Das Liberty Gefängnis
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Die Kirchenführer im Gefängnis
Während der Mob die Heiligen in Far West ausplünderte und sie aus dem Staat vertrieb, hatten die Kirchenführer im Gefängnis manch bitteres Erlebnis durchzumachen. Wie schon erwähnt, waren sie nach Independence gebracht worden, und zwar von General Wilson; dort stellte man sie dem sensationslüsternen Volk zur Schau. Dann wurden sie unter schwerer Bedeckung nach Richmond gebracht, wo man sie außerdem in Ketten legte. Sie mußten die wüsten Beschimpfungen der Wachen ertragen; sie litten sehr unter der strengen Kälte. Parley P. Pratt beschreibt einen Vorfall im Richmonder Gefängnis sehr anschaulich:
- „In einer dieser langen Nächte lagen wir bis nach Mitternacht still da, als ob wir schliefen, und Herz und Ohr schmerzten uns, als wir stundenlang den gemeinen Witzen, schrecklichen Flüchen und Gotteslästerungen und der ordinären Sprache unserer Bewachung zuhören mußten. Mit Oberst Price an der Spitze erzählten sie einander, was sie alles an Vergewaltigung, Mord und Raub unter den Mormonen verübt hätten, als sie in Far West und Umgebung waren. Sie prahlten damit, daß sie sich die Frauen und Töchter und Jungfrauen mit Gewalt zu Willen gemacht hätten und daß sie die Männer und Frauen und Kinder erschossen oder ihnen das Gehirn herausgeblasen hätten. Ich hatte zugehört, bis ich so entsetzt und mit rechtschaffenem Zorn erfüllt war, daß ich mich nur mit äußerster Mühe davon zurückhalten konnte, aufzuspringen und den Kerlen meine Meinung zu sagen; ich sagte aber zu Joseph und den anderen, die neben mir lagen, kein Wort, obwohl ich wußte, daß er wach war. plötzlich stand er auf und sprach mit donnernder Stimme, eher wie ein brüllender Löwe, die folgenden Worte (soweit ich mich richtig entsinne):
- ,Schweigt, ihr Ausgeburten der Hölle! Im Namen Jesu Christi gebiete und befehle ich euch, still zu sein! Ich will keine Minute mehr leben, wenn ich eine solche Sprache anhören muß. Hört sofort auf damit, oder ihr oder ich, wir werden diesen Augenblick sterben!'
- Er hielt inne. Er stand aufrecht da, in schrecklicher Majestät. Mit Ketten gebunden und ohne eine Waffe, ruhig, unbewegt und würdevoll wie ein Engel sah er auf die bebenden Wachen nieder, die ihre Waffen gesenkt hielten oder fallen ließen und denen die Knie zitterten. Sie drückten sich in die Ecken oder kauerten zu seinen Füßen, baten um Vergebung und blieben bis zur Wachablösung still.
- Ich habe in England Richter gesehen, mit ihrem imposanten Talar bekleidet, die Verbrecher vor ihnen aufgestellt, und Leben oder Tod hingen von einem Wort ab. Ich habe den Kongreß In feierlicher Sitzung der Nation Gesetze geben sehen. Ich habe versucht, mir einen König vorzustellen, in prächtigem Gewand, mit Thron und Krone, oder einen Kaiser, der Königreichen ihr Schicksal bestimmt aber wirkliche Würde und Majestät habe ich nur einmal gesehen: in Ketten, um Mitternacht in einem Kerker, in einer unbedeutenden Ortschaft in Missouri.” [1]
Während des langen Aufenthalts im Gefängnis litt besonders Sidney Rigdon. Er war schon krank gewesen, als man ihn festgenommen hatte, und die Entbehrungen im Kerker setzten ihm hart zu. Schließlich gestattete man seiner Tochter, Mrs. Robinson, bei ihm im Gefängnis zu verweilen. Sie blieb bei ihm, bis sie ihn gesundgepflegt hatte.
Die Vorverhandlung
Am 10. November, einem Dienstag, wurden sie in Richmond vor ein Gericht gestellt; Austin A. King war der Richter. Zur gleichen Zeit verhandelte man auch über eine große Anzahl Heilige, die ebenfalls verhaftet worden waren. Der Prozeß dauerte zwei Wochen, und zu dieser Zeit wurden alle, ausgenommen die Hauptangeklagten, freigelassen oder gegen Kaution freigegeben, da man gegen sie nichts vorbringen konnte.
Joseph Smith, Lyman Wight, Caleb Baldwin, Hyrum Smith, Alexander McRae und Sidney Rigdon wurden in das Gefängnis von Liberty, Kreis Clay, überstellt, wo sie auf ihre Verhandlung wegen Hochverrats und Mordes warten sollten. Parley Pratt, Morris Phelps, Lyman Gibbs, Darwin Chase und Norman Shearer wurden wieder in das Richmonder Gefängnis zurückgebracht, um später unter derselben Anklage vor Gericht gestellt zu werden.
Die Anklage, auf Grund deren Joseph Smith und seine Gefährten für eine Untersuchung durch eine Grand Jury (Großes Geschworenengericht) festgehalten wurden, beruhte auf der eidlichen Aussage von Leuten, die von der Kirche abgefallen waren. Zu ihnen gehörten Dr. Sampson Avard, John Corrill, W. W. Phelps, George M. Hinkle und John Whitmer, die alle in der Kirche in Missouri eine bedeutende Rolle gespielt hatten.
Dr. Avard beschuldigte die Heiligen, sie hätten eine Femeorganisation geschaffen, die sogenannte „Tochter Zions”, deren Mitglieder man später als Daniten bezeichnet habe. Joseph Smith war angeklagt, der Hauptanstifter gewesen zu sein. Eine Bande unter dem Namen ’’Daniten’’ hat es gegeben, das bestätigen die Historiker; daß aber Joseph Smith nichts damit zu tun hatte und die Beteiligten der Strafverfolgung preisgab, sobald er ihrer gewahr wurde, ist ebenso sicher festgestellt. Die Geschichte hat noch dazu das Kuriosum entdeckt, daß Dr. Avard selbst der Gründer der Organisation war und aus der Kirche ausgeschlossen wurde, als man seine Schuld entdeckte. Die Bande war zu dem Zweck aufgestellt worden, die Feinde der Heiligen zu berauben und zu ermorden. Dies war ganz gegen die Grundsätze der Kirche. Joseph Smith schrieb an seine Anhänger: „Möge von nun an niemand, weder irrtümlich noch absichtlich, die Organisation der Kirche, die guten und redlichen Absichten dient, mit den ’’Daniten’' des abgefallenen Avard verwechseln, die gar nie richtig existiert haben.”[2]
Trotz des Mangels an Beweisen gegen Joseph Smith und die anderen Kirchenführer und trotz aller Anstrengungen ihrer Anwälte Doniphan und Reese zog sich die Gefängnishaft über den ganzen Winter bis in den April hin.
Trostesworte aus dem Gefängnis
Der Prophet führte von seiner Gefängniszelle in Liberty aus einen Briefwechsel mit der Kirche, der einen tiefen Einblick in den Charakter des Mannes gewährt. Manches, was heute zu den schönsten Stücken der Mormonenliteratur gehört, floß damals aus seiner Feder. [3]
Vom Gefängnis aus hielt Joseph Smith durch Rat und Ermunterung den Glauben und die Hoffnung in der Kirche am Leben. Es ist für ihn bezeichnend, daß er sich keine lange Zeit mit den Nöten des Augenblicks beschäftigte, sondern voraus blickte, in eine herrliche Zukunft. Die Mehrzahl der Mitglieder wurde von diesem Optimismus erfaßt, so daß der Historiker von ihnen sagen konnte:
- „Weit davon entfernt, die Begeisterung der Heiligen zu dämpfen, verzehnfachten vielmehr die Prüfungen und Leiden ihre Hingabe. Das Blut der Märtyrer wurde zum Samen der Kirche.” [4]
Einem Volk, das jeden Grund für Erbitterung und Haß hatte, riet der Prophet zu Liebe und Toleranz:
- „Wir müssen uns immer bewußt sein, daß es eine Voreingenommenheit zwischen uns und unseren Freunden, Nachbarn und Brüdern von der Welt gibt, die sich von uns in ihren Ansichten und in Glaubenssachen unterscheiden. Diese Voreingenommenheit ist dem menschlichen Wesen angeboren, und sie tritt manchmal ganz seltsam in Erscheinung. Unsere Religion ist zwischen uns und unserem Gott. Ihre Religion ist zwischen ihnen und ihrem Gott. Von Gott kommt eine Liebe, die wir für diejenigen unseres Glaubens ausüben sollen, die unsträflich leben; sie ist eigenartig und hat nicht ihresgleichen, aber sie ist ohne Voreingenommenheit. Sie macht auch den Sinn weit, und das befähigt uns, all denen, die nicht unseres Glaubens sind, mit einer größeren Freiheit entgegenzukommen als sie untereinander haben.”[5]
Joseph entkommt
Im April brachte man die Gefangenen aus dem Gefängnis in Liberty weg, um sie vor ein Großes Geschworenengericht zu stellen - zuerst in den Kreis Daviess, dann in den Kreis Boone. Während sie sich auf diesem zweiten Weg befanden, bekamen sie angedeutet, daß es den Behörden ganz recht wäre, wenn sie entfliehen würden. Die Begleitmannschaften verkauften ihnen zwei Pferde. In der Nacht, die für die Flucht vorgesehen war, gab es keine Bewachung; alle waren schlafen gegangen, außer einem, der den Gefangenen half, die Pferde zu satteln und das Weite zu suchen. Es gelang ihnen, den Staat hinter sich zu lassen und sich ihren Freunden in Illinois anzuschließen.
Die Flucht war ihnen zu der Zeit als eine angenehme Lösung erschienen, brachte ihnen aber später viel Verdrießlichkeiten. Ihr Prozeß hatte unmittelbar bevorgestanden; sie waren unschuldig, und man hätte keine Anklage gegen sie aufrechterhalten können. Darum hätte man sie freisprechen und entlassen müssen. Nach diesem Vorfall aber galten sie als flüchtige Verdächtige und konnten jederzeit wieder festgenommen werden, wenn jemand irgend etwas gegen sie vorbrachte. Solche Festnahmebegehren wurden dann später, in Illinois, gegen den Propheten erhoben.
Den Brüdern, die im Richmonder Gefängnis saßen, gab man keine so günstige Gelegenheit. Sie hatten aber selbst eine Flucht geplant und führten sie während der Unabhängigkeitsfeier am 4. Juli 1839 erfolgreich aus. Schließlich entkamen auch sie aus Missouri und fanden den Weg zu ihren Familien in einem neuen Land.
Fußnoten
- ↑ Parley P. Pratt, Autobiography, S. 228-230.
- ↑ History of the Church, 1. Zeitabschnitt, Bd. 111, S. 178 bis 181
- ↑ Die besten Teile dieser Schriften sind jetzt im Buch ,Lehre und Bündnisse', Abschnitt 121, 122 und 123 veröffentlicht.
- ↑ Crosby Johnson, History of Coldwell County.
- ↑ Brief aus dem Gefängnis in Liberty, datiert vom 25.März 1839, siehe History of the Church, 1. Zeitabschnitt, Bd. III, S. 304
verwendete Quellen
- Seine Kirche wiederhergestellt von William Edwin Berrett
