Die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (Mormonen) – eine christliche Kirche?

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René A. Krywult FAIR

Wenn du etwas über einen religiösen Glauben lernen willst, dann gehe nicht zu seinen Feinden, sondern zu seinen Anhängern.

Wenn du deinen Glauben mit dem Glauben von jemand anderem vergleichst, dann vergleiche nicht dein Bestes mit ihrem Schlechtesten. Es ist nicht fair z.B. zu sagen: Wir Christen haben Mutter Theresa und ihr habt Osama bin Laden. Das ist einfach nicht fair. Sie haben ihre Mutter Theresas und wir haben unsere Osamas. Jede Religion hat schlechte Leute und jede Religion hat gute Leute und man sollte versuchen, das beste mit dem besten zu vergleichen.

Lasse Raum für heilige Eifersucht.
Kirster Stendahl, Lutherischer Bischof von Kopenhagen


Inhaltsverzeichnis

Zusammenfassung

Die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, im Folgenden "die Kirche", ist nach eigenem Verständnis eine Kirche, die sich anderen christlichen Kirchen durch ihren Glauben an Jesus von Nazareth als Messias, Erlöser und Gott verbunden sieht.


Ist sie eine christliche Kirche, oder eine synkretistische Neureligion?

Eine christliche Kirche?

Was heißt "christlich"

Es gibt keine allgemein anerkannte Definition, was eine religiöse Gemeinschaft zu einer christlichen macht. Der Kirchenhistoriker, katholische Apologet und Ökumeneforscher Dr. Hans Küng hat eine Positionsbestimmung aus der Geschichte des Christentums heraus vorgenommen (1). Christlich ist demnach, was allen Paradigmen (dem jüdisch-apokalyptischen der ersten Apostel, dem hellenistisch-jüdischen des Paulus, dem hellenistisch-altkirchlichen der Orthodoxie, dem römisch-katholischen, dem mittelalterlich-protestantischen und dem protestantisch-modernen des Friedrich Schleiermacher – gemeinsam ist. Fügt man den von Küng genannten Kriterien weitere hinzu, so schließt man Kirchen und Lehrer aus, die massiv das heutige Bild des Christentums prägen oder geprägt haben. Nimmt man welche weg, verliert sich das charakteristisch christliche. (2)

Das Christentum ist zuerst definiert durch Christus selbst, aber nicht durch irgendeinen Christus, sondern konkret durch den historischen Jesus von Nazareth, als den Gekreuzigten, als den Auferstandenen. "Er ist der Inhalt des Evangeliums, auf seinen Namen wird der Glaubende getauft, seines Leidens, Sterbens und neuen Lebens gedenkt er in der Mahlfeier." (3) Er ist der Christus des historischen einen Gottes Abrahams, Isaaks und Jakobs, des Gottes, der sich in besonderer Weise in Christus Jesus offenbart.

Christus ist Sohn Gottes, des Vaters, und mit diesem und dem Heiligen Geist eins. Ein Christ muß zwar an Vater, Sohn und Geist glauben, aber "er muß weder an griechisch-hellenistische noch westlich-lateinische Trinitätsspekulation glauben." (4) "Fast gnostisch anmutende Spekulationen darüber, wie es im Inneren Gottes zugehe" (5), wie sie Augustinus von Hippo präsentiert hat, sind zum Beispiel nie in den Ostkirchen nachvollzogen worden. Christen beten aber zu "Deum patrem omnipotentem ... per Dominum nostrum Jesum Christum ... in unitate Spiritus Sancti".

"Der Christusglaube drückt sich nicht nur in einer Botschaft", der Botschaft vom Tod, der Auferstehung und der Erlösung durch diesen Jesus Christus, "sondern auch in sinnhaften Ritualen aus: in der Taufe auf seinen Namen und in der Mahlfeier zu seinem Gedächtnis. (6)

Der Christusglaube weist dem Gläubigen einen Weg. Christentum ist primär keine Philosophie, sondern ein Weg, eine Disciplina, eine Nachfolge. Christus selbst ist die lebendige, maßgebende Verkörperung seiner Sache. (7) "Jesus Christus bringt zwar nicht ein neues Gesetz, wohl aber die Liebe als maßgebliche Grundvorstellung für Leben und Handeln, Leiden und Sterben der Christen." (8) Das "Herzstück christlicher Ethik ist die "Bergpredigt".

Daher ist eine Gemeinschaft christlich zu nennen, die an Jesus von Nazareth, als den Erlöser durch seinen Kreuzestod und seine Auferstehung glauben, den Vater im Namen dieses Jesus in der Gemeinschaft mit dem Heiligen Geist anbetet, den Initiationsritus Taufe im Namen Jesu und den Gemeinschaftsritus Abendmahl zu Christi Gedenken hat und die Bergpredigt als grundlegendes ethisches Werk anerkennt.

Glaube an den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist, die ein Gott sind

Aus der Bibel, die der Kirche als wesentliche Heilige Schrift dient, kennen wir ein- und mehrgliedrige Kurzformeln des Glaubens: "Jesus ist der Herr" (9), "Für uns gibt es nur einen Gott, den Vater, ... und nur einen Herrn, Jesus Christus,..." (10), "Tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes" (11). Diese Aussagen sind für Mitglieder der Kirche verbindliche Glaubenswahrheit. Die zusätzlichen Heiligen Schriften fügen dem noch deutlichere hinzu. Während in der Bibel Vater, Sohn und Geist nie ausdrücklich "ein Gott" genannt werden, tut das Buch Mormon dies mehrfach.(Mormon 7:7) (2. Ne 13:21) Der Glaube an den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist stellt den ersten Glaubensartikel dar.(1. Glaubensartikel) Alle Gebete werden an Gott, den Vater, gerichtet und im Namen Jesu Christi beendet. (Moroni 4:2). Es ist dies der historische Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs. (Mormon 9:11)

Glaube an Jesus von Nazareth als den Gekreuzigten und Auferstandenen, den Erlöser

Jesus Christus, das fleischgewordene Wort Gottes, der Einziggezeugte des Vaters, durch den der Vater die Welt geschaffen hat, wurde Mensch, lebte in Israel zu Beginn der Zeitenwende, wurde von Johannes dem Täufer getauft, lehrte, wurde verurteilt, starb am Kreuz und stand von den Toten auf. Er sitzt zur Rechten Gottes. Sein Leben, sein Sterben, seine Auferstehung sind der Zentralpunkt menschlicher Geschichte. Durch sein Leiden und seine Auferstehung werden wir erlöst. (Mosia 13:28)

Er ist der zentralste Inhalt des Glaubens der Kirche.


Rituale

Taufe

Die Kirche nimmt neue Mitglieder durch Taufe durch Untertauchen auf. Der Täufling und der Täufer stehen dabei im Wasser, der Täufer nimmt den Täufling bei der Hand, nennt ihn beim vollen Namen, und spricht dann das Taufgebet: "Beauftragt von Jesus Christus taufe ich Dich im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen." (Moroni 6:4), worauf er den Täufling einmal vollständig untertaucht. Dieser Initiationsritus gleicht in der verwendeten Formel vollständig dem Römisch-Katholischen (12).

Abendmahl

Das Abendmahl ist sowohl Bündnis- als auch Gedächtnismahl. Indem beim Abendmahl (13) des Leibes und des Blutes des Erlösers gedacht wird (Moroni 6:6) (Moroni4:1), also seines Sühnopfers, erneuern die Teilnehmer ihr Taufbündnis. Es ist aber auch ein Gemeinschaftsritus, eigentlich DER Gemeinschaftsritus der Kirche (13).

Die Gebete, die dazu gesprochen werden, sind einfach, bringen aber genau diese duale Funktion zum Ausdruck:


Segen für das Brot:

O Gott, Ewiger Vater, wir bitten dich im Namen deines Sohnes, Jesus Christus, segne und heilige dieses Brot für die Seele all derer, die davon nehmen, damit sie zum Gedächtnis des Leibes deines Sohnes essen und dir, o Gott, Ewiger Vater, bezeugen, daß sie willens sind, den Namen deines Sohnes auf sich zu nehmen und immer an ihn zu denken und seine Gebote, die er ihnen gegeben hat, zu halten, damit sein dGeist immer mit ihnen sei. Amen. (Moroni 4:3)

Segen für den Wein:

O Gott, Ewiger Vater, wir bitten dich im Namen deines Sohnes, Jesus Christus, segne und heilige diesen Wein für die Seele all derer, die davon trinken, damit sie es zum Gedächtnis des Blutes deines Sohnes tun, das für sie vergossen wurde, damit sie dir, o Gott, Ewiger Vater, bezeugen, daß sie wahrhaftig immer an ihn denken, damit sein Geist mit ihnen sei. Amen. (Moroni 5:2)

Ethik

Das Zentrum mormonischer Ethik ist die Nachfolge Christi. Eine Nachfolge, die als so intensiv gesehen wird, daß der Mormone sogar Christi Antlitz in seinem Gesichtsausdruck tragen soll (Alma5:14). Die Mitglieder der Kirche werden häufig aufgefordert, das Leben und Wirken Christi zu betrachten und dem Erlöser in Wort und Tat nachzufolgen (14). Kern der christlichen Ethik ist die Bergpredigt. In diesem Sinne wird sie in der Kirche auch häufig das "Gesetz Christi" genannt (15). Das Liebesgebot, besonders die Gottes-, Nächsten- und Feindesliebe sind häufige Themen von Ansprachen und finden im täglichen Leben Anwendung als grundsätzliche ethische Richtschnur.


Das Leben eines Mormonen besteht aus "werden", viel mehr als aus "sein" (16). Als Nachfolger und Schüler hoffen wir darauf, dereinst die Eigenschaften und den Charakter des Meisters zu verkörpern.


Zusammenfassung

In Glauben, Ritual und Ethik sind die Mormonen eine christliche Kirche. Weder vom Traditionellen abweichende Lehren (17), noch andere Sakramentologie (18), auch nicht das zusätzliche Schrifttum (19) sind ein ausreichendes Merkmal, um der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage die Christlichkeit abzusprechen.

externe Links

Quellenangaben

  1. Dr. Hans Küng, "Das Christentum. Wesen und Geschichte", Piper (August 2002), ISBN-13: 978-3492037471, Seiten 65-67, 72
  2. Küng, S. 43f., 49f., 622
  3. Küng, S. 72
  4. Küng, S. 367
  5. K. Rahner, Grundkurs des Glaubens, Einführung in den Begriff des Christentums, Freiburg 1976, S. 141
  6. Küng, S. 78.
  7. Küng, S. 78.
  8. Küng, S. 72
  9. 1. Kor 12,3
  10. 1. Kor 8,6
  11. iMatth 28,19
  12. Dennoch hat Papst Johannes Paul II am 5. Juni 2001 erklärt, daß die Taufe der Mormonen nicht von der Kirche anerkannt werden kann http://tinyurl.com/oo2sl ). Als Grund wird üblicherweise angeführt, daß Mormonen kein trinitarisches Gottesbild haben. Dem ist entgegen zu halten, daß es zwar tatsächlich Unterschiede im Gottglauben gibt, das mormonische Verständnis aber durchaus vergleichbar mit dem verschiedener früher Kirchenväter (1. bis 6. Jahrhundert n.Chr.) ist. Insbesondere hat der Dialog zwischen mormonischen und Ökumene-christlichen Theologen dazu geführt, daß gelehrte Mormonen das mormonische Gottesbild als "Soziale Trinität" nennen (z.B. http://tinyurl.com/25lfsb). Dieses Modell ist zum Beispiel von Rahner, einem bewußt systemkonformen katholischen Gelehrten propagiert worden.
  13. ursprünglich mit gesäuertem Brot und Wein gefeiert (heute: Brot und Wasser)
  14. "Ich bezeuge, daß Jesus der Christus ist, der Erlöser der Welt. Wenn wir nur die Vision erfassen könnten und unsere Leben an Seinen Lehren ausrichten könnten, würden wir die Freude finden, die uns versprochen ist. Die Welt ist voll von Menschen, die willens sind uns zu sagen: "Tu, was ich sage." Sicherlich haben wir keinen Mangel an Ratgebern über jegliches Thema. Aber wir haben so wenig, die bereit sind zu sagen: "Tu was ich tue." Und natürlich Und natürlich konnte nur Einer in der Geschichte der Menschheit rechtmäßig und richtig diese Aussage machen. Die Geschichte gibt viele Beispiele von guten Männern und Frauen, aber selbst die besten Sterblichen sind fehlerhaft auf die eine oder andere Weise. Keiner konnte als vollkommenes Beispiel oder als unfehlbares Muster dienen, dem man nachkommen kann, wie gut auch immer ihre Absichten waren. Nur Christus kann unser Ideal sein, unser "heller Morgenstern" (Offb. 22:16) Nur er kann ohne Vorbehalte sagen: "Folgt mir und lernt von mir. Tut die Dinge, die ihr mich habt tun sehen. Trinkt von meinem Wasser und esst mein Brot. Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Ich bin das Gesetz und das Licht. Schaut zu mir auf, und ihr sollt leben. Liebt einander, wie ich euch geliebt habe." http://tinyurl.com/3dgjuy
  15. Es handelt sich dabei allerdings nicht um ein legalistisches Verstehen der Bergpredigt, vielmehr schildert sie die inneren Werte und Eigenschaften des Christenmenschen.
  16. http://tinyurl.com/3ywxz2
  17. Die Kirchen der Ökumene haben keine Einigkeit über Lehren, die über den oben geschilderten Kern der christlichen Botschaft hinausgeht. Es gibt keine Einheit über die Trinität, Begründung des Sühnopfers oder Teleologie (die Lehre von den "Letzten Dingen", den Zustand des Menschen nach der Auferstehung und dem Jüngsten Gericht). So lehren z.B. die Orthodoxen Kirchen, dass der Christenmensch nach dem Gericht aus Gnade zu Gott wird. Die Katholische Kirche erwähnt das in ihrem Weltkatechismus, Kardinal Schönborn nennt dies eine wahre Lehre. Für Protestanten gilt dies aber meist als übelste Blasphemie.
  18. Über die Anzahl der Sakramente gibt es in der Ökumene keine Einheit. Über die Art, wie diese Sakramente zu spenden sind, ebenso nicht. Beste Beispiele sind hier die Taufe (ist sie heilsnotwendig oder nicht? Wer darf sie spenden? Durch Untertauchen oder Besprengen?) und die Ehe (Protestantisch: Kein Sakrament, Katholisch: Sakrament ohne ewige Gültigkeit "bis dass der Tod euch scheide", Orthodox: Ewige Ehe).
  19. Die katholische Bibel umfaßt die Deuterokanonischen Werke als Heilige Schrift, für Protestanten sind sie interessante Schriften, aber nicht inspiriert. Die katholische Bibel beruft sich im Alten Testament auf den Masoretischen Text, die Orthodoxe auf den Septuaginta-Text. Einige Ostkirchen haben zusätzliche Schriften, z.B. den Hirten des Hermas, in ihrem Kanon.

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