Der Heilige Hain
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Als Joseph Smith ein Junge war, verkündeten die führenden protestantischen Kirchen, Gott spreche nicht mehr zu den Menschen. Sie behaupteten, mit dem Tod der Apostel des Herrn habe die Verbindung zum Himmel aufgehört, die Bibel enthalte alles, was Gott den Menschen zu sagen habe, und es werde keine Offenbarungen mehr geben.
Aber Gott hatte die Menschen nicht vergessen. An einem wunderschönen Frühlingstag im Jahr 1820 erschienen Gott Vater und sein Sohn Jesus Christus dem jungen Joseph Smith in einem Wald in der Nähe der Farm seines Vaters im ländlichen Westen des US-Bundesstaates New York. Damit begann die Wiederherstellung des Evangeliums, das jahrhundertelang von der Erde verschwunden gewesen war. Die Evangeliumszeit der Fülle war angebrochen. Joseph Smith sen. war 1816 mit seiner Familie vom Conneticut-Tal in Ostvermont in den Westteil New Yorks gezogen. Sie ließen sich in Palmyra nieder, einem vielversprechenden Ort im Umland des Genesee River, wo es reiche Weizenernten gab.
Ungefähr zwei Jahre nachdem die Smiths nach Palmyra gezogen waren, bauten sie sich drei Kilometer südlich außerhalb des Dorfes an der Stafford Road ein Holzhaus, weil sie in der Nähe eines mit reichem Baumbestand versehenen, vierzig Hektar großen Landstücks sein wollten, für das sie damals Kaufverhandlungen führten. Schon vor der Unterzeichnung des Kaufvertrags im Sommer 1820 gestatteten die Eigentümer ihnen die Rodung des Landes. Zwischen 1819 und 1825 rodeten die Smiths vierundzwanzig Hektar Land, das sie in Felder und Wiesen aufteilten. Außerdem legten sie einen Garten und einen Obstgarten an und steckten den Grund für ihr Haus sowie für weitere Häuser ab.
Beim Aufbau ihrer Farm gingen die Smiths so ähnlich vor wie die meisten anderen Siedler zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts. Auf einem Drittel des Landes blieb der Baumbestand erhalten. Ungefähr zwei Hektar des erhaltenen Waldlands erstreckten sich über die beiden Hügel im Ostteil des Farmlands. Aus dem Holz der Rot- und der Weißeichen, die dort reichlich wuchsen, stellte man Fässer her. Andere Bäume dienten als Brennholz zum Kochen, zum Heizen und zum Einkochen von Ahornsirup und Zucker. Außerdem verkauften die Smiths Feuerholz an die Bewohner des Dorfes.
Das restliche Land am Westende der Farm blieb als Wald bestehen. Dort standen unter anderem viele große Ahormbäume, deren süßer Saft abgezapft wurde. Die ungefähr fünfzehnhundert Bäume der Smiths produzierten im Jahr etwa 450 Liter Zuckersaft. Die Buchen für die Holzkonstruktion des Hauses der Familie schlug Alvin Smith, der älteste Sohn, wahrscheinlich in diesem Wald. Aus dem Holz wurden auch Haushalts- und Farmgegenstände geschnitzt; außerdem lieferte der Wald Früchte und Nüsse für die Familie und das Vieh. Der zur Farm gehörige Wald war mehr als ein Vorratshaus, in dem man sich für das tägliche Leben bedienen konnte. Der Wald bereicherte auch das geistige Leben der Familie. Irgendwo dort gab es nämlich einen ruhigen Fleck, an den sich die Mitglieder der Familie gerne zum Beten zurückzogen.
Als die Smiths wegzogen, rodeten die späteren Eigentümer das Land weiter und fällten dafür fast alle Bäume an der Ostgrenze der Farm; jetzt gab es nur noch vier Hektar Waldland im Westteil, die auch heute noch bestehen. Dieses Stück im Westteil der Farm gilt als der heilige Wald, nämlich der Ort, wo Gott Vater und sein Sohn Jesus Christus Joseph Smith im Frühling 1820 erschienen sind.
Joseph Smith, der am 23. Dezember 1805 geboren war, war noch ein Junge, als ihm die Vision im heiligen Wald zuteil wurde. Wir wissen, dass er schon sehr jung über seinen Stand vor Gott nachdachte. Er betete viel und bemühte sich um geistige Erkenntnis, indem er in der Bibel studierte und Gottesdienste besuchte. Damit konnte er aber sein Verlangen nicht stillen; er wollte nämlich unbedingt wissen, ob der Herr ihn annahm und welche der Kirchen – wenn überhaupt – die Kirche Gottes war. Schließlich war Joseph Smith überzeugt, Gott werde ihm seine Frage beantworten, wenn er ihn glaubensvoll darum bat. Der Brief des Jakobus regte ihn dazu an, Gott im Gebet um Erkenntnis zu bitten. Das war sein erster Versuch, laut um die Antwort auf diese konkreten Fragen zu bitten.
Joseph Smith hat berichtet: „Es war an einem strahlend schönen Morgen in den ersten Frühlingstagen des Jahres 1820." Da sprach er sein Gebet. Weil der Sonntag der einzige Tag war, wo die anstrengende Frühlingsarbeit auf der Farm für den Jungen ruhte, hat er wahrscheinlich den Sonntag gewählt, um sich zum Beten an einen ruhigen, abgeschiedenen Platz zurückzuziehen. Joseph Smith hat später gesagt, er sei in einen Abschnitt des Waldes gegangen, wo er, sein Vater und seine Brüder am Tag vorher Bäume gefällt hätten. Die Arbeit auf der Farm war jahreszeitlich bedingt; Bäume fällte man vom Spätherbst bis zum Beginn des Frühlings, vor allem, wenn man Land roden wollte, damit noch genug Zeit blieb, die Felder umzupflügen und zu bestellen. Meistens hörte man Ende April mit dem Fällen auf. Deshalb hat Joseph Smith wahrscheinlich irgendwann zwischen Ende März und Ende April 1820 zu Gott gebetet.
Wir wissen nicht genau, wo Joseph Smith gebetet hat und die herrliche Vision schaute. Wahrscheinlich hat er absichtlich nichts darüber berichtet. Mit Ausnahme der Erscheinung des Herrn im Kirtland-Tempel sprach der Prophet niemals anders als nur allgemein über die Orte, wo sich heilige Ereignisse zugetragen hatten. Diese Zurückhaltung ist wohl auf seine Achtung vor den heiligen Ereignissen zurückzuführen.
Der Wald am Westende der Farm ist noch lange nach dem Wegzug der Smiths aus dem Gebiet um Palmyra von den Bewohnern des Umlands mit der ersten Vision in Zusammenhang gebracht worden. 1860 hat Seth T. Chapman, der ein Jugendfreund Joseph Smiths gewesen sein will, das Land gekauft, auf dem die Farm der Smiths gestanden hatte. Später erzählte er seinem Sohn William, er habe niemals auch nur einen einzigen Baum im Westteil der Farm gefällt, weil Joseph Smith gesagt habe, er habe dort die erste Vision geschaut.
Der heilige Wald gehört zum letzten ursprünglichen Waldland, das im Westen des Staates New York erhalten geblieben ist. Als Joseph Smith sen. und sein Sohn Alvin das Farmland kauften, war es dicht mit Hartholzbäumen bewachsen. Viele Bäume waren zwischen 350 und 400 Jahren alt. Zahlreiche Bäume in diesem alten Wald waren zu erstaunlicher Höhe herangewachsen. Der Boden des Landes war durch die vielen Schichten Herbstlaub äußerst fruchtbar geworden. Farn, Gräser, Wildblumen, Würg-Kirschen und Hartriegel wuchsen dort in überreichem Maß. Nur wenige Wälder im Osten der Vereinigten Staaten um 1800 waren den Bäumen in den Wäldern im Westteil New Yorks an Umfang, Höhe, Alter und Schönheit vergleichbar.
170 Jahre nach der ersten Vision strahlt der vier Hektar große Wald noch immer viel von seiner ursprünglichen Schönheit aus. Bäume, die zu Lebzeiten Joseph Smiths schon alt waren, sind heute noch dort zu finden. Der Boden – immer noch vom Herbstlaub gedüngt – lässt auch heute zahllose Pflanzen wachsen. Der heilige Wald ist heute gesünder, gepflegter und schöner, als er es viele Jahre war. Seit einigen Jahren führt die Kirche nämlich ein Programm durch, das den Wald, der den Heiligen der Letzten Tagen so teuer ist, erhalten und erweitern soll. Neue Bäume vergrößern seine Fläche bis zur historischen Größe und festigen das Innere. Der heilige Wald erholt sich zunehmend von der Krankheit und der Verschmutzung, die ihn noch bis vor kurzem bedroht hatten.
Die Anweisung, dass der heilige Wald Einzelpersonen, Ehepaaren und Kleingruppen als Ort zum Nachdenken dienen soll, trägt zusammen mit dem Programm zu seinem Erhalt dazu bei, dass auch zukünftige Generationen sich an der Erhabenheit dieses heiligen Landes freuen können.
Fotos
Im Heiligen Hain, der heute als Ort zum Nachsinnen ausgewiesen ist, stehen noch manche der Bäume, die schon zu Joseph Smiths Lebzeiten dort standen. Viele sind zwischen 25 und 30 Meter hoch.
Unten: Dieses Foto zeigt die Farm der Smiths, die äußeren Linien markieren die Westgrenze (1) und die Nordgrenze (2). Der Heilige Hain liegt im Nordwesten (3). Außerdem gab es dort einen Apfelgarten (4) - wo der Engel Moroni möglicherweise Joseph Smith im Jahr 1823 erschien - und das Haus der Familie (5)
verwendete Quellen
- der Stern Dezember 1990



