Die Kirche breitet sich aus
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Präsident Joseph F. Smith
Joseph F. Smith wurde 1838, auf dem Höhepunkt der Verfolgung in Missouri, in einer kleinen Holzhütte beim Tempelplatz in Far West geboren. Damals saß sein Vater, Hyrum Smith, in Richmond, Missouri, im Gefängnis, und seine Mutter, Mary Fielding Smith, mußte sich allein um die Kinder kümmern.
Der junge Joseph F. Smith zog mit seiner Familie von Missouri nach Nauvoo. Dort geschah etwas, an das sich Joseph sein Leben lang erinnerte – die Ermordung seines Vaters und seines Onkels, des Propheten Joseph Smiths im Gefängnis zu Carthage. Joseph vergaß nie, wie er seinen Vater zum letzten Mal gesehen hatte. Sein Vater war nach Carthage unterwegs; er hob den kleinen Joseph zu sich aufs Pferd, küßte ihn und ließ ihn wieder hinunter. Joseph vergaß auch nicht die schreckliche Angst, als in der Nacht ein Nachbar am Fenster rüttelte und der Mutter mitteilte, daß Hyrum ermordert worden war. Der Anblick seines Vater und seines Onkels, die im Mansion House in Nauvoo aufgebahrt waren, ließ ihn nie wieder los.
Fast über Nacht wurde aus dem Jungen Joseph ein Mann. Als sich Mary Fielding Smith und ihre Familie dem Auszug aus Nauvoo anschlossen, lenkte der siebenjährige Joseph einen ihrer Wagen. Als seine Mutter starb und ihn als Waisen zurückließ, war er 13 Jahre alt. Noch bevor er 16 Jahre alt wurde, ging er nach Hawaii auf Mission. Drei Monate nach seiner Ankunft sprach er die Landessprache fließend. Diese geistige Gabe war ihm von Parley P. Pratt und Orson Hyde übertragen worden, die ihn als Missionar eingesetzt hatten. Mit 21 Jahren ging er erneut auf Mission, diesmal für drei Jahre auf die britischen Inseln. Joseph war erst 28 Jahre alt, als Präsident Brigham Young das Gefühl hatte, er solle ihn zum Apostel ordinieren. In den darauffolgenden Jahren diente er vier Präsidenten der Mormonenkirche als Ratgeber. Nach dem Tod von Lorenzo Snow im Oktober 1901 wurde Joseph F. Smith der sechste Präsident der Kirche. Er war bekannt für seine Fähigkeit, die Evangeliumswahrheiten auszulegen und zu verteidigen. Seine Ansprachen und sein schriftliches Vermächtnis sind in dem Buch Evangeliumslehre zusammengefaßt, das ein wichtiges Werk zur Lehre der Kirche wurde.
In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts ging die Mormonenkirche in verschiedenen wichtigen Bereichen voran. Immer wieder wurde Nachdruck auf das Zahlen des Zehnten gelegt, und die Mormonen erfüllten das Gebot treu, und so konnte die Mormonenkirche alle Schulden bezahlen. Es folgte eine Zeit des Wohlstands, und die Mormonen konnte Tempel, Gemeindehäuser und Informationszentren bauen und historische Stätten kaufen, die in der Geschichte der Mormonen von Bedeutung waren. Die Kirche errichtete ihr Verwaltungsgebäude in Salt Lake City, das immer noch als Hauptsitz der Kirche dient.
Präsident Joseph F. Smith war sich dessen bewußt, daß in aller Welt Tempel gebraucht wurden. Auf einer Konferenz in Bern streckte er 1906 die Hand aus und verkündete: „Die Zeit wird kommen, wo es in diesem Land viele Tempel geben wird, in die Sie gehen und in denen Sie Ihre Toten erlösen können” (Zitiert in Serge F. Ballif, in Conference Report, Okt. 1920, 90) Der erste Tempel der Mormonen in Europa wurde fast ein halbes Jahrhundert später in einem Vorort der Stadt geweiht, in der Präsident Joseph Smith seine prophetische Äußerung gemacht hatte. 1913 weihte Präsident Smith in Cardston, Alberta, das Grundstück für den dortigen Tempel, und 1915 das Grundstück für den Hawaii-Tempel.
Seit Beginn des 20. Jahrhunderts forderten die Führer der Mormonenkirche die Mormonen auf, in ihrem Heimatland zu bleiben und nicht nach Utah auszuwandern. 1911 machten Joseph F. Smith und seine Ratgeber in der Ersten Präsidentschaft die folgende Aussage: „Es ist wünschenswert, daß unsere Mitglieder in ihrem Heimatland bleiben und Gemeinden bilden, die langfristig Bestand haben sollen und die Missionsarbeit unterstützen” (James R. Clark, Hg., Messages of the First Presidency of The Church of Jesus Christ of Latter-day Saints, 6 Bände (1965–75), 4:222).
Sechs Wochen vor seinem Tod empfing Präsident Smith eine wichtige Offenbarung über die Erlösung der Toten. In einer Vision sah er, wie der Erretter in der Geisterwelt diente, und er erfuhr, daß die gläubigen Mormonen die Möglichkeit haben werden, das Evangelium auch in der Geisterwelt zu lehren. Diese Offenbarung wurde 1976 in die Köstliche Perle aufgenommen und 1979 dem Buch Lehre und Bündnisse als Abschnitt 138 hinzugefügt.
Präsident Heber J. Grant
Kurze Zeit vor seinem Tod im November 1918 nahm Präsident Joseph F. Smith den Präsidenten des Kollegiums der Zwölf, Heber J. Grant, bei der Hand und sagte: „Der Herr segne dich, mein Junge, der Herr segne dich, du hast eine große Verantwortung. Denk immer daran, daß dies das Werk des Herrn ist und nicht das Werk von Menschen. Der Herr ist größer als jeder Mensch. Er weiß, wer seine Kirche führen soll, und er macht keine Fehler” („Editorial“, Improvement Era, Nov. 1936, 692).
Mit 62 Jahren wurde Heber J. Grant der siebte Präsident der Kirche. Er hatte seit 1882 als Apostel gedient. Schon als junger Mann und sein Leben lang bewies Heber im Verfolgen seiner Ziele eine ungewöhnliche Entschlossenheit. Als einziges Kind einer Witwe war er von den Aktivitäten der gleichaltrigen Jungen ein wenig ausgeschlossen. Als er sich um die Aufnahme in einer Baseballmannschaft bewarb, wurde er wegen seiner Unbeholfenheit und seines mangelnden Talents gehänselt und nicht in die Mannschaft aufgenommen. Er fand sich mit der Enttäuschung nicht ab, sondern verbrachte viele Stunden damit, den Ballwurf zu üben. Schließlich wurde er in einer anderen Mannschaft aufgenommen, die mehrere örtliche Wettbewerbe gewann.
Als Junge wollte er Buchhalter werden, denn er hatte erfahren, daß er so sehr viel mehr verdienen könne als mit seiner damaligen Beschäftigung als Schuhputzer. Damals mußte man als Buchhalter eine schöne Handschrift haben. Hebers Schrift war aber so unleserlich, daß zwei seiner Freunde meinten, sie sähe so aus, als ob Hühner über das Papier gelaufen wären. Er ließ sich wieder nicht entmutigen, sondern verbrachte viele Stunden damit, sich eine schöne Handschrift anzueignen. Er wurde für seine schöne Handschrift bekannt; schließlich lehrte er an der Universität Schönschreiben, und er wurde oft gebeten, wichtige Dokumente aufzusetzen. Er war für viele Menschen, die sahen, mit welcher Entschlossenheit er im Dienst am Herrn und an seinen Mitmenschen sein Bestes gab, ein großes Vorbild.
Präsident Grant war ein kluger und erfolgreicher Geschäftsmann, und seine Talente halfen ihm, die Mormonenkirche durch die Weltwirtschaftskrise zu führen und die persönlichen Probleme, die aus der Krise resultierten, zu meistern. Er glaubte fest daran, daß es wichtig ist, daß man selbständig ist und nur auf den Herrn und auf die eigene harte Arbeit angewiesen ist und nicht auf den Staat. Mit dem Geld, das er verdiente, half er vielen bedürftigen Menschen.
Die Mormonenkirche gründete Wohlfahrtsfarmen, um den Bedürftigen mit Lebensmitteln helfen zu können. Die Mormonen stellten ihre Arbeitskraft zur Verfügung. In den 30er Jahren, während der Weltwirtschaftskrise, machten den Mormonen, so wie vielen anderen Menschen auch, Arbeitslosigkeit und Armut zu schaffen. 1936 rief Präsident Grant auf eine Offenbarung vom Herrn hin das Wohlfahrtsprogramm der Mormonenkirche ins Leben, um die Notleidenden zu unterstützen und allen Mitgliedern zu helfen, unabhängig zu werden. Über dieses Programm sagte die Erste Präsidentschaft: „Es war unser vornehmstes Ziel, soweit wie möglich ein System zu schaffen, das den Fluch des Müßiggangs und die Nachteile von staatlichen Almosen beseitigt und bei unseren Leuten wieder Unabhängigkeit, Fleiß, Sparsamkeit und Selbstachtung entstehen läßt. Das Ziel der Kirche besteht darin, Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten. Arbeit muß für unsere Mitglieder wieder zum beherrschenden Grundsatz werden” (Die Erste Präsidentschaft, in Conference Report, Okt. 1936, 3).
Präsident J. Reuben Clark jun., der 28 Jahre als Ratgeber in der Ersten Präsidentschaft diente, betonte: „Der Wohlfahrtsplan hat in Wirklichkeit das langfristige Ziel, die Mitglieder der Kirche charakterlich zu festigen, und zwar sowohl die, die geben, als auch die, die etwas bekommen, damit das Beste, das tief in ihnen steckt, erhalten bleibt, und die verborgene Fülle des Geistes blühen und Frucht tragen kann.” (J. Reuben Clark jun., Sonderversammlung der Pfahlpräsidenten, 2. Okt. 1936).
1936 wurde das Allgemeine Wohlfahrtskomitee ins Leben gerufen, das die Wohlfahrtsanstrengungen der Mormonenkirche beaufsichtigen sollte. Harold B. Lee, Präsident des Pioneer-Pfahls, wurde der geschäftsführende Direktor des Komitees. Später wurden die Läden von Deseret Industries entwickelt, um den Arbeitslosen und Behinderten zu helfen. Farmen und Produktionsbetriebe wurden gegründet, um den Bedürftigen zu helfen. Durch das Wohlfahrtsprogramm wird auch heute noch jeden Tag Tausenden geholfen, bedürftigen Mitgliedern der Kirche ebenso wie anderen Menschen, die irgendwo auf der Welt in Not sind.
Während die Missionsarbeit der Mormonen mit größeren Schritten voranging, war Präsident Grant an einer sehr ungewöhnlichen Bekehrungsgeschichte beteiligt. Vincenzo di Francesca, ein Geistlicher aus Italien, war in New York City zu seiner Kirche unterwegs, als er in einer Tonne voller Asche ein Buch ohne Einband liegen sah. Er nahm das Buch und blätterte es durch. Zum ersten Mal sah er die Namen Nephi, Mosia, Alma und Moroni. Er fühlte sich gedrängt, es zu lesen und darüber zu beten, obwohl er weder den Namen noch die Herkunft des Buchs kannte. Er sagte, als er dieses tat, habe er ein frohes Gefühl gehabt, so als habe er etwas Wertvolles und Außergewöhnliches gefunden, das seiner Seele Trost zusprach und ihm eine Freude schenkte, die mit der menschlichen Sprache nicht zu beschreiben ist. Er begann die Grundsätze, die in dem Buch enthalten waren, bei den Mitgliedern seiner Kirche zu lehren. Die Führer seiner Kirche wiesen ihn dafür zurecht und befahlen ihm, das Buch zu verbrennen. Vincenzo weigerte sich, das zu tun.
Später kehrte er nach Italien zurück. Dort erfuhr er 1930, daß das Buch von der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage veröffentlicht worden war. Er schrieb an die Kirche in Utah einen Brief, der an Präsident Grant weitergeleitet wurde. Präsident Grant sandte Vincenzo ein italienisches Buch Mormon und teilte ihm den Namen des Präsidenten der Europäischen Mission mit. Die Probleme der Kriegszeit verhinderten viele Jahre, daß Vincenco getauft werden konnte. Schließlich wurde er am 18. Januar 1951 Mitglied der Kirche. Er war der erste, der auf Sizilien getauft wurde. Fünf Jahre später erhielt er im Tempel in der Schweiz die Begabung. (siehe Vincenzo di Francesca, „I Will Not Burn the Book!“ Ensign, Jan. 1988, 18.)
Am 6. Mai 1922 weihte Präsident Grant den ersten Radiosender in der Geschichte der Mormonenkirche. Zwei Jahre später begann der Sender, die Versammlungen der Generalkonferenz auszustrahlen. Auf diese Weise konnten viel mehr Mormonen die Ansprachen der Generalautoritäten hören. Nicht lange darauf, im Juli 1929, strahlte der Tabernakelchor die erste Folge von „Music and the Spoken Word“ aus, einer wöchentlichen Sendung mit inspirierender Musik und einer Ansprache. Seitdem wird dieses Programm einmal in der Woche gesendet.
Präsident Grant starb am 14. Mai 1945. Seine Amtszeit dauerte 27 Jahre; nur Brigham Young war länger Präsident der Kirche.
