Dallin H. Oaks
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Wenn vor April 1984 am Obersten Bundesgericht der USA ein Richterposten frei geworden wäre, wäre Richter Dallin Harris Oaks vom Obersten Gericht von Utah ein möglicher Kandidat gewesen. Schließlich war er schon früher für ein solches Amt in Betracht gezogen worden. Deshalb rief auch, als die neue Berufung von Elder Oaks in den Rat der Zwölf bekannt geworden war, ein Reporter der Washington Post an und fragte, ob das bedeute, daßssDallin Oaks jetzt nicht mehr für ein Amt am obersten Gericht des Landes in Frage komme.
Ja, so erklärte Elder Oaks freundlich, genau das bedeute es. Die richterliche Berufung werde doch auch auf Lebenszeit ausgesprochen, ob das nicht ebenso eine wichtige Möglichkeit zum Dienen sei? Das bestätigte Elder Oaks, es sei aber nicht wichtiger als der Dienst, den er jetzt leisten könne.
Elder Oaks ist am 12. August 1932 in Provo geboren und hat schon früh arbeiten gelernt. Er hat bereits drei, vier Jahre nach dem Tod seines Vaters angefangen, für Bezahlung zu arbeiten, um seiner Mutter zu helfen. Dr. Lloyd Oaks, der an Tuberkulose gestorben war, hatte seine junge Frau Stella mit drei Kindern zurückgelassen: Dallin, damals acht und der älteste, Merrill, jetzt Augenarzt in Provo, und Evelyn, jetzt Mrs. Hammond in Salt Lake City.
„Ich war mit einer außergewöhnlichen Mutter gesegnet”, sagt Elder Oaks. „Sie war wirklich eine der vielen edlen Frauen der Letzten Tage.” Er lobt sie als Frau mit großem Glauben, als sehr fähige Mutter und als Frau mit großen natürlichen Führungsqualitäten. Viele außerhalb der Familie würden dem beipflichten. Bis zu ihrem Tod im Jahr 1980 war Stella Oaks in Provo für ihren positiven Einfluss bekannt, und zwar sowohl in der Kirche als auch im Gemeinwesen. „Sie hat mir sehr viel Verantwortung und Freiheit gegeben. Sie hat mich dazu angehalten, einen Job zu haben", erklärt Elder Oaks. Seit er mit elf, zwölf Jahren zum erstenmal für Bezahlung gearbeitet hat, ist er nie ohne Anstellung gewesen.
Bei seinem ersten Job musste er eine Radioreparaturwerkstatt ausfegen. Er musste lernen, die Radioröhren zu überprüfen, die auf der Erde lagen, um festzustellen, welche noch brauchbar waren, und das weckte in ihm das Interesse am Radio. Dieser Beschäftigung widmete er sich mit dem für ihn charakteristischen Interesse. Noch ehe er sechzehn war, hatte er eine Funkerlizenz, die es ihm gestattete, einen kommerziellen Radiosender zu betreiben, und bekam eine Stelle bei einem Sender. Die Rundfunkdirektoren stellten gern Leute ein, die sowohl in der Technik als auch bei der Ansage arbeiten konnten. „Ich war aber noch nicht durch den Stimmbruch”, erinnert er sich lachend. Bald hatte sich das aber von selbst erledigt, und er arbeitete regelmäßig als Ansager.
Seine Frau lernte ihn kennen, während er als junger Student Highschool-Basketballspiele ansagte. June Dixon ging damals noch im nahegelegenen Spanish Fork zur Highschool; bei einem Basketballspiel machte jemand die beiden miteinander bekannt. Sie heirateten am 24. Juni 1952, als sie beide noch an der BYU studierten. Es war auf der Höhe des Koreakriegs, und er war in der Utah National Guard und musste ständig damit rechnen, dass seine Einheit eingezogen wurde. Das geschah aber nicht, obwohl andere, nahegelegene Einheiten eingezogen wurden. Wegen des Kriegs wurden damals nur wenige junge Männer auf Mission berufen, und Dallin gehörte nicht dazu, weil die Quote in seiner Gemeinde bereits erfüllt war.
„Ich glaube, er hat sich immer gewünscht, er hätte die Möglichkeit gehabt. Später war er aber in Chicago Pfahlmissionspräsident, und ein guter dazu”, meint seine Frau. Ihr wurde schon früh bewusst, wie intensiv er arbeiten kann. Während seiner ersten Studienjahre an der BYU arbeitete er noch dreißig Stunden in der Woche bei dem Radiosender. In der letzten Zeit, die er dort arbeitete, hatte er noch einen zweiten Job als Büromanager für eine Möbelspedition.
Nachdem er einen Abschluss in Buchhaltung gemacht hatte, schrieb er sich an der juristischen Fakultät der Universität Chicago ein. (Inzwischen waren die Töchter Sharmon und Cheri geboren.) Er nahm einen Kredit auf und konzentrierte sich ganz auf sein Studium. Er bestand sein Examen mit Auszeichnung und gab im letzten Jahr das renommierte juristische Jahrbuch der Fakultät heraus.
„Während seines Jurastudiums war Dallin außer sonntags jeden Tag von sieben Uhr morgens bis um elf Uhr abends weg”, sagt seine Frau. Sie erinnert sich an seinen Ausspruch: „An der Uni gibt es einige Leute, die klüger sind als ich, aber keiner arbeitet mehr als ich.”
„Es war eine schwere Zeit”, sagt sie nachdenklich. Trotzdem schaffte sie es, nicht in den Fehler vieler anderer Frauen von Studenten zu verfallen, die ihrem Mann das Leben schwer machen, weil sie unglücklich sind. Sie hat vielmehr akzeptiert, dass sie selbständig sein und ihre eigenen Interessen entwickeln musste.
Aufgrund seines Fleißes und seines Könnens erhielt Dallin Oaks die Gelegenheit, nach dem Examen für den Oberrichter Earl Warnen vom Obersten Bundesgericht der Vereinigten Staaten zu arbeiten. Ein Jahr später zog er wieder nach Chicago, um eine Anwaltspraxis zu eröffnen. Im letzten Studienjahr war der Sohn Lloyd geboren worden. Auch Sohn Dallin und die vorletzte Tochter, TruAnn, sind in Chicago geboren.
In diesen Jahren hatte Dallin Oaks auch Gelegenheit, im Dienst der Kirche sehr zu wachsen. 1961 wurde er als Pfahlmissionspräsident des Pfahls Chicago berufen. Er musste abends noch in der Anwaltspraxis sein und fragte sich, wie er es schaffen sollte, auch diese neue Berufung zu erfüllen, nahm sie aber gläubig an. Er engagierte sich sehr in der Berufung, und es war ihm häufig möglich, seine Anwaltsarbeiten früher zu erledigen oder in einer gegebenen Zeit mehr zu schaffen, als er gedacht hatte.
1961 bot sich ihm auch die Möglichkeit, in den Lehrkörper der juristischen Fakultät der Universität Chicago aufgenommen zu werden. Er nahm die Stelle an, weil sie ihm lohnend erschien und ihn forderte.
1963 wurde er als Zweiter Ratgeber von Lysle R. Cahoon, dem Präsidenten des Pfahls Chicago South berufen. Erster Ratgeber war John Sonnenberg. Alle drei wurden später als Regionalrepräsentant der Zwölf berufen. (Bruder Sonnenberg wurde im Oktober 1984 in den Ersten Rat der Siebzig berufen, und war Ratgeber in der Gebietspräsidentschaft Europa bis 30. Juni 1985.) Dallin Oaks ging seine Aufgaben in der Kirche mit dem gewohnten Elan an. Elder Sonnenberg erinnert sich, dass sein Mitarbeiter in der Pfahlpräsidentschaft den Sonntag dem Herrn vorbehielt, und zwar nicht bloß theoretisch; es war offensichtlich, dass sein Dienst und sein Schriftstudium aufrichtige Anstrengungen waren, von Gott zu lernen.
Präsident Oaks war damals vielseitig engagiert. Unter anderem war er auch Vorsitzender des Disziplinarkomitees der Universität Chicago, das sich mit den Anklagen gegen Studenten befasste, die im Februar 1969 an einem siebzehntägigen Sit-in am Verwaltungsgebäude der Universität teilgenommen hatten. Seine Fairness und sein diplomatisches Vorgehen errangen ihm die Bewunderung der Studenten, des Lehrkörpers und des Gemeinwesens.
1970 war er in seinem Berufsstand bereits sehr bekannt, nachdem er im Sommer 1964 als stellvertretender Staatsanwalt für den Kreis Cook in Illinois, dann als stellvertretender Dekan und geschäftsführender Dekan der juristischen Fakultät gearbeitet und im Sommer 1968 als Gastprofessor an der juristischen Fakultät der Universität von Michigan gelehrt hatte. 1970 zeichnete er sich durch seine Rechtsberatung für ein Komitee der verfassungsgebenden Versammlung für Illinois aus. 1970 und 1971 war er eine Zeitlang geschäftsführender Direktor der American Bar Foundation.
Bruder Sonnenberg wurde 1970 als Präsident des Pfahls Chicago South berufen und wählte sich Dallin Oaks als Ersten Ratgeber. Die Zusammenarbeit währte allerdings nicht lange. Mit dem geistigen Einblick, den ein Pfahlpräsident oft hat, spürte er: „Als Ernest Wilkinson, der Präsident der BYU, in den Ruhestand trat, wusste ich sofort, dass Dallin Oaks berufen werden würde.”
Als Präsident der BYU hat Dallin Oaks manches erreicht; vor allem ging es ihm aber um akademisch hervorragende Leistungen. Er wurde auch überregional bekannt, als er sich dagegen einsetzte, dass die Bundesregierung in die privaten Universitäten eingreifen kann. Er trat damals als Sprecher der privaten Colleges und Universitäten auf. Drei Jahre war er Präsident der US-amerikanischen Vereinigung der Präsidenten der unabhängigen Colleges und Universitäten.
Nachdem Dallin Oaks das Büro des Präsidenten der BYU verlassen und am 1. Januar den Amtseid als Mitglied des obersten Gerichts des Bundesstaates Utah geleistet hatte, erhielt er immer noch Möglichkeiten, sich um hohe Ämter zu bewerben, und auch Regierungsposten wurden ihm angeboten. Er schlug sie aber alle aus und sagte: „Ich kann mir im öffentlichen Leben nichts vorstellen, was ich lieber tun würde, als Richter zu sein.”
Manche Formen des Dienens sind allerdings noch wichtiger. 1971 hatte ein Anruf von Harold B. Lee, dem damaligen Ersten Ratgeber in der Ersten Präsidentschaft, ihn an die BYU gerufen und damit sein Leben verändert. Am Abend des 6. April 1984 kam wieder ein Telefonanruf, diesmal von Gordon B. Hinckley, dem Zweiten Ratgeber in der Ersten Präsidentschaft. Dallin Oaks hat seinem Leben jetzt bereitwillig eine neue Richtung gegeben. „So wie man den Dienst in der Kirche nicht sucht, lehnt man ihn auch nicht ab”, sagt er.
Während er Präsident der BYU war, hat seine Rolle als oberster Verwalter einer großen Universität vielleicht vorübergehend seine Geistigkeit überschattet. Den Menschen in seiner näheren Umgebung war sie aber noch deutlich sichtbar. „ Dallin ist ganz einfach jemand, der sich ständig auf den Geist des Herrn verlässt”, sagt Rex Lee, stellvertretender Justizminister der Vereinigten Staaten und früherer Dekan der juristischen Fakultät der BYU. Präsident Oaks sei nie dem Statusdenken verhaftet oder darauf aus gewesen, seine hervorragenden Eigenschaften zur Schau zu stellen. Er sei einfach nicht eingebildet.
Wer Dallin Oaks an der BYU hat sprechen hören, konnte sich immer wieder davon überzeugen, dass ihm die Grundsätze des Evangeliums sehr wichtig sind. Er betont den engen Zusammenhang zwischen der geistigen Gesinnung und dem Lernen, wobei die geistige Gesinnung naturgemäß an erster Stelle steht. Er hat oft von Sittlichkeit, von Umkehr und Offenbarung gesprochen. Auch Ehrlichkeit und Redlichkeit in jeder Lebenslage waren ihm wichtige Themen.
Er war zwar sechseinhalb Jahre Regionalrepräsentant und neun Jahre Ratgeber in einer Pfahlpräsidentschaft, weist aber darauf hin, dass er weder Bischof noch Missions- oder Tempelpräsident war wie andere Generalautoritäten. Er hat auch nicht wie manche von ihnen im Bildungswesen der Kirche heilige Schrift unterrichtet. „Es gibt im Verwaltungsbereich und im geistigen Bereich in der Kirche so vieles, was ich noch nicht getan habe, dass ich mich da sehr unzulänglich fühle.”
Wo beginnt nun in seiner neuen Berufung die Arbeit?
- „Ich glaube, es fängt damit an, dass ich in die Fußstapfen der anderen Apostel trete und das tue, was sie getan haben”, meint er nachdenklich. „Ich stehe ihnen zur Verfügung.”
Sein Freund John Sonnenberg meint, Elder Oaks werde der Berufung schon gewachsen sein, er habe nämlich immer in allererster Linie dem Herrn und seiner Familie gedient. Er sagt: „Ich habe schon lange das Gefühl gehabt, er sei für große Aufgaben im Gottesreich erwählt.”
Sein Zeugnis
Übersetzt
externe Links
verwendete Quellen
- der Stern, Oktober 1985
