Anthon H. Lund
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Biographisches
Anthon H. Lund wurde am 14. Mai 1844 in der dänischen Stadt Aalborg geboren. Sein Vater war Soldat, und seine Mutter starb schon sehr früh und ließ ihn in der Obhut seiner Großmutter zurück. Bruder Lunds Großmutter wurde 1853 getauft. Er selbst wurde am 15. Mai 1856 getauft. Im Jahre 1862 wanderte er nach Utah aus. An Bord des Schiffes, das ihn nach Amerika brachte, fungierte Bruder Lund als Sanitäter. Nach einer 71tägigen Reise erreichte er am 23. September 1862 Salt Lake City.
1870 heiratete Bruder Lund Sarah Ann Petersen, die Tochter eines Bischofs. Aus dieser Ehe gingen neun Kinder hervor, die später sehr erfolgreich waren. Bruder Lund wurde nicht nur zu Hause respektiert und geliebt, sondern er genoss auch in der Kirche und in der Öffentlichkeit großes Ansehen und man brachte ihm viel Sympathie entgegen.
1874 wurde er in Sanpete, einer kleinen Stadt in Utah, in den Hohen Rat berufen. 1877 wurde er Pfahlsekretär. Während dieser Zeit war er auch Mitglied des Hohen Rats. Das Jahr darauf wurde er SoSch-Präsident der Kirche. Kurze Zeit später ging Bruder Lund als Missionspräsident nach Dänemark. Er blieb dort zwei Jahre und drei Monate. Nach seiner Rückkehr nach Utah wurde er in die gesetzgebende Körperschaft von Utah gewählt und auch für die nächste Amtsperiode wiedergewählt. In dieser Zeit arbeitete er an der Gründung der staatlichen Landwirtschaftsschule von Utah.
1888 wurde Bruder Lund unter Daniel H. Wells der stellvertretende Präsident des Tempels in Manti. 1889 wurde Bruder Lund Apostel und 1891 der Präsident des Tempels in Manti. In den Jahren von 1893 bis 1896 präsidierte er über die Europäische Mission. 1889 wurde er als Apostel eingesetzt. 1897 reiste er mit F.F. Hintze in den Orient, um die Türkische Mission neu zu organisieren. 1899 wurde Bruder Lund zum Geschichtsschreiber der Kirche berufen. Das Amt des SoSch-Präsidenten der Kirche hielt er bis 1919 inne. Im Jahre 1910 wurde er als Zweiter Ratgeber Joseph F. Smith', des damaligen Präsidenten der Kirche, bestätigt. Später diente Bruder Lund Präsident Heber J. Grant als Erster Ratgeber. 1911 wurde Bruder Lund geschäftsführender Präsident des Tempels in Salt Lake City. 1918 wurde er zum Präsidenten des Tempels berufen.
Anthon H. Lund starb am 2. März 1921 in Salt Lake City.
„Was für ein schöner Tag, dass ich in der Bibel lesen kann!”
Anthon H. Lund wurde bereits ;m Alter von vier Jahren auf eine Privatschule geschickt, wo ihm die ersten Grundlagen des Lesens, Schreibens und Rechnens vermittelt wurden. Mit sieben Jahren trat er in die öffentliche Schule der Stadt Aalborg ein. Sein Fleiß und seine Fähigkeit zu lernen werden durch die Tatsache bewiesen, dass er schnell von einer Klasse in die andere aufstieg und dass er die zweite Schulstufe gänzlich übersprang. Und während er sich auf den Abgang von der Schule vorbereitete, nahm er Privatunterricht in Englisch. Ferner befasste er sich auch mit Deutsch und Französisch. Im Alter von elf Jahren ist Anthon H. Lund bester Schüler seiner Schule.
Schon in seiner frühesten Jugend hatte Bruder Lund den unwiderstehlichen Wunsch, das Wort Gottes zu erforschen. Im Haus seiner Großmutter bewahrte sein Onkel eine Bibel auf, die anzufassen er ihm verboten hatte, aus Furcht, der Junge könne sie beschädigen. Doch seine Großmutter hatte Bruder Lund oftmals dazu angehalten, das ganze Buch zu lesen. Und derart ermutigt begann der Junge damit, die Heilige Schrift zu lesen und sich mit den wichtigen Begebenheiten darin vertraut zu machen. Eines Tages, es war in der Fastenzeit, und die Straßen waren gefüllt mit Leuten, die einer Prozession zuschauten, dachte sich Bruder Lund: „Was für ein schöner Tag, dass ich in der Bibel lesen kann!” Er vermutete seinen Onkel unter den vielen Schaulustigen auf der Straße. Der Junge hatte sich auf seinen Lieblingsplatz gesetzt, die Bibel aufgeschlagen, und er las die mitreißende Geschichte Israels während der Regierung der Könige, als er draußen jemand kommen hörte. Die Tür ging auf, und da stand sein Onkel vor ihm. So bat Anthon seinen Onkel um Verzeihung, dass er ohne seine Erlaubnis die Bibel genommen hatte. Doch sein Onkel erwiderte freundlich:
„Ich freue mich, mein Junge, dich an einem Tag wie diesem auf eine solche Weise beschäftigt zu sehen. Du kannst sie so oft und so viel lesen, wie du möchtest.” Bruder Lund war damals erst acht Jahre alt, und sein Onkel musste zu seinem großen Erstaunen feststellen, wie viel sein Neffe schon gelesen und wie gut er alles verstanden hatte. Später erzählte Bruder Lund, dass das Lesen der Bibel in seiner Kindheit ihm sehr geholfen hat, weil es die Bedeutung des Wortes Gottes fest in ihm verankert hat.
„Mit 13 Jahren arbeitete Bruder Lund im Werk des Herrn”
Als Bruder Lund 13 Jahre alt war, wurde er dazu berufen, im Werk des Herrn zu arbeiten. Es war seine Aufgabe, den Heiligen, die nach Amerika auswandern wollten, Englischunterricht zu geben, Broschüren zu verteilen und den Missionaren beim Abhalten von Versammlungen zu helfen. Als Bruder Lund das erstemal auf einer Versammlung sprechen sollte, musste ihn Bruder Fjeldsted auf einen Tisch heben.
Außer den Broschüren trug Bruder Lund immer einige Exemplare des „Millennial Stars” bei sich, aus denen er den Heiligen vorlas. Er war nämlich imstande, aus dem Englischen fast so fließend zu übersetzen als würde er aus einer dänischen Zeitung vorlesen. Die Heiligen hörten ihm gern zu und wurden auf diese Weise in ihrem Glauben gestärkt. Eine Artikelreihe im Millennial Star, „Antworten auf Einwände”, waren Bruder Lund eine große Hilfe, den Argumenten der Geistlichen erfolgreich zu entgegnen, die damit begonnen hatten, die gleichen Unwahrheiten über die Mormonen zu verbreiten, die vorher Amerika und England überflutet hatten.
Als Bruder Lund das erstemal ausgesandt wurde, dachten einige, die Mormonen seien verrückt geworden, jemanden, der noch so jung war, auszusenden. Als Bruder Lund einmal von solch einer Bemerkung berichtet wurde, sagte er: „Das macht nichts, ich werde diesen Mann zu meinem Freund machen.” Er tat es auch, denn später bat der Mann, der so geringschätzig von ihm gesprochen hatte, getauft zu werden. Er wollte, dass Bruder Lund diese heilige Handlung vollzog.
„Sie ergriff die Kohlenzange und schrie”
Es kam nicht oft vor, dass Bruder Lund mit jemandem Schwierigkeiten bekam. Selbst dort, wo andere Missionare unter Feindseligkeiten zu leiden hatten, gelang es ihm, Freunde zu gewinnen. Doch manchmal machte auch er gegenteilige Erfahrungen. Als Bruder Lund einmal unterwegs war, um Leute für seine Versammlung einzuladen, die am Abend stattfinden sollte, kam er in ein Haus, wo er eine Frau darüber unterrichtete, dass abends eine Versammlung stattfinden würde und dass sie dazu eingeladen sei.
„Was für eine Versammlung?” fragte sie. „Eine Versammlung der Mormonen”, erwiderte Bruder Lund. Im Nu veränderte sich das Gesicht der Frau, und sie wurde zu einer regelrechten Furie. Sie ergriff die Kohlenzange und schrie: „Ich werde es dir zeigen: Mormonenversammlung!” und drang auf Bruder Lund ein. Bruder Lund dachte, Vorsicht sei oft besser als Tapferkeit, und rannte aus dem Haus. Doch die Frau folgte ihm und schrie mit schriller Stimme nach ihrem Mann, er solle den Mormonen erschießen. Die Frau machte einen solchen Spektakel, dass die Nachbarn herbeigerannt kamen, um nachzusehen, was los war.
Jahre später — Bruder Lund war damals der Leiter eines großen Geschäfts — kam eine Frau in das Geschäft und sagte zu ihm: „Sie werden mich nicht kennen, aber ich habe Sie schon einmal gesehen. Erinnern Sie sich an die Frau, die Ihnen mit einer Kohlenzange in der Hand nachgelaufen ist?”
„Ja”, antwortete er, „aber Sie sind nicht diese Frau, denn ihr Gesicht habe ich niemals vergessen.” „Nein, ich war ihre Nachbarin. Ich habe gesehen, wie sie hinterhergelaufen ist. Ich habe sie dann gefragt, was Sie getan hätten, und so erfuhr ich, dass Sie sie zu einer ,Mormonenversammlung' eingeladen hätten. Dadurch wurde meine Neugier geweckt, und ich ging am Abend zu der Versammlung, um etwas über die Mormonen zu erfahren. Dort hörte ich Sie reden, und ich wurde von der Wahrheit überzeugt.”
„Ich mache Sie zu meinem Erben”
Als Bruder Lund eines Tages wieder einmal unterwegs war, um zu missionieren, besuchte er den Besitzer einer großen Mühle, der sich mit einem anderen Herrn in seiner Bibliothek aufhielt. Nachdem Bruder Lund etwa eine Stunde lang Fragen beantwortet hatte, sagte der Herr des Hauses: „Es ist zu schade, dass Sie ein Mormone sind. Wenn Sie an der Universität von Kopenhagen Theologie studieren wollen und evangelischer Geistlicher werden, finanziere ich das Studium und mache Sie zu meinem Erben.” Darauf antwortete Bruder Lund: „Ich zweifele nicht daran, dass Sie ein reicher Mann sind, aber Sie besitzen nicht genug Geld, um mir meine Treue zur Kirche Gottes abzukaufen.” Die Antwort schien beide Herren zu freuen. Seit dieser Zeit dachte Bruder Lund oft darüber nach, ob der Mann wirklich gemeint hat, was er gesagt hatte. Seiner Meinung nach war dieser Mann damals aufrichtig gewesen, aber für ihn bedeutete das Angebot keine Versuchung. Er wusste, er hatte eine „köstliche Perle” gefunden.
Bruder Lund hatte auf dem Missionsfeld viele interessante Erlebnisse. Einmal hatte er versprochen, sich an einem bestimmten Ort einzufinden, um mitzuhelfen, eine Versammlung abzuhalten. Um sein Versprechen einzulösen, musste er trotz eines heftigen Schneesturms 16 km zu Fuß zurücklegen. Als er den Ort erreichte, fand er das Haus voller Leute vor, aber von den Missionaren war niemand da. Er setzte sich unter die Leute und hörte sie sagen: „Die Mormonen haben uns zum Narren gehalten.” Als zum festgesetzten Zeitpunkt die Missionare immer noch nicht da waren, stand er auf und bat die Leute freundlich, ihm ihre Aufmerksamkeit zu schenken. Verwundert sahen die Leute den Jungen an! Aber sie waren so ruhig, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören können. Nach der Versammlung kam jeder der Anwesenden zu ihm, schüttelte ihm die Hand und bedankte sich bei ihm. Einige der Anwesenden haben sich danach der Kirche angeschlossen und sind nach Zion ausgewandert.
„Der Arzt der Abteilung”
Im Alter von 16 Jahren wurde Bruder Lund zum Ältesten ordiniert und zum Präsidenten der Gemeinde Aalborg und zum reisenden Ältesten für fünf andere Gemeinden berufen. Dies war eine sehr verantwortungsvolle Aufgabe für Bruder Lund, und zwar besonders deswegen, weil die Gemeinde groß war und viel Fürsorge und Aufmerksamkeit erforderte.
Bruder Lund setzte seine missionarische Tätigkeit bis zum Jahre 1862 fort, wo er mit 18 Jahren nach Utah auswanderte. Er verließ Hamburg auf der „Benjamin Franklin”. Als das Schiff in Hamburg noch vor Anker lag, schlichen sich die Masern ein und befielen die Kinder. An Bord des Schiffes gab es keinen Arzt, und der Kapitän wollte nur auf Weisung eines Arztes Medikamente zur Verfügung stellen. Daraufhin brachte Bischof Madsen diese Angelegenheit vor die Heiligen.
Schließlich wählte man Bruder Lund zum Arzt der Abteilung. Er erhielt vom Kapitän die Kiste mit Medikamenten und mit ihnen ein Buch, das von den alltäglichen Krankheiten und deren Behandlung handelte. Bruder Lund studierte dieses Buch fleißig, und er kam bald seinen Aufgaben so gut und gewissenhaft nach, dass er das Vertrauen der Schiffsbesatzung und der Passagiere erwarb. Bruder Lund kam kaum zur Ruhe. Hin und wieder musste er sich sogar verstecken, damit er etwas schlafen konnte. Das war bestimmt bemerkenswert für einen Arzt, der sein Diplom durch eine öffentliche Wahl und nicht von einer medizinischen Fakultät erhalten hatte.
„Jeder schrieb Anthon H. Lund auf seinen Zettel”
„Ich kann von ganzem Herzen der Hochachtung, die am heutigen Tag Bruder Anthon H. Lund erwiesen worden ist, beipflichten. Meine Freundschaft mit ihm war so innig gewesen, wie sie, so glaube ich, für sterbliche Menschen überhaupt möglich ist. Er kam zu der Zeit in den Rat der Zwölf, als Wilford Woodruff, George Q. Cannon und Joseph F. Smith als Erste Präsidentschaft der Kirche bestätigt worden waren. Jeder der verbliebenen neun Apostel und ihr Ratgeber, Daniel H. Wells, wurden damals gebeten, auf einen Zettel die Namen von drei Männern zu schreiben, von denen sie gern möchten, dass sie die Lücke füllen, die von den drei Brüdern verursacht worden ist, die auserwählt worden sind, über die Kirche zu präsidieren.
Jeder der zehn Männer schrieb, ohne sich vorher beraten zu haben, Anthon H. Lund auf seinen Zettel. Von jenem Tage an bis auf den heutigen Tag habe ich kein Wort von ihm gehört, habe ich ihn nichts tun sehen, weder im privaten noch im öffentlichen Bereich, was nicht in jeder Hinsicht eines Heiligen der Letzten Tage oder eines Jüngers und Apostels des Herrn, Jesu Christi, zu welchem Amt er berufen gewesen ist, würdig gewesen wäre. Als ich in Japan war und vom Tod Präsident Lorenzo Snows erfuhr, sagte ich zu meinen Begleitern: „Wenn sich Bruder Joseph F. Smith den weisesten, kenntnisreichsten und besonnensten Mann unter den Aposteln als einen seiner Ratgeber aussuchen wird, dann wird er Anthon H. Lund erwählen.” Und ich glaube, es ist überflüssig zu sagen, dass ich mich sehr gefreut habe, als die Nachricht gekommen ist, dass Bruder Lund auserwählt worden ist.
verwendete Quellen
- Stern August 1974: Auszüge aus dem Buch „Exceptional Stories from the Lives of Our Apostles”, zusammengestellt von Leon R. Hartshorn; mit freundlicher Genehmigung der Deseret Book Co., Salt Lake City.
