Louis waren an der Tagesordnung; die Schiffe machten unter Gelächter und Frohsinn in Nauvoo fest. Zu diesen Gelegenheiten wurde getanzt, und die Festlichkeiten dauerten oft bis in die frühen Morgenstunden. Die Schönheit der Stadt und die Gastfreundlichkeit der Einwohner wurden weit und breit gerühmt.
Die Parade der Nauvoo-Legion war ein farbenprächtiges Schauspiel, das jedesmal eine große Menge Zuschauer anlockte. An ihrem Höhepunkt hatte die Legion einen Stand von 5000 Mann, bewaffnet und uniformiert. Oftmals wurden Scheingefechte veranstaltet, teils zur besseren Ausbildung der Truppe, teils zu Unterhaltung des Volkes. Ringen, Wettlaufen, Springen, Hufeisenwerfen und anderes war die übliche Freizeitbeschäftigung. Der Prophet war dabei ein aktiver und geschickter Teilnehmer.
Vor allem im Osten der Stadt, aber auch im Norden und Süden, gab es weite beackerte Felder. Dies war weitaus das fortschrittlichste Landwirtschaftsgebiet in diesem Teil Amerikas. Sicher war es das ungewöhnlichste, den keiner wohnte auf seiner Farm, sondern i der Stadt, und man ging morgens auf seine Felder und abends wieder in die Stakt zurück. Dieser Umstand ermöglichte es allen Bildung und Unterricht zu genießen und am gesellschaftlichen Leben der Stadt teilzunehmen; auch die Einigkeit und Einheit der Bevölkerung wurde dadurch sehr gefördert. Das phänomenale Wachstum der Kirche, der schnelle Aufschwung der Stadt und der Wohlstand der Heiligen machten den Gründern der Kirche und der Stadt viel Freude, dieselben Umstände waren aber auch für eine wenig wünschenswerte Klasse von Menschen sehr verlockend.
Zu den rücksichtslosesten Abenteurern zählte auch John C. Bennett, der schon als erster Bürgermeister der Stadt erwähnt wurde. Keiner verstand es so geschickt wie er, sich in das Vertrauen der Leute zu schleichen. Die Historiker bezeichnen ihn manchmal als "moralisch Aussätzigen". Als man seine sexuellen Ausschweifungen entdeckte, wurde er aus der Kirche ausgeschlossen und aller öffentlichen Ämter enthoben. Andere Leute vom Schlag Bennetts trugen dann dazu bei, dass die ganze Bevölkerung in Misskredit kam, besonders in den Kreisen, wo man ohnehin nach Anklagepunkten gegen die Mormonen suchte.
Publikationen
Überall, wo die Heiligen sich gesammelt hatten, richteten sie eine Druckerei ein und gaben eine Kirchenzeitschrift heraus. Eine der ersten Taten in Nauvoo war also das Aufstellen einer Druckerpresse. In jene nacht, als Far West von den Mobtruppen umzingelt wurde, versteckte man die Druckerpresse der Kirche und vergrub sie im Vorgarten eines Bruders. Später holte man sie heimlich wieder hervor und verfrachtete sie nach Commerce/Illinois. Dort stellte man sie im Herbst 1839 in einem Keller wieder auf. Auf dieser Presse drucke man die vierte Zeitschrift der Kirche, die „Times ans Seasons". Anfangs war es eine Monatsschrift von 16 Seiten, später erschien sie zweimal im Monat. Der Prophet schrieb zahlreiche Leitartikel und Beiträge für „Times and Seasons“.
Der „Nauvoo Neighor" vertrat ebenfalls die Sache der Heiligen; er gehörte der Kirche. Er wurde in nichtmormonischen Kreisen mehr gelesen als „Times an Season"; viele andere Blätter des Westens zitierten ihn. Solange die Heiligen in Nauvoo wohnten, konnte sich keine andere Stadt im ganzen Mississippital eines so schnellen Wachstums rühmen. Nur wenige kamen ihr an Bürgerstolz und Wohlstand gleich. Trotz allem war aber der unsichtbare Glaube der Bewohner mächtiger als alles Bauwerk. Dieser Glaube hatte eine Stadt aufgebaut, wo vorher Sumpf gewesen war, und als die Menschen, die diesen Glaubengehabt hatten, nicht mehr da waren, sank auch Nauvoo schnell auf das Niveau seiner Nachbarn ab.
- Fortsetzung: Leidensweg eines zeitgenössischen Propheten
verwendete Quellen
| Zeitabschnitte in der Geschichte der Mormonen |
| Die Zeit in New York | Die Zeit in Ohio | die Zeit in Missouri | Nauvoo |