Der große Abfall

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Inhaltsverzeichnis

Der große Abfall vom Glauben aus der Sicht des Eusebius

Von Hyde M Merrill

Wenn wir von unsrer heutigen Warte aus 17 Jahrhunderte zurückblicken, sind wir erstaunt über die Vielzahl von Hinweisen auf Glaubensabfall und Häresie innerhalb der Kirche, die Eusebius uns liefert

Die ersten nachchristlichen Jahrhunderte zählen zu den faszinierendsten Abschnitten der Geschichte. Ihre Bedeutung für uns Heilige der Letzten Tage wird wohl nur noch von unsrer Unkenntnis darüber übertroffen. Doch es gab Historiker, die in jenen Jahrhunderten das tragische Schicksal der Kirche, die der Herr während seines Erdenlebens gegründet hatte, klar und deutlich aufzeichneten. Eusebius, ein frühchristlicher Historiker, hat die Anfänge des großen Glaubensabfalls, der schließlich die Wiederherstellung des Evangeliums notwendig machte, selbst miterlebt und aufgezeichnet.

Kurzbiographie des Eusebius

Er wurde um 260 n. Chr. in Cäsarea, einer mediterranen Hafenstadt südwestlich des Sees Genezareth, geboren. Schon in jungen Jahren zeichnete er sich durch hohe Gelehrsamkeit aus. In den Jahren 309 und 311 wurde er wegen seiner religiösen Ansichten eingekerkert; und im Jahr 314 ernannte man ihn zum Bischof von Cäsarea. In diesem Amt hatte er Zugang zu einer großen Bibliothek, die Pamphilus(1)' gegründet hatte, außerdem noch zur Bibliothek in Jerusalem. Er war ein gründlicher und genauer Historiker, und es ist um so bemerkenswerter, daß er dennoch nicht weniger als 46 Werke verfaßte. Er starb im Jahr 339 oder 340, zwei oder drei Jahre nach dem Tod Kaiser Konstantins(Konstantin (280-337 n. Chr.), den er getauft hatte und sehr verehrte. Zu seinen Hauptwerken zählt die zehn Bände umfassende Kirchengeschichte, die er wohl kurz vor 326 geschrieben hat und worin er von den Ereignissen in der Kirche seit dem Tod der Apostel bis zum endgültigen Sieg Konstantins berichtet.

Eusebius berichtet von den Irrlehren, die sich nach und nach einschleichen

Die Irrlehre der Trinität

Ein Unterscheidungsmerkmal des Mormonismus besteht unter anderm in der Auffassung von der Beziehung zwischen Christus, Gott Vater und der Erde. So wissen wir beispielsweise, daß Jehova, der Gott Israels, der Gott des Alten Testaments, Jesus Christus ist. Eusebius wußte dies ebenfalls; doch seitdem ist dieses Wissen in der allgemeinen Verwirrung über das Wesen der Dreieinigkeit verlorengegangen. Er schreibt:

„Die Schaffung untergeordneter Wesen hat der Lenker und Planer des Universums Christus selbst ..., seinem Erstgeborenen, übertragen, und er hat mit ihm die Schöpfung des Menschen besprochen: ,[Denn] Gott sprach: Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei (1. Mose 1:26.).'
Diese Worte werden von einem Propheten bestätigt, der ihn in seinen Liedern folgendermaßen verherrlicht: ,Er sprach, da wurden sie gezeugt; er gebot, da wurden sie geschaffen.'
So wird der Vater und Schöpfer gleichsam als oberster Herrscher dargestellt, der durch souveränen Machtspruch gebietet, während das göttliche Wort, das ihm zunächst steht — nämlich der Eine, den wir verkünden —, die Befehle des Vaters ausführt (2).”

Eusebius erörtert sehr ausführlich, daß Christus den Menschen aus alter Zeit persönlich bekannt gewesen ist

„Es ist jedoch klar ersichtlich, daß sie Christus selbst gekannt haben; denn er ist Abraham erschienen und hat Isaak unterwiesen; er hat zu Israel gesprochen und mit Mose und den späteren Propheten verkehrt, wie ich bereits gezeigt habe... Offensichtlich ist die Religion, die in den letzten Jahren durch die Lehre Christi allen Nationen verkündigt wird, keine andere als die erste, älteste und ursprünglichste aller Religionen, die Abraham offenbart wurde . . . [an den] eine Prophezeiung ging ... von Gott — ja von Christus, dem Wort Gottes — der sich ihm zeigte(3)."

Diese Auffassung von Christus und von dem ewigen Bestehen des Evangeliums ist uns Heiligen der Letzten Tage ganz vertraut und einleuchtend. Ein Übersetzer der Werke des Eusebius, ein Anglikaner, faßt jedoch die derzeitige Unwissenheit der Welt in dem Eingeständnis zusammen:

„Die Auffassung des Eusebius, daß die alttestamentlichen Erscheinungen der Gottheit Erscheinungen Christi (in menschlicher Gestalt, obgleich noch nicht als Mensch geboren) waren, scheint uns undenkbar. Und doch: Haben wir etwa schon das Problem gelöst, die Berichte über Begegnungen zwischen Menschen und der Gottheit mit der Versicherung des Johannes in Einklang zu bringen, daß kein Mensch Gott jemals gesehen habe(4)?”

Der Glaubensabfall beginnt

Eusebius schreibt in einem Passus, der deutlich sein Verständnis vom Wesen Christi und dem Glaubensabfall erkennen läßt, der sich in die Kirche einzuschleichen begann und schließlich im Verlust dieser kostbaren Erkenntnis gipfelte:

„Beryllus... , Bischof von Bostra in Arabien, verkehrte die wahre Lehre der Kirche und versuchte, Gedanken einzuführen, die dem Glauben fremd waren. So behauptete er, daß unser Herr und Heiland in seiner Gestalt nicht existierte, ehe er unter den Menschen weilte, und daß er nicht selbst göttlich war, sondern nur die Göttlichkeit des Vaters in ihm wohnte(5).”

Ein Amt im Priestertum, das von beinah ebenso vielen Mormonen wie Andersgläubigen mißverstanden wird, ist die Berufung des Siebzigers. Ob Eusebius diese Berufung richtig verstanden hat, läßt sich nicht eindeutig feststellen. Jedoch werden die Siebziger als Gesamtheit oder auch einzeln gelegentlich von ihm erwähnt:

„Es gibt Beweise dafür, daß sowohl Matthias — der Judas' Platz im Kreis der Apostel übernahm — wie auch der andere, den man gleich ihm zur Wahl stellte, indem man das Los über sie warf, Siebziger waren. Auch Thaddäus soll dar zugehört haben ... Außer den Siebzigern gab es noch andere Jünger des Heilands(6).”

Eusebius zitiert eine fesselnde kleine Geschichte über die Missionsarbeit und die Heilungen, die „Thaddäus, einer der Siebziger,” nach der Kreuzigung des Heilands vollbracht hat. Er gibt darin zu verstehen, daß die Berufung des Siebzigers ein fester Bestandteil der Urkirche gewesen ist und daß die Pflichten dieses Amtes nicht mit der ersten Mission endeten, zu welcher der Herr die Siebziger ausgesandt hat (Siehe Lukas 10:1-12).

In einem Passus über die Siebziger zitiert er Clemens von Alexandria (Clemens von Alexandria, griechischer christlicher Theologe und Erzieher, um 150—215 n. Chr.) wie folgt:

„Jakobus, der Gerechte, Johannes und Petrus wurden vom Herrn nach seiner Auferstehung mit der höheren Erkenntnis ausgestattet. Sie gaben diese an die anderen Apostel weiter und diese wiederum an die Siebziger, zu denen Barnabas gehörte(7).”

Die Einführung der Ehelosigkeit

Wenn wir von unsrer heutigen Warte aus 17 Jahrhunderte zurückblicken, sind wir erstaunt über die Vielzahl von Hinweisen auf Glaubensabfall und Häresie innerhalb der Kirche, die Eusebius uns liefert. Zu den besonders verderblichen Irrlehren zählte die Lehre von der Ehelosigkeit:

„Clemens [von Alexandria]... zählt diejenigen Apostel auf, die verheiratet waren. Er tut dies im Hinblick auf diejenigen, welche die Ehe verdammen. Und er sagt: ,Wollen sie auch die Apostel verdammen? Denn Petrus und Philippus hatten Kinder, und Philippus gab seine Töchter Männern zur Frau. Selbst Paulus zögert nicht, in einem seiner Briefe seine Frau anzusprechen. Er nahm sie nur deshalb nicht auf seinen Reisen mit, weil dies seine Mission erleichterte(8)

Eusebius zitiert Clemens ein zweites Mal:

„Es heißt, daß der heilige Petrus, als er sah, wie sein Weib in den Tod hinüberglitt, sich darüber freute, daß sie ja nur heimgerufen wurde. Er sprach zu ihr in überaus ermutigenden und trostreichen Worten, nannte sie beim Namen und sagte: ,Meine Liebe, denk an den Herrn.' So war die Ehe der Gesegneten und ihre große Zuneigung zu ihren Lieben(9)."

Er zitiert auch den Bischof von Lyon, Irenäus (130—200 n. Chr.):

„Die Enkratiten predigten gegen die Ehe, verwarfen den Plan Gottes und verdammten somit im stillen den Schöpfer, der Mann und Frau geschaffen hat, damit sie Nachkommen zeugen... Sie leugneten auch die Erlösung der ersten Menschen. Diese Gotteslästerung wurde erstmals von einem gewissen Tatian verkündet und von ihnen angenommen. Dieser Tatian war ein Schüler des Justinus(10) gewesen und hatte niemals etwas Derartiges geäußert, solange sein Lehrer lebte. Nach dem Märtyrertod des Justinus fiel er jedoch von der Kirche ab. Er begeisterte sich für den Gedanken, ein Lehrer zu werden. Er wurde hochmütig und hielt sich für besser als die andern. Er ersann eigene Lehren, schwatzte von unsichtbaren Äonen... und brandmarkte die Ehe als Verderbnis und Hurerei(11).”

Dieser Passus ist höchst interessant. Er zeigt nicht nur, daß die ersten Kirchenführer die Lehre von der Ehelosigkeit aufs schärfste zurückwiesen, sondern auch, daß unter den Mitgliedern der Kirche Abweichungen von der Wahrheit aufzutreten begannen. Eusebius verfolgt den allmählichen Glaubensabfall in der Kirche vom ersten Augenblick an. Über das erste Jahrhundert schreibt er:

„[Hegesippus (100—180 n. Chr.)] beschreibt die Zeit [wo der letzte Zeitgenosse des Heilands starb] ... und fügte hinzu, daß die Kirche bis dahin eine reine, unberührte Jungfrau blieb. Jene, die darauf bedacht waren, die heilsame Lehre des Heilands zu entstellen, lauerten noch im tiefen Dunkel, wenn es sie überhaupt gab. Doch nachdem alle aus der heiligen Schar der Apostel auf die eine oder andere Weise ihr Leben gelassen hatten und die Generation nicht mehr vorhanden war, die noch die Weisheit Gottes in Person hören durfte, faßte gottloser Irrtum Wurzeln durch arglistige Fürsprecher der Lüge. Nun, da keiner der Apostel mehr lebte, versuchten sie in aller Öffentlichkeit die Botschaft der Wahrheit mit Scheinwahrheiten zu bekämpfen(12).”
„Doch mit der größeren Freiheit kam auch eine Veränderung über uns. Wir gaben uns dem Stolz und der Trägheit hin. Wir ergaben uns dem Neid und Betrug. Wir bekämpften uns wo und wann immer sich eine Gelegenheit bot, und scharfe Worte waren unsre Waffen. Ein Führer kämpfte gegen den andern, und die Laien spalteten sich in verschiedene Parteien. Unaussprechliche Heuchelei und Verstellung ergingen sich bis an die äußersten Grenzen des Bösen(13).”

Konstantin

Als dann unter Konstantin die Christen nichts mehr zu fürchten hatten und es sogar von Vorteil war, ein Christ zu sein, findet man Außenseiter, die sich aus reinem Ehrgeiz in die Kirche einschleichen:

„Auch gab es die unaussprechliche Heuchelei von Männern, die sich in die Kirche einschlichen und sich Christen nannten und sich den Anschein von Christen gaben. Infolge seiner Güte und Gutmütigkeit und weil sein Glaube echt und sein Charakter aufrichtig war, schenkte [Konstantin] denen sein Vertrauen, die sagten, sie seien Christen, und ihm höchste Zuneigung vortäuschten(14).”

Als später die Verfolgung von außen nachließ, erhoben sich in der Kirche Zwistigkeiten Die Schriften des Eusebius zeichnen ein lebendiges Bild vom Zustand der Kirche nach dem Tode der Apostel. Sie wurden zu einer Zeit geschrieben, wo man die Lehre schon zu verfälschen begann, wo das wahre Priestertum bereits verlorengegangen war. Der tragische Tod so vieler inspirierter Führer, der erschreckende Einfluß des Heiden Konstantin und die Geschichte von den verschiedenen Stufen des Abfalls, all dies ist in der Kirchengeschichte des Eusebius festgehalten.

Fazit

Zusammenfassend möchte ich sagen: Ich bin davon überzeugt, daß die Kirche Christi nach und nach verlorengegangen ist und daß die heutigen Kirchen nicht die Lehre des Heilands verkünden. Die Schriften des Eusebius sind nur ein weiterer Beweis für die Wahrheit dieser Behauptung.

Quellenangaben

1) Pamphilus, Priester in Cäsarea, erlitt am 16. Februar 309 den Märtyrertod. 2) G. A. Williamson (Übersetzer): Eusebius, The History of the Church from Christ to Constantine, S. 34, 35. 3) Ibd. S. 47, 48. 4) Ibd. S. 48. 5) Ibd. S. 270. 6) Ibd. S. 64, 65; 7) Clemens, Schriften, Buch VIII, zitiert von Williamson, S. 72. 8) Clemens, Schriften, Buch III, zitiert von Colm Luibheid (Übersetzer) in The Essential Eusebius, S. 115. 9) Clemens, Schriften, Buch VII, zitiert von Williamson, S. 140. 10) Justinus (100-165 n. Chr.), christlicher Märtyrer. 11) Irenäus, Gegen die Häresie, Buch 1, zitiert von Luibheid, S. 135﷓ 146. 12) Luibheid, S. 117. 13) Ibd. S. 138. 14) Ibd. S. 208.

verwendete Quellen

  • Der Stern August 1973

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