Abtreibung

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„Leben entspringt dem Leben und ist ein Geschenk des himmlischen Vaters. Es ist so ewig wie er. Er sendet unschuldiges Leben nicht, damit es vernichtet wird.”

Ansprache von Elder Russell M. Nelson auf der 155. Frühjahrs-Generalkonferenz 1985

Ehrfurcht vor dem Leben

Ich bete darum, daß der Geist des Herrn mir helfen möge, den Sinn und den Willen des Herrn zu einer sehr wichtigen und heiklen Angelegenheit auszudrücken. Ich entschuldige mich für Worte, die mir widerstreben und die für dieses heilige Rednerpult nicht angemessen sind. Ich verwende sie nur, damit deutlich wird, was ich in bezug auf Ehrfurcht vor dem menschlichen Leben sagen möchte.

Als Söhne und Töchter Gottes halten wir das Leben als Geschenk von ihm in Ehren. Der Krieg fordert seinen Tribut an Menschenleben, das belegen die Statistiken aus allen Ländern. Allein aus den Vereinigten Staaten wurden im Ersten Weltkrieg hunderttausend Menschen getötet; im Zweiten Weltkrieg starben über vierhunderttausend. In den ersten zweihundert Jahren seit Bestehen der Vereinigten Staaten haben mehr als eine Million Amerikaner aufgrund kriegerischer Auseinandersetzungen ihr Leben verloren.

So bedauerlich es auch ist, wenn man Angehörige im Krieg verliert, so erscheinen diese Zahlen doch unscheinbar verglichen mit dem Tribut, den ein neuer Krieg erfordert, der jährlich mehr Todesopfer fordert als alle Kriege zusammengenommen, in die unser Land verwickelt war. Dieser Krieg wird gegen diejenigen geführt, die sich nicht selbst verteidigen können, die keine Stimme haben. Es ist ein Krieg gegen die Ungeborenen.

Dieser Krieg, „Abtreibung” genannt, hat die Ausmaße einer Epedemie angenommen und die ganze Welt überzogen. Allein 1974 wurden weltweit über fünfundfünfzig Millionen Abtreibungen gemeldet. [1] Vierundsechzig Prozent der Weltbevölkerung leben heutzutage in Ländern, in denen die Abtreibung legalisiert ist. [2] In den Vereinigten Staaten werden jährlich über 1,5 Millionen Abtreibungen durchgeführt. [3] Ungefähr 25 bis 30 Prozent aller Schwangerschaften enden in der heutigen Zeit mit einer Abtreibung. [4] In einigen Großstadtgebieten werden mehr Abtreibungen durchgeführt, als Kinder geboren werden. [5] Aus anderen Ländern kommen vergleichbare Statistiken.

Und trotzdem bekundet die Gesellschaft Ehrfurcht vor dem menschlichen Leben. Wir weinen um die Toten und beten und ringen um diejenigen, deren Leben in Gefahr ist. Jahrelang habe ich mit anderen Arzten hier und in Übersee zusammengearbeitet und mich bemüht, Leben zu verlängern. Der Kummer, der einen Arzt bewegt, wenn das Leben eines seiner Patienten nicht mehr zu retten ist, ist unbeschreiblich. Kann sich jemand vorstellen, wie uns zumute ist, wenn das Leben gleich zu Beginn seines Wachstums zerstört wird, als wenn es völlig wertlos wäre?

Was für eine Unbeständigkeit bringt Menschen dazu, einerseits um ihre Toten zu trauern, aber andererseits dem traurigen Krieg, der gegen das Leben zum Zeitpunkt seiner stillen Entwicklung geführt wird, gleichgültig gegenüberzustehen? Was für eine Logik steckt dahinter, wenn man sich anstrengt, das Leben eines schwerkranken zwölf Wochen alten Babys zu retten, andererseits aber ein anderes Leben zwölf Wochen nach der Empfängnis beendet? Offensichtlich wird jemandem in der Todeszelle mehr Beachtung geschenkt als den Millionen, die gar nicht erst die Möglichkeit zum Leben erhalten, weil sie bereits vor ihrer Geburt auf abscheuliche Weise umgebracht werden.

Der Herr hat immer wieder verkündet: „Du sollst nicht töten!” [6] Und in neuerer Zeit hat er noch hinzugefügt. „und auch sonst nichts Derartiges tun.” (LuB 59:6.)

Schon bevor die Fülle des Evangeliums wiederhergestellt wurde, war den Aufgeklärten bewußt, daß das Leben heilig ist. Johannes Calvin, ein Reformator des sechzehnten Jahrhunderts, hat folgendes geschrieben: „Es scheint viel schrecklicher zu sein, wenn man einen Menschen zu Hause umbringt als wenn man ihn draußen auf dem Feld umbringt, denn das Haus ist der sicherste Zufluchtsort. Daher sollte man sicher meinen, daß es höchst abscheulich ist, den Fötus im Mutterleib zu töten, ehe er das Licht der Welt erblickt hat.” [7]

Wer kann es sich jetzt anmaßen, das zu legalisieren, was Gottes Gesetze seit Anbeginn an untersagen? Was für eine verdrehte Logik hat mythische Grundsätze in verzerrte Schlagwörter umgewandelt, die einem Verfahren zustimmen, das völlig falsch ist? Diese Schlagwörter beginnen mit der berechtigten Sorge um die Gesundheit der Mutter. Gelegentlich können sich Umstände ergeben, die die Fortsetzung der Schwangerschaft für die Mutter lebensbedrohlich werden lassen. Wenn kompetente Ärzte zu der Ansicht gelangen, daß ein Leben beendet werden muß, um das andere zu retten, so sind sich viele einig darüber, daß es besser ist, das Leben der Mutter zu retten. Aber das kommt selten vor, besonders dann nicht, wenn eine moderne medizinische Versorgung gewährleistet ist.

Weiter gibt es Schwangerschaften, die durch inzestiöse Beziehungen oder Vergewaltigung entstanden sind. Das ist eine besonders tragische Angelegenheit, weil hier der Frau, die unschuldig darin verwickelt ist, die Entscheidungsfreiheit versagt bleibt. Allerdings werden weniger als 3 Prozent aller Abtreibungen aus den genannten Gründen durchgeführt. [8] Die übrigen 97 Prozent werden aus, sagen wir „Bequemlichkeit” abgebrochen. Manche sprechen für eine Abtreibung, weil das Kind behindert sein könnte. Es ist eine Tatsache, daß bestimmte Infektionskrankheiten oder Gifte im ersten Drittel der Schwangerschaft schädlich für den Fötus sind.

Man kann aus der Erfahrung eines Paares lernen, das ich hier Bruder und Schwester Brown nennen möchte. Schwester Brown war damals erst einundzwanzig Jahre alt, eine schöne Frau und gute Ehefrau. Im ersten Drittel ihrer Schwangerschaft bekam sie die gefürchteten Röteln. Man riet ihr zur Abtreibung, weil das Baby fast sicher geschädigt sei. Die meisten Angehörigen rieten ihr aus liebevoller Sorge heraus zur Abtreibung und verstärkten den Druck damit nur noch: „Belastet euch doch nicht mit einem behinderten Kind. Ihr seid einfach zu jung und habt nicht genug Geld.” Bruder und Schwester Brown wandten sich an ihren Bischof. Er verwies sie an den Pfahlpräsidenten, der sich ihre ernsten Befürchtungen anhörte und ihnen riet, dem Leben des Babys kein Ende zu setzen, auch wenn es behindert sein könnte. Er zitierte folgende Schriftstelle:

„Mit ganzem Herzen vertrau auf den Herrn, bau nicht auf eigene Klugheit; such ihn zu erkennen auf all deinen Wegen, dann ebnet er selbst deine Pfade.” (Sprichwörter 3:5f.)

Sie entschlossen sich, diesen Rat zu befolgen, und ließen ihr Kind auf die Welt kommen – ein wunderhübsches kleines Mädchen, das in jeder Hinsicht normal war, abgesehen von der Taubheit, die sich aber erst später zeigte. Nach einem Test an einer Schule für Gehörlose sagte man Bruder und Schwester Brown, daß ihr Kind den Intelligenzquotienten eines Genies habe. Jetzt, ungefähr zwanzig Jahre später, hat dieses Kind ein Stipendium für eine große Universität.

Als die Browns vor kurzem gefragt wurden, wie sie heute über die damals schwerwiegende Entscheidung denken, sagte die Mutter spontan:

„Sie bringt soviel Freude in mein Leben! Sie ist ein ganz besonderer Mensch. Sie kann zwar nicht hören, aber sie hat diesen Mangel mit größeren Fähigkeiten in anderen Bereichen mehr als wettgemacht. Ihre Augen blicken voller Aufmerksamkeit. Sie ist eine ausgezeichnete Tänzerin, obwohl sie Töne nur als Schwingungen wahrnehmen kann. In der Schule hat sie Amter bekleidet. Aber am wichtigsten ist ihre Offenheit, ihre bedingungslose Liebe. Sie zeigt uns, wie man dient und teilt. Ihre geistige Gesinnung hilft uns, Gott und seine Absichten zu verstehen. Mein Mann und ich sind so dankbar, daß sie eins unserer Kinder ist.”

Betrachten Sie einen anderen Fall, in dem eine Mutter die Folgen einer Schwangerschaft abwog. Sie war schon über das Alter hinaus, in dem man normalerweise Mutter wird. Sie sagte dem Arzt, ihr Mann sei Alkoholiker und leide an Syphilis. Eins ihrer Kinder war tot geboren worden, ein anderes litt an Tuberkulose. In ihrer Familie war Taubheit erblich. Außerdem lebte sie in äußerster Armut. Heutzutage würden viele in einer solchen Situation, die sich tatsächlich so zugetragen hat, zur Abtreibung raten. Das Kind, das sie später gebar, war der bekannte Komponist Ludwig van Beethoven.

Aber der hier angesprochene Grundsatz gilt nicht nur für diejenigen, die zu Großen werden. Wenn jemand des Lebens beraubt wird, weil er möglicherweise mit körperlichen Behinderungen geboren wird, so müßten konsequenterweise auch diejenigen, die bereits leben und derartige Behinderungen haben, umgebracht werden. Daraus folgt weiter, daß auch diejenigen, die schwach, unbegabt oder unbequem sind, ebenfalls von den Machthabern umgebracht werden müßten. Solche Mißachtung für das Leben ist einfach undenkbar!

Ein anderer Streitpunkt ist folgender: Die Frau kann mit ihrem Körper machen, was sie will. Das gilt in bestimmtem Maße für uns alle. Wir haben die Freiheit, zu denken, zu planen und dann zu handeln. Aber wenn wir einmal etwas getan haben, können wir uns der Konsequenzen nicht entziehen. Wer eine Abtreibung erwägt, hat vorher bereits bestimmte Entscheidungen getroffen.

Dieser Gedanke läßt sich am Beispiel eines Astronauten verdeutlichen: Während des Auswahlprozesses und der Planungs- und Vorbereitungsstufe kann er es sich jederzeit anders überlegen. Wenn aber die Rakete einmal gezündet ist, hat er keine Entscheidungsfreiheit mehr. Selbst wenn es Schwierigkeiten gibt und er vielleicht nicht mehr will, hat er die Entscheidung, die er getroffen hat, durch sein Handeln besiegelt.

Das gleiche gilt auch für diejenigen, die mit der gottgegebenen Zeugungskraft unsachgemäß umgehen. Sie haben die Möglichkeit, anders zu denken und zu planen, doch ihre Entscheidung wird durch ihr Handeln besiegelt. Daß die Frau mit ihrem Körper machen kann, was sie will, heißt nicht, daß sie das gleiche Recht auch für einen anderen Körper hat. Der Ausdruck "eine Schwangerschaft abbrechen" trifft eigentlich nur auf die Frau zu. Denn bei einem Schwangerschaftsabbruch sind auch der Körper und das Leben eines anderen betroffen. Beide, die Frau und der Fötus haben ihr eigenes Gehirn, ihr eigenes Herz und ihren eigenen Blutkreislauf. Man leugnet die Wirklichkeit, wenn man behauptet, es handle sich nicht um ein Kind und nicht um ein Leben.

Es geht gar nicht darum, wann das Leben beginnt oder wann der Geist den Körper belebt. Die Biologie geht davon aus, daß Leben beginnt, wenn sich zwei Zellen zu einer vereinigen und beide je dreiundzwanzig Chromosomen einbringen, vom Vater und von der Mutter. In diesen Chromosomen sind Tausende von Genen enthalten. Auf wundersame Weise sorgt eine Kombination aus genetischen Codes dafür, daß alle grundlegenden menschlichen Charaktereigenschaften des Ungeborenen festgelegt werden; ein neuer DNA-Komplex entsteht. Das Wachstum geht weiter, bis sich ein neues menschliches Wesen entwickelt hat. Der Beginn des Lebens ist eine wissenschaftliche Tatsache, nicht ein Thema, über das debattiert werden kann.

Ungefähr zweiundzwanzig Tage nach der Zellverschmelzung fängt das kleine Herz zu schlagen an. Nach sechsundzwanzig Tagen beginnt das Blut zu kreisen. [9] Die heiligen Schriften sagen: „Die Lebenskraft des Fleische sitzt nämlich im Blut.” (Levitikus 17:11.) Bei der Abtreibung wird unschuldiges Blut vergossen.

Eine andere Entschuldigung, mit der die Abtreibung gerechtfertigt werden soll, spricht von Bevölkerungsbeschränkung. In den Entwicklungsländern schreiben viele unwissentlich ihre Armut der Überbevölkerung zu. Sie vegetieren dahin und beachten Gott und seine Gebote nicht, sondern verehren vielleicht Dinge, die sie selbst geschaffen haben (oder überhaupt nichts), während sie erfolglos versuchen, die Bevölkerungszahlen durch die ansteigende Zahl von Abtreibungen zu begrenzen. Sie leben in Verwahrlosung und sind blind gegenüber Gottes Lehre – die nicht nur einmal, sondern vierunddreißig Mal in den Schriften genannt wird –, daß es einem Volk nämlich nur dann gutgeht, wenn es Gottes Gebote befolgt. [10]

Wie kann Gott aber seine Verheißung erfüllen, es seinen Kindern, wenn sie gehorsam sind, gutgehen zu lassen, wenn sie statt dessen Götzen anbeten oder Leben zerstören, das er gegeben hat, das ausersehen ist, sein Abbild zu sein? Es wird ihnen nur dann gutgehen, wenn ihre Bildung und Erziehung auch Gehorsam und den Glauben an den Gott dieser Welt einschließt, der gesagt hat:

„Ich, der Herr, habe . . . die Erde gebaut, ja, meiner Hände Werk; und alles darin ist mein. Und es meine Absicht, zu sorgen.. . Aber es muß notwendigerweise auf meine Art und Weise geschehen; ... Denn die Erde ist voll, und es ist genug vorhanden, ja, daß noch übrigbleibt.” (LuB 104:14-17.)

Als Knecht des Herrn möchte ich pflichtgemäß diejenigen warnen, die der Abtreibung zustimmen und sie durchführen. Sie erregen den Zorn des allmächtigen Gottes, der gesagt hat: „Wenn Männer ... eine schwangere Frau treffen, so daß sie eine Fehlgeburt hat, dann soll der Täter eine Buße zahlen.” (Exodus 21:22.)

Und über diejenigen, die unschuldiges Blut vergießen, hat ein Prophet folgendes gesagt:
„Die Richtersprüche, die er in seinem Grimm aussprechen wird, werden gerecht sein; und das Blut der Unschuldigen wird als Zeuge gegen sie dastehen und am letzten Tag mächtig gegen sie schreien.” (Alma 14:11.)

Die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage hat sich immer wieder gegen die Abtreibung ausgesprochen. Vor einhundert Jahren schrieb die Erste Präsidentschaft folgendes: „Wir nehmen erneut die Gelegenheit wahr, die Heiligen der Letzten Tage vor Praktiken . . . wie der Tötung der Leibesfrucht oder der Kindestötung zu warnen.” [11]

Zu Beginn seiner Amtszeit als Präsident hat Präsident Spencer W. Kimball folgendes gesagt: „Wir verdammen die Abtreibung und fordern unser Volk auf, diese schwerwiegende Übertretung zu unterlassen.” [12] Warum ein Leben vernichten, das anderen so viel Freude bringen kann?

Gibt es aber nun Hoffnung für diejenigen, die ohne vollen Einblick eine derartige Sünde begangen haben? Ja. Soweit wir wissen, betrachtet der Herr diese Übertretung nicht als Mord. Und „soweit es offenbart worden ist, kann man von der Sünde der Abtreibung umkehren und Vergebung erlangen”. [13]

Dankbar wissen wir, daß der Herr all denen helfen wird, die wirklich umkehrwillig sind. Ja, das Leben ist kostbar! Niemand kann ein neugeborenes Baby auf den Arm nehmen und ihm in die Augen schauen, die kleinen Finger spüren und dieses wunderbare Geschöpf streicheln, ohne tiefe Achtung vor dem Leben und unserem Schöpfer zu empfinden.

Leben entspringt dem Leben und ist ein Geschenk des himmlischen Vaters. Es ist ewig wie er. Er sendet unschuldiges Leben nicht, damit es vernichtet wird! Dieser Lehrsatz stammt nicht von mir, sondern vom lebendigen Gott und seinem Sohn, von dem ich Zeugnis ablege im Namen Jesu Christi. Amen.

Literaturhinweise

  • [1] Christopher Tietze, Inducted Abortion: A World Review, Seite 19
  • [2] Ebd., Seite 7, 19-37
  • [3] Siehe Stanley K. Henshaw, Jacqueline Darroch Forest, Ellen Sullivan und Christopher Tietze, „Abortion Services in the United States, 1979 and 1980”,

Family Planning Perspective, JanuarlFebruar 1982, Seite 1, 7

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